Gott im Gespräch mit meiner Freiheit

Die Freiheit zwingt uns, ständig mit uns zurate zu gehen. Denn wir müssen entscheiden, was wir vorhaben, was wir betreiben wollen. Haben wir uns für ein Ziel entschieden, müssen wir ständig auf die freien Entscheidungen anderer reagieren. Falls ich meine Freiheit von Gott habe, dann müsste er in dem Gespräch vorkommen. Da sind wir bereits mitten in der Auseinandersetzung mit dem Islam. Denn wenn nach dem Islam Gott die Menschheitsgeschichte durch seine Gesetze regiert, dann braucht es eben nur die Gesetze. Das Christentum ist meist auch dieser Überzeugung gefolgt, trägt aber eine andere Konzeption mit sich, eben die der Freiheit. Freiheit meint nicht nur ein Potential, sondern eine von mir selbst gestaltete Biografie. Soll diese frei sein, dann müssen wir die Freiheit tiefer verstehen.

Foto: hinsehen,net

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Freiheit heißt Einmaligkeit

Freiheit ist nicht Natur. Denn wenn Freiheit Natur wäre, dann würde ich allenfalls der Wirkung der Naturgesetze zuschauen. Ich soll aber selbst entscheiden und nicht irgendwelche Kräfte, und sei es ein geheimnisvolles Schicksal, über mich herrschen lassen. Freiheit gehört aber auch zu meiner „Natur“, denn ich kann sie nicht abschütteln. Die Natur gibt mir noch etwas anderes vor, nämlich eine einmalige Iris. Ich bin etwas Einmaliges und soll dann wohl auch mit meiner Biographie einmalig werden. Entscheidungen alleine machen mich allerdings noch nicht einmalig. Denn den Beruf, für den ich mich qualifiziere, die Automarke, die ich auswähle, den Film, den ich anschaue, all das wählen auch andere. Das ginge auch nicht anders. Denn wenn alle Leute sich ein Auto leisten sollen, dann kann das mit Einzelanfertigung nicht gelingen. Dann gibt es für den Gebrauch der Freiheit moralische Normen, vorgegebene Verhaltensregeln, die ebenso nicht auf Einmaligkeit hin zielen. Deshalb muss die Einmaligkeit meiner Biografie auf einer Ebene tiefer gesucht werden.

Einmaligkeit überschreitet die Gesetzesebene

Der Mensch ist in seinem Verhalten moralischen Gesetzen unterworfen. Diese wirken nicht wie die Gesetze der Physik, sondern müssen vom einzelnen, auch oft gegen seinen eigenen Vorteil, beachtet werden. Die Gebote formulieren alltagstauglich die Menschenrechte im Zusammenleben. Wer belogen, bestohlen, sexuell verführt oder ausgebeutet wird, kann seine Freiheit nicht umsetzen. Wer seine Eltern nicht achtet oder gar andere mit dem Leben bedroht, der nimmt ihnen Lebensraum.
Das sichert aber erst einmal nur den Freiheitsraum des anderen und, wenn die anderen sich an die moralischen Normen halten, auch meinen. Was ich mit meiner Freiheit dann mache, ist durch die Gesetze nicht schon vorgegeben. Denn da ich nicht als einzelner, sondern mit anderen den Gesetzen unterworfen bin, machen Gesetze mich erst einmal mit den anderen gleich. Soll ich nicht nur mit meiner Iris, sondern auch mit meiner Freiheit einmalig sein, muss es die Chance zur Einmaligkeit geben. Denn wirkliche Freiheit besteht nicht darin, dass ich aus 500 Fernsehprogrammen eines „frei“ auswählen kann, sondern dass aus meinem Leben das wird, was nur ich daraus machen kann. Freiheit, die mehr ist als Wahlfreiheit, verlangt das und die Naturgesetze lassen in ihren Grenzen diese Einmaligkeit zu. Die Quantenphysik kann zeigen, u.a. mit der Unschärferelation, dass die Natur mir die Einmaligkeit nicht verstellt. Da meine Freiheit nicht aus der Natur kommen kann, sondern nur von einem Jemand, muss dieser meine Einmaligkeit wollen. Wie das verstanden werden und wie eine konkrete Lebensgestaltung „in Freiheit“ realisiert werden kann, damit beschäftigen sich gerade die Religionen. Faktisch üben sie einen großen Einfluss auf das Freiheitsverständnis aus, sogar bei ihren Gegnern.

Gesetz oder Freiheit

Der Islam tritt uns in der Weise entgegen, dass er die Befolgung der Gebote fordert und auch erzwingen will. Wenn die Scharia gilt, so scheint es, ist der Wille Gottes angemessen erfüllt. Auch das Christentum erscheint oft als moralische Instanz und fordert im Namen Gottes die Einhaltung der 10 Gebote. Darunter gibt es aber eine andere Ebene des Religiösen, die den Menschen in eine persönliche Beziehung zu Gott ruft. Diese Beziehung ist nicht durch Gesetze bestimmt, sondern durch das Prinzip der Gnade. Der Mensch verdankt nicht nur seine Existenz und sein Personsein mit der dazu gehörenden Freiheit Gott, sondern auch die Lösung von Schuld, wenn er sich gegen die Menschenrechte vergangen hat. Im Zusammenhang mit Schuld wird die Gnade als Geschenk der Freiheit erlebt, nämlich von den Nachwirkungen der Schuld befreit zu werden. Auf diese tiefere Ebene des Christlichen hat Luther vor 500 Jahren befreiend aufmerksam gemacht.
Sichern die 10 Gebote die Freiheit der anderen, so eröffnet die Beziehung zu Gott den Raum für mein einmaliges Leben. Dieses verlangt dann etwas anderes, als dass mein Leben von Gott vorherbestimmt ist. Denn meine Entscheidung muss in die Einmaligkeit meiner Biografie einfließen. Welchen Anteil hat Gott aber an dem Gelingen meiner Einmaligkeit?

Beruf und Berufung

In beiden Worten findet sich das Wort „Ruf“, der zwar auch von Menschen ausgesprochen wird, wenn z.B. jemandem mit einer Stelle ein Auftrag übertragen wird. In dem früheren Wort „Berufung“ meint der Ruf ein inneres Angesprochensein. Er kann einen über die Aufforderung eines Menschen erreichen. Jedoch wird dieses äußere Wort erst dann als Berufung erfahren, wenn innerlich ein Erlebnis ausgelöst wird: „Das ist es, das gibt meinem Leben Inhalt.“ Von diesen Berufungserfahrungen berichten viele Menschen. In der religiösen Tradition werden die Berufungen weiter erzählt, die eine ausgesprochene religiöse Berufung zur Meditation, zum Prophetentum, zum Priestertum beinhalten. Berufungen gibt es genauso für das Politische, für Gewerkschaftsarbeit, für Gesundheitsberufe, als Erzieherin, als Lehrer, Künstler wie für Modedesigner, Techniker, für den Handel, den Aufbau eines Unternehmens. Der Ruf wird nicht unbedingt als Ruf Gottes erlebt, er wird jedoch in dem Raum wahrgenommen, wo ich auf das Absolute, den Spruch des Gewissens, die Frage nach dem Sinn meines Lebens stoße. Da sich eine Berufung jedoch nicht nur im Inneren eines Menschen abspielt, sondern sich nach außen umsetzt, gibt es sogar einen Erweis, der auf der Ebene  der Psychologie anzusiedeln.

Empirische Bestätigung für die Tatsache von „Berufung“

Wenn Gott zu mir spricht, dann muss das über die Wahrnehmungsebene geschehen, mit der der Mensch Zugang zu Gott hat. Das sind nicht die Sinnesorgane, zumal Gott diesen schon deshalb nicht zugänglich ist, weil er nicht innerhalb von Raum und Zeit existiert. Über diese Ebene, die sich auch im Gewissen artikuliert, gibt es von außen keine Einsicht. Sie wird weder durch ein Elektronenmikroskop noch durch Messung der Gehirnströme zugänglich. Nur der einzelne kann anderen davon berichten. Das gilt für andere Bewusstseinsinhalte, bei denen die Psychologie auch darauf angewiesen ist, dass die Menschen über ihr inneres Leben Auskunft geben. Auf lange Sicht allerdings wird am Verhalten des Berufenen deutlich, dass er einem solchen Ruf zur Einmaligkeit folgt. Der Komponist oder Maler, der trotz größter Geldnot bei seinem Metier bleibt, zeigt seine Berufung. Der Politiker, Journalist, Priester, der gegen äußere Widerstände bei seiner Linie bleibt, hat offensichtlich einen Ruf gespürt. Hätte er die Berufung von Menschen erhalten, müsste er ja auf die Widerstände reagieren und sich neu orientieren. Gerade aber das würde der inneren Logik einer Berufung widersprechen.

Eckhard Bieger S.J.

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