Gottesbeweis aus dem Gottesgedanken

Gott kann vom Menschen gedacht werden. Das, obwohl Gott anders ist als alles, was uns begegnet. Denn alles auf dieser Welt könnte auch nicht sein. Gott muss aber in sich notwendig sein. Wäre er wie wir, müsste es über ihm jemand geben, der ihn verursacht hat. Gott muss auch außerhalb der Zeit und jenseits des Raumes existieren, denn Zeit und Raum gibt es erst mit dem Urknall. Folgt aber aus dem Gedanken der Notwendigkeit, dass Gott, wenn es ihn gibt, nicht nur in sich notwendig ist, sondern auch notwendig existieren muss. Es geht also um den Begriff „Notwendigkeit“. Diesem begegnen wir nicht nur im Zusammenhang mit Gott. In Bezug auf Gott wäre die Frage: Existiert Gott, weil er notwendig ist?

Christopherus

Vieles ist notwendig, so dass es gerecht zugeht, Kinder nicht missbraucht werden, überhaupt die Würde jedes Menschen geachtet wird. Die Wirklichkeit ist anders. Deshalb sind Gerechtigkeit und Menschenrecht nur Zielvorgaben. Sie gibt es nur in den Gedanken der Menschen, nicht in der menschlichen Wirklichkeit. Ist Gott auch nur eine solche Vorstellung, weil letztlich jemand die Welt im Griff haben und wenigstens das Gute belohnt und das Böse bestraft werden muss? Der auch die Hand auf den Atomwaffen hält und den Verrückten daran hindert, sie einzusetzen? Aber ist die Notwendigkeit von Gerechtigkeit nur ein Gedanke? Woher hat der Mensch denn diesen Gedanken?

Das Gewissen verpflichtet notwendig

Obwohl der Mensch aus der Evolution hervorgegangen und damit ein Produkt des Zufalls ist, kann er Notwendiges denken. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ kann zur Basis einer Gesellschaftsordnung werden. „Du sollst nicht töten“ gilt ohne Wenn und Aber, auch wenn ständig dagegen verstoßen wird. Wir nennen die Instanz in uns, die uns mit Notwendigkeit fordert „Gewissen“. Da die Notwendigkeit eigentlich nicht aus uns kommen kann, weil wir lieber unserem Vorteil als den moralischen Normen folgen, ist die „Stimme“, die zwar in uns spricht, jedoch mit einer Autorität ausgestattet ist, die uns verpflichten und daher nicht von uns kommen kann. Sie kann auf keinen Fall aus der Evolution herkommen, denn diese unterliegt ja dem Prinzip des Zufalls. Was zufällig ist, könnte auch anders sein und ist daher nicht „notwendig“.
Auch der Gedanke eines absoluten Wesens, das Raum und Zeit enthoben und doch allgegenwärtig ist, kann nicht aus dieser Welt kommen, ist diese doch in allem räumlich und zeitlich bestimmt und alles, was wir vorfinden, ist aus anderem entstanden. Mit der Notwendigkeit, die uns durch den Spruch des Gewissens erreicht, kommt etwas in uns zur Geltung, das nicht den zufälligen Veränderungen in der Evolution entstammen kann. Das Notwendige ist also eine Realität in uns,

Das Notwendige kann nicht vom nicht-notwendigen Menschen kommen
Das Notwendige ist nicht aus unserem Gehirn entsprungen, es meldet sich in uns, nicht als unsere Stimme, sondern als eine Stimme, die uns in die Pflicht nimmt. Diese Struktur, etwas ist uns, das nicht in mir seinen Ursprung hat, kann erst einmal psychologisch erklären, warum der Mensch eine Instanz über sich annimmt, die Macht über ihn hat. Psychologisch kann man dann immer noch behaupten, dass diese Instanz nur eine Wunschvorstellung sei oder nach Sigmund Freud uns als Über-Ich eingeimpft wurde. Marx und mit ihm der Kommunismus erklärt die Vorstellung eines Gottes und einer himmlischen Welt mit den Unrechtserfahrungen, die der Mensch im Kapitalismus täglich macht. Weil er nicht die Energie aufbringt, die Verhältnisse hier zu ändern, baut er sich ein himmlisches Wolkenkuckucksheim mit einem liebenden Vater, der alles wieder zurechtbiegt. Dem Kommunismus ist der Umsturz gelungen, jedoch nicht der Aufbau eines Reiches, in dem die Menschen versöhnt mit sich und den anderen leben können. Es scheint keinen kommunistischen Denker zu geben, der uns das erklären will.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Kommunismus die absolute Gültigkeit der Menschenrechte für die Zeit suspendierte, bis alle Konterrevolutionäre ausgeschaltet wären. Die Menschenrechte haben eben für den keine Geltung, der sich dem Weg des Kommunismus entgegenstellt. In seinem Roman Dr. Schiwago hat Boris Pasternak diese Aushebelung der Menschenrechte für die ersten Jahre der Revolution aufgezeigt. Man könnte den Kommunismus sogar als Beweis heranziehen, dass ohne die Geltung der Menschenrechte eine befriedigende Sozialordnung nicht funktionieren kann. Das würde aber zu keiner Evidenz führen, dass ein in sich notwendiges Wesen existieren muss.

Wenn es Absolutes gibt, dann ist es überall absolut
Der erste, der aus dem Gedanken eines höchsten Wesens dessen Existenz ableitete, war ein englischer Theologie, der um die Wende zum 12. Jahrhundert lebte. Jedoch ist der Gedankengang des Anselm von Canterbury nicht schlüssig. Er geht von einem vollkommenen Wesen aus und sagt logisch richtig: Ein vollkommenes Wesen, das auch existiert, ist vollkommener als eines, das nur gedacht wird. Auch hier bleibt der Verdacht, dass der Mensch sich eine Vorstellung von Gott macht, weil er gerne in einer idealen Welt leben würde. Der Himmel wäre tatsächlich eine Phantasievorstellung, wenn es Gott nicht gäbe. Denn es braucht ja jemanden, der mächtiger ist als der Mensch und zugleich weiser und barmherziger, der eine solche ideale Welt garantieren könnte.

Es bleibt uns nur die Notwendigkeit, die sich in der unbedingten Geltung der Stimme des Gewissens zeigt. Hier führt der Mathematiker Gödel weiter, der sich in den letzten Lebensjahren mit dem Gottesbeweis aus dem Gedanken Gottes beschäftigt hat. Er sagt, auf eine einfache Formel gebracht, dass Notwendigkeit oder etwas, das absolute Geltung beansprucht, in jeder möglichen Welt Geltung haben muss. Das gilt nicht für die Geltung der physikalischen Gesetze, denen unsere Welt unterliegt. Diese gab es z.B. die ersten Millisekunden nach dem Urknall noch nicht, sondern erst als sich Atome herausgebildet hatten. Die Gültigkeit der Menschenrechte war da jedoch bereits gegeben, auch wenn es keine Menschen gab. Jedoch ist diese Gültigkeit erst einmal auch nur ein Gedanke, es kommt dann doch darauf an, dass es Menschen gibt. Erst wenn wir den Menschen weiter verstehen, kommen wir der Frage näher, ob es den Menschen ohne Gott geben kann. Festzuhalten ist, dass der Mensch in unserem Kosmos der Ort ist, wo Unbedingtes, Notwendiges, Absolutes vorkommt. Alles Übrige in unserem Kosmos ist Produkt des Zufalls, der Mensch auch erst einmal. Ohne die Vorstellung von etwas Absolutem, in sich Notwendigen, einer Instanz, die einen unbedingten Anspruch erhebt, kann aber Gott gar nicht erfasst werden. Festzuhalten ist auch, dass Gott nicht Teil unseres Kosmos ist, denn dann könnte er ihn nicht geschaffen haben. Es bleibt aber offen, dass unsere Welt und wir mit ihr nicht von einem personhaften Gott, sondern aus einem umfassenden Universum hervorgegangen ist, eine Vorstellung, die im Hinduismus und Buddhismus anklingt. In einem nächsten Beitrag ist daher der Frage nachzugehen, ob der Mensch sozusagen naturhaft aus einem alles umfassenden Kosmos hervorgegangen ist oder ob er nur sein kann, wenn ein personhaftes Wesen ihn durch Entscheidung will.

Diese Gedankenarbeit ist für Christen unerlässlich, denn als die Christen in die hellenistischen Welt ankamen, erklärten sie das Christentum nicht als eine Religion, sondern als eine „Neue Philosophie“.

Eckhard Bieger S.J.

Link: Ontologischer Gottesbeweis nach Gödel

3 Gedanken zu “Gottesbeweis aus dem Gottesgedanken

  1. Pingback: Gott – ein Jemand oder eine Kraft? | hinsehen.net

  2. Pingback: Religion ist ein empirisches Phänomen | hinsehen.net

  3. Pingback: Religion ist ein empirisches Phänomen | hinsehen.net

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s