Wider das politisch Korrekte

„Ihr müsst böser sein!“ oder „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Auch „Ihr müsst aufhören, weniger zu trinken!“ oder „Was soll das gesunde Essen, wenn es nicht schmeckt?!“ Wir sind umgeben von Regeln, von Belehrungen darüber, was gesund sei und wie wir uns korrekt verhalten sollen. Die Sprache soll so sein, dass niemand verletzt wird oder sich verletzt fühlen könnte. Henryk M. Broder sieht in dieser allumfassenden Regelung und den alltäglichen Berieselungen dieser scheinbar wohlgemeinten Ermahnungen für ein korrektes Verhalten den Grund für eine Zunahme der Gewalt im Straßenverkehr. Wo soll der geregelte und belehrte Mensch noch hin mit seinen Emotionen und Aggressionen?

Foto: hinsehen.net E.B.

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Die These, dass wir wieder einen Krieg bräuchten, damit Gewalt und Aggressionen irgendwie kanalisiert werden können, ist nicht neu. Wirklich wollen kann das wohl niemand. Doch weil man etwas nicht will, hat man das Kernproblem noch nicht gelöst. Die Bürokratie sorgt für immer weiterreichende Beschränkungen und Regelungen. Es werden Wortungetüme gebildet, die oft kabarettreif sind. Hat man bei der Arbeit mal nichts zu tun, so wird das nicht einfach Pause genannt, sondern „arbeitsdynamisch immanent bedingte Leerlaufzeiten“. Die deutsche Amtssprache bringt Formulierungen hervor, da versagt einem die Sprache: Stirbt der Beamte während einer Dienstreise, ist diese damit beendet. Es wird kein Raum mehr gelassen für eine spontane und kreative Lösung, jede Eventualität wird bedacht und in das System eingebaut. Und durch die Rücksichtnahme auf jede Variante eines Falls wird umgekehrt Anwälten die Möglichkeit gegeben, mit dem Argument der vorhandenen Lücke irgendeinen Rechtsstreit zu gewinnen, obwohl es viel sinnvoller wäre, die Sache auf sich beruhen zu lassen oder tatsächlich einmal zu streiten.

„Mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch!“

Joschka Fischer konnte diesen Satz noch sagen. Heute würde unter dem Anschein, dass man ja nur deeskalieren möchte, zwar deutlich gemacht, dass man genau dieser Meinung sei, doch es besser sei, dies ein wenig anders zu formulieren, sonst würde man nur der eigenen Partei schaden und besser wäre es, der Presse kein Futter hinzuwerfen. Was würde wirklich passieren, wenn man sich mal in die Haare kriegt und mit Verbalinjurien um sich schmeißt? Die Presse wird es aufgreifen, doch am nächsten Tag wird schon wieder die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Warum darf der andere nicht wissen, dass ich emotional geladen bin? Wieso soll man nicht auch mal Angst bekommen, weil da jemand in Rage geraten ist? Einige Zeitgenossen fürchten die „moralischen“ Kanonen, wenn sie sich offen und noch nicht ganz zu Ende gedacht äußern. Diskussionen über Flüchtlinge sind heikel, schnell wird man ins rechte Lager gestellt, weil man ein „aber“ in den Raum wirft. Die AfD mal ernst zu nehmen und über die Thesen nachzudenken, wird schon fast als ein Mitgliedsantrag für die NPD gewertet. Über Frauen dürfen Männer auch nur noch frauenverstehend reden. Und wer anfängt, einige Suren aus dem Koran kritisch zu hinterfragen, wird als enfant terrible der politisch-religiösen Gespräche desavouiert. Wer offen bekennt, dass er gerne und viel Fleisch isst, wird böse angeschaut und als moralische Wildsau gesehen. Für die Gesundheit nichts zu tun, ist quasi modernes Schmarotzertum.

Irgendwann platzt es heraus

Natürlich geht es nicht darum, andere Menschen zu beleidigen und zu verletzen. Der Weckruf „Sei doch auch mal böse!“ ist der Hinweis darauf, dass es immer Ambivalenzen gibt. Streitigkeiten werden wohl kaum dadurch gelöst, dass man sich einer korrekten und ausgewogenen Sprache befleißigt. Der Groll und die untergründigen Aggressionen müssen sichtbar gemacht werden. Die Menschen müssen lernen, wie man mit diesen Anfeindungen und Aggressionen umgeht. Was ist schlimm daran, wenn es ganz offen ist, dass ich anderen gegenüber feindlich gesinnt bin? Sind offen geäußerte Aggressionen schon eine Verletzung der Menschenwürde? Das Gefühl von Sicherheit entsteht nicht, wenn der andere seine Feindseligkeiten und Vorbehalte nicht äußert, sondern dann, wenn sein Verhalten nicht berechenbar ist. Erst wenn aus einem Gedanken eine Tat wird, entsteht Gefahr. Habe ich die Erfahrung gemacht, dass der andere richtig schlimme Sachen über mich sagt und gleichzeitig innere Kontrollmechanismen hat, muss ich mich nicht fürchten.

Die Angst kommt dann, wenn ich denken muss, dass die wahren Gefühle und Gedanken unterdrückt und in eine korrekte Sprache verpackt werden, ich jedoch nicht wirklich weiß, ob der Mensch so friedfertig ist wie er sich gibt. Wir müssen also lernen, wieder zu unseren Gefühlen zu stehen und Erfahrungen machen, wie dies mit einem Verhalten verbunden ist, dass daraus keine Gewaltwünsche werden, dass der andere mitbekommt, „was los ist“, doch in seiner Integrität nicht verletzt wird. Und dazu gehört es auch, sich nicht zu häufig wie ein Weichei zu benehmen.

Thomas Holtbernd

 

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