Von der Idylle zur Genügsamkeit

Menschen fahren in den Urlaub, manche wechseln nur den Ort und sehen das, was sie zuhause sehen, nur mit ein wenig mehr Sonnenschein. Reisende erleben Landschaften, sind angetan von ihrer Schönheit und bezeichnen die Stimmung als Idylle. Die Natur wirkt unberührt und friedfertig. Die an diesen Orten lebenden Menschen scheinen in einem Paradies zu weilen. Es ist die Verklärung einer landschaftlichen Schönheit, die schnell verflogen ist, wenn der Alltag wieder seinen Raum einnimmt. Manche ließen sich gar so sehr faszinieren, dass sie das Gewohnte aufgaben und aufs Land zogen. Viele von denen haben die Toskana oder Provence wieder verlassen, weil sie erkennen mussten, dass das einfache Leben ein Luxus ist, den sie sich aufgrund vermeintlicher Notwendigkeiten nicht leisten können. Die Erfahrung, dass eine Landschaft Träume oder Sehnsüchte nach einem guten Leben weckt, kennt wohl jeder, der schon einmal verreist ist.

Foto: Verlag Tyrolia

Foto: Verlag Tyrolia

Wenn Menschen verreisen, führen sie auch Gepäckstücke mit, die gefüllt sind mit Wünschen und Sehnsüchten. Das Meer, die Berge, das ländliche Leben wirken verheißungsvoll, weil die Reiseplanung die Vorfreude so sehr gesteigert hat, dass die Realität übersehen wird. Es ist die Urlaubsbrille, mit der ein Wald zum Paradiesgarten wird. Landschaft kann jedoch auch anders betrachtet werden. Es ist Natur, in der der Mensch seine Spuren hinterlassen hat. Ein Etwas, das bevölkert ist von Geistern, guten wie bösen. Und es kann von der Unersättlichkeit oder der Genügsamkeit ihrer Eigentümer zeugen. Anrührend und stimmungsvoll wirkt eine Landschaft meist nur, wenn der Mensch mit ihr anspruchslos umgegangen ist.

Lebensspuren

Der Fotograf Wilfried F. Noisternig hat keine Idyllen fotografiert, obwohl die Motive zunächst so erscheinen. Es sind Impressionen einer Genügsamkeit. Die Fotos zwingen nichts auf, sie sind frei von ideologischen Akzenten. Da ist kein erhobener Zeigefinger zu spüren, es wird nicht zum Erhalt geschützter Lebensräume aufgerufen. Via Fotografie wird einer Lebensspur nachgegangen, die zwar vom Kugler-Bauern erzählt, die die Person jedoch weitestgehend heraushält. Nur wenige Fotos zeigen den Kugler-Bauer frontal, meist ist er Teil des Bildes wie andere Gegenstände auch. Das Individuum Kugler-Bauer verschwimmt mit dem Umfeld und wirkt gerade deshalb sehr menschlich. Die Bedeutsamkeit wird mit der Genügsamkeit verbunden. Das Leben wird als Überleben gezeigt, wie es Jacques Derrida formuliert hätte.

Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein und es wirkt nicht als Gegensatz, dass die Landschaft zu verschiedenen Jahreszeiten abgelichtet wurde. Die Fotos haben keine Dynamik in diesem Sinne, jedes Foto zeigt die Spur des Kugler-Bauern in einer fast metaphysischen Dimension. Der tatsächliche Tod scheint überwunden zu sein, weil der Kugler-Bauer als Lebensspur sich nicht vom Leben oder Sterben ableitet, so müsste mit den Gedankenspuren von Jacques Derrida festgestellt werden. Die Bilder geleiten den Betrachter in eine Stimmung, die den Kugler-Bauern als Geist in der Landschaft wahrnehmen lässt. Es wird spürbar, was die Menschen mit dem Aussprechen eines Wortes wie Idylle vielleicht ersehnen, die Hoffnung nämlich, mit der Schönheit einer Landschaft zu verschmelzen und doch als eine individuelle Spur im Ganzen zu überleben.

Form, Foto und Inhalt

Es ist bemerkenswert, wie es der Fotograf geschafft hat, die Genügsamkeit des Kugler-Bauern auf sein Fotografieren zu übertragen. Die Fotos sind schlicht, die Motive überhaupt nicht spektakulär, es drängt sich nichts auf, sie eignen sich auch kaum als Meditationsvorlagen. Und trotzdem nehmen die Fotos den Betrachter in einen Bann, der lange nachwirkt. Es ist die Spur, die sich fast geheimnisvoll mit der eigenen Spur verbindet. Zwar zeigen die Fotos viel Landschaft, doch die ist austauschbar, denn entscheidend ist die Lebensspur in der Landschaft. Allerdings gehört die Lebensspur des Kugler-Bauern genau zu dieser Landschaft.

Wie viel Erde braucht der Mensch?

Eigentlich hätten die Fotos ausgereicht. Die bekannte Erzählung von Leo Tolstoi, die in den Band mit aufgenommen wurde, stört ein wenig die Stimmung, die durch das Anschauen der Fotos entstanden ist. Je länger man diese Spannung jedoch zulässt, desto farbiger erscheinen die Fotos. Wilfried F. Noisternig hat die Erzählung mit aufgenommen, weil der Kugler-Bauer sie in einem Gespräch erwähnt hat. Die Gegensätzlichkeit schärft den Blick. Auf der einen Seite steht der tatsächliche Tod eines Bauern, der keine Spuren hinterlassen hat, weil er das Ultimative suchte, und auf der anderen Seite ist der genügsame Bauer, der sich die Frage „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ gar nicht stellt. Sein ökologischer Fußabdruck kann sich sehen lassen, doch auch das erscheint unwesentlich, da die Bedeutsamkeit der Person hinter die spürbare Lebensspur des Menschen zurücktritt.

Thomas Holtbernd

Wilfried F. Noisternig, Wie viel Erde braucht der Mensch? Lebensspuren eines Bergbauern – Ein fotografisches Porträt, Tyrolia Verlag, 34,95 Euro

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