Die tödliche Mitte

Um nicht aufzufallen, verhält man sich normal. Um sich als ein eigenständiges Individuum fühlen zu können, will man nicht normal sein. Woran man sich jedoch orientiert, wenn man von Normalität spricht, unterliegt weniger einer Norm als mehr einem Geschmack oder einer Meinung. Wird eine Norm erstellt, trägt man von außen etwas an ein Objekt heran und formt es nach vorher vereinbarten oder gesetzten Kriterien. Ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze werden jedoch nicht produziert und unterliegen damit bei ihrer Entstehung keiner Normierung, auch wenn der Mensch immer mehr in diesen Prozess der „willkürlichen“ Entstehung eingreift und die Grenzen sich verwischen. Die Normalität des menschlichen Verhaltens hingegen resultiert aus einer Einschätzung der typischen Anteile, also dem, was den Menschen als Menschen ausmacht, und dem, was als überwiegend zu beobachtendes Verhalten gelten kann.

Foto: hinsehen.net

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Die Frage nach dem Normalen ist wohl eher ein neuzeitliches Problem. Die Industrialisierung hat es möglich gemacht, massenhaft Waren zu produzieren und musste Normierungen vornehmen, die möglichst weit sind, um keinen potenziellen Käufer auszuschließen. Regelmäßig werden die Körper der Menschen vermessen und Konfektionsgrößen angepasst. Für einen Schneider, der nach Maß arbeitet, ist diese Normierung relativ unwichtig. Vor den europäischen Normen für Bananen hat wohl niemand an solche Eingrenzungen gedacht. Und erst wenn man Menschen im Reagenzglas formen kann, lassen sich die Fragen um eine Normierung auch des Menschen nicht verdrängen.

Das Fremde ist nicht mehr fremd

Wenn Normierungen vorgenommen werden und dies die Perspektive ist, mit der man auf die Sachen schaut, dann ist das Fremde eine unsinnige Kategorie, denn das, was als fremd galt, wird definiert als nicht der Norm entsprechend. Das Fremde und der Fremde werden dann ausgeschlossen. Was befremdlich war, verliert den provozierenden Charakter. Die Neugier auf das Andere verwandelt sich in den negativen Blick auf das von der Norm Abweichende. Es gibt Anpassung oder Extravaganz, der Mut, auf das Fremde oder den Fremden zuzugehen, wird zur Standortbestimmung in einer Gesellschaft. Umgekehrt wird dem Fremden das Fremdsein verwehrt und als außerhalb der Norm definiert. Wer sich als Fremder erlebt, kann sich bekannt machen, wer sich als abseits der Norm erlebt, hat nur die Chance, sich anzupassen und damit dann der Norm zu entsprechen. Am Anfang eines Prozesses der Annäherung steht in einer normorientierten Gesellschaft das Ausgeschlossensein und nicht die Angst vor dem Anderen.

Die verdrehte Solidarität mit den Ausgeschlossenen

In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die den verdeckten oder offenen Normen einer Gesellschaft nicht entsprechen. Entsprechend der Abweichung von der Mitte verstärken sich das Gefühl und die Gewissheit des Ausgeschlossenseins. Der Blick ist auf die Mitte der Gesellschaft fixiert, denn nur so kann Orientierung bezogen auf die Normierung stattfinden. Es findet weniger eine Solidarität mit den ebenfalls Ausgeschlossenen statt, denn durch die Fixierung auf die Mitte ist der Blick nach links und rechts erschwert. Dabei ist es egal, auf welcher Seite jemand steht. Entscheidend ist die Entfernung von der Mitte. Es werden die Mitglieder einer Gesellschaft zwischen der eigenen Position und der Mitte als störend angesehen, da sie den Weg zur Mitte versperren. Personen, die neu in eine Gesellschaft kommen, irren zunächst irgendwo zwischen Mitte und ganz draußen herum. Ihre Position ist dynamisch, die der anderen statisch. Gelegentlich versperren sie die Sicht auf die Mitte und werden dadurch zum Ärgernis, nicht etwa weil sie sich dazwischen gedrängelt hätten. Um wieder eine freie Sicht auf die Mitte zu haben, muss die Möglichkeit einer Bewegung verhindert werden, damit sich niemand mehr zwischen eigener Position und Mitte stellen kann. Dafür ist es notwendig, sich mit anderen gemein zu machen oder zu solidarisieren, die nicht wegen ihrer Zugehörigkeit zur selben Gruppe oder den Überzeugungen zum Bündnispartner werden, sondern weil sie instrumentalisiert werden können, Hürden und Barrikaden aufzubauen, um den Weg zur Mitte freizuhalten. Das gesellschaftliche Leben wird damit verlangsamt und starrer. Gleichzeitig werden Verschiebungen auch brutaler oder gewalttätiger, weil die Strukturen weniger elastisch sind.

Das Ende der Weltanschauungen

Die Normierung und die starr fokussierte Ausrichtung auf die Mitte, verhindert die hoffnungsvolle Annahme, dass es eine Verbindung jenseits der jeweiligen Positionen in oder zur Mitte hin geben könnte. Eine über die Position hinausgehende Weltanschauung wäre für die Statik des Weges zur Mitte kontraproduktiv, denn eine solche würde die Fixierung auf die Mitte aufheben. Das, was sich dann noch als Ideologie zeigt, ist nur noch oberflächlich und der Anschein einer Weltanschauung. Die notwendige Solidarität besteht nicht darin, mit Gleichgesinnten eine Basis zu finden, sondern darin, dass unabhängig von der Weltanschauung ein Zusammenschluss stattfindet und dies nicht, um sich inhaltlich anzunähern. Das Ziel wäre es, auch durch den Streit der Meinungen, die Achsen einer Gesellschaft zu verdrehen. Die Normierung und damit die Ausrichtung auf die Mitte würden hin zu einem chaotischen Gefüge gedreht, dass seine Ordnung durch Prinzipien für die Bewegung erhält und damit nicht zu einer Erstarrung einer Gesellschaft führt.

Thomas Holtbernd

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