Gottesbeweise 4: Das Gespräch der Freiheit

Wir sind ständig mit uns im Gespräch. Die Freiheit verlangt ständig Entscheidungen und dass wir nachjustieren, was wir uns vorgenommen haben. Dieses Gespräch, wie wir unser Lebensschiff steuern, findet in uns statt und zugleich vor dem Forum der anderen, denn ihre Meinungen, Reaktionen, Gegenkräfte müssen wir berücksichtigen. Das Forum ist noch größer, denn wir spüren auch die Einsprüche unseres Gewissens. Unterhalten wir uns auch mit dem Urheber unserer Freiheit, wie wir sie verwirklichen?

Foto: hinsehen.net

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Unserer Freiheit können wir nicht von außen zuschauen, was sie wohl machen wird. Das geht mit unserem Körper schon eher. Man kann ja den Puls und den Blutdruck messen auf das Hungergefühl und Schlafbedürfnis reagieren. Freiheit ist nicht unsere Natur, sondern sie ist wir selbst, weil wir Urheber unserer Handlungen sind. Freiheit heißt daher immer, dass wir mit uns zurate gehen. Dieses Gespräch geht den ganzen Tag und sogar im Traum weiter, denn wir überlegen, was wir machen, wie wir reagieren, wie wir unser Ziel im Auge behalten können. Nur ein guter Roman, ein Film, ein spannendes Spiel entlastet uns von dem ständigen Mit-sich-zurate gehen. Dieses Gespräch führen wir nicht nur mit uns allein, sondern mit anderen und vor der Instanz, die uns in unserem Gewissen anspricht.

Andere sind immer mit im Selbstgespräch dabei

Wenn wir die nächsten Schritte überlegen, sind andere mit in unseren Gedanken, nämlich wie sie reagieren werden, was sie von mir denken und sagen werden, ob sich das „schickt“, ob ich damit Erfolg habe. Das kann ich mir aber nur vorstellen, weil ich vorher mit anderen geredet oder sie im Fernsehen beobachtet habe. Vor allem mit den Fernsehserien kann ich mir besser vorstellen, wie die anderen auf mich reagieren werden. Ich bin mit allem, was ich denke und fühle, mit anderen verwoben. Ich habe jedoch nicht nur die Erwartungen der anderen mit im Sinn, sondern auch die Spielregeln, die das Zusammenleben ermöglichen.

Der absolute Anspruch des anderen

Das Zusammenspiel mit anderen vollzieht sich nicht wie das Billardspiel, wo man Kugeln aufeinander prallen lässt und der jeweilige Winkel bestimmt, wohin die angestoßene Kugel rollt. Denn der andere reagiert auch mit Überlegung auf unsere Aktion. Das erfordert, dass ich seine Freiheit achte. Weil wir eben nicht physikalisch interagieren, können die physikalischen Gesetze unser Zusammenleben nicht regulieren. Denn die Gesetze würden uns zu Zuschauern von Abläufen und nicht zu Verursachern von Handlungen machen. Deshalb brauchen wir eben ethische Regeln, die sich von der Achtung der Freiheit ableiten lassen. Diese Regeln gelten ohne Wenn und Aber. Im Beitrag „Gott, ein Jemand oder eine Kraft“ wurde aufgezeigt, dass wir einen unbedingten Geltungsanspuch spüren. Mit diesem Anspruch ragt in uns, die wir aus dem Zufallsprinzip der Evolution stammen, etwas Nicht-Zufälliges hinein. Der Unterschied zur Physik wird noch an einem anderen Unterschied deutlich: Obwohl sich ein absoluter Anspruch an uns richtet, wirkt dieser nicht „absolut“. Denn anders als physikalische Gesetze wirken die ethischen Regeln nicht von selbst, sondern nur, indem die Person ihnen Raum gibt. Deshalb können die Handelnden ständig dagegen verstoßen und damit außer Kraft setzen, obwohl sie „unbedingt“ gelten.

Die ethischen Regeln kommen nicht aus der Natur

Weil die ethischen Regeln nicht von selbst funktionieren, sondern die menschliche Freiheit beanspruchen, müssen sie von anderswoher als aus der Natur ihren Geltungsanspruch herleiten. Weil sie nicht zufällig, sondern notwendig sind, können sie nicht aus der vom Zufall gesteuerten Evolution entstammen. Der Absolutheitsanspruch beinhaltet sogar logisch, dass sie nicht nur in unserer, sondern in allen möglichen Welten Geltung beanspruchen. Deshalb spielen die ethischen Regeln mit ihrem unbedingten Geltungsanspuch in unsre Überlegungen immer hinein, wir handeln sozusagen vor dem Forum der Ethik, also im Gegenüber des Absoluten.

Das Gewissen entspringt nicht unserer Einbildung

Dagegen kann man nun einwenden, dass die eigentliche Wirklichkeit durch die physikalischen Größen beschrieben werden müssen und die Freiheit sowie die Geltung ethischer Regeln bloß psychologische Faktoren sind. Dass diese Regeln absolute Geltung beanspruchen, sei ein bloß psychologisches Phänomen, aus dem sich kein Anspruch der Wirklichkeitsdeutung ableite. Dieser a-philosophische Ansatz nennt sich folgerichtig nicht Philosophie, sondern Naturalismus. Dieser erhebt den Anspruch, den Menschen angemessener zu deuten als die bisherige Philosophie. Philipp Müller hat gezeigt, dass dieser Ansatz mit den physikalischen Erkenntnissen des 20. Jahrhunderts nicht kompatibel ist. Er setzt u.a. gegen die Big Bang Theorie ein ewiges materielles Universum voraus und bezieht den zweiten Satz der Wärmelehre, die Entropie, nicht ein. Die Physik verlangt nach einer Meta-Physik, also nach Erklärungen hinter dem, was im Genfer CERN zugänglich wird.

Wenn der Naturalismus den Menschen erklären will, dann müsste er die Freiheit aus unserer Existenz herauskomplimentieren und dieses Gespräch der Freiheiten ausschalten. Die menschliche Tragik besteht aber nicht darin, dass wir die eigene Freiheit loswerden wollen, sondern dass wir die Freiheit des anderen nicht achten. Obwohl die ethischen Regeln unbedingte Geltung beanspruchen, setzen wir sie täglich außer Kraft, zerstören damit die Freiheit anderer und oft ihr Leben. Realistischer als der Naturalismus ist die Bibel, die schon im 4. Kapitel mit Kain und Abel den Brudermord thematisiert. Für den Menschen ist eben nicht die Geltung der Naturgesetze das Entscheidende, sondern die Anerkennung der eignen Person durch die anderen. Wir wollen nicht von unserer Freiheit befreit werden, weder von Diktaturen noch von Naturalisten, sondern mit unserer Freiheit das Leben selbst gestalten und zum Gelingen führen.

Eckhard Bieger S.J.

Ein Gedanke zu “Gottesbeweise 4: Das Gespräch der Freiheit

  1. Der Widerspruch…:
    individuelle Freiheit und Bindung (Religion/DU )-
    es fehlt eine Definition der Freiheit:
    – schon der Art-/Selbsterhaltungs- T r i e b und
    -die Not-wendig-keit im Umgang mit Widerstand und Grenzen
    -zwingen zum amöbenhaften „Versuch und Irrtum“.
    Vielleicht ist “ Freiheit “ an die Anerkennung von Grenzen gebunden :
    entspr.-
    die Erkenntnis der Unfreiheit/Befangenheit schenkt Freiheit.

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