Berühren als Befehl

Viele Kabarettisten und Karikaturisten haben über das Smartphone schon ihre Späße gemacht. Menschen wenden diesem kleinen elektrischen Gerät mehr Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit zu als ihrem Partner, ihrer Partnerin. Es wird gestreich(el)t den lieben langen Tag und mit dem Berühren können Befehle ausgeführt und damit viel bewegt werden. Ein kleiner Streich und schon sind die Freunde über das informiert, was man gerade vor sich auf dem Teller hat. In der Zukunft reicht dieses kleine Ding aus, um das Auto zu steuern, die Wohnung zu überwachen und vielleicht das Haus hermetisch abzuriegeln, wenn Einbrecher eingedrungen sind. Dann wird nur noch automatisch die Polizei benachrichtigt und schon sitzen die bösen Buben hinter Schloss und Riegel. Was könnte es bedeuten, dass eine Berührung mit den Fingerspitzen immer enger mit einem Befehl verbunden ist und die taktile Sensibilität mehr und mehr an die Scheibe des Smartphones oder des Tablets gewöhnt wird? Wie wird der Kontakt mit der nackten Haut erlebt? Und was passiert, wenn man etwas berührt und es passiert nichts?   

charakteristik 1.23

Fotolia, Gordon Bussiek

Jeder Bundesbürger ist ein User

Jede technische Veränderung wird von den einen als großer Schritt und Erleichterung im Alltag verstanden, während von anderen Schreckensbilder gemalt werden. Die Geschwindigkeit der Lokomotive ist vielleicht eines der anschaulichsten Beispiele für diese unterschiedlichen Einschätzungen. Den Zeitgenossen schien das damals noch geringe Tempo der Züge als zu gefährlich. Mittlerweile haben sich die Menschen an viele Fortschritte gewöhnt und hinterfragen mögliche Gefahren nicht mehr. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es eventuell doch schädliche Auswirkungen gegeben hat oder gibt. Da nicht mehr danach gefragt wird, gelangen solche Effekte auch nicht mehr ins Bewusstsein. Hatte Neil Postman noch eine heftige Debatte mit seiner Kritik am Fernsehen lostreten können und gilt vielen der Buchtitel „Wir amüsieren uns zu Tode“ auch heute noch als kritische Zusammenfassung einer Kritik an den modernen Medien, so konnte Manfred Spitzer mit seiner Warnung vor der „Digitalen Demenz“ kaum noch eine solche Breitenwirkung erreichen. Die neuen Medien und der technische Fortschritt bei den Kommunikationsmitteln unterscheiden sich von früheren technischen Entwicklungen vor allem dadurch, dass die Schnelligkeit der Veränderungen zugenommen hat und die unmittelbare Alltagsbedeutung spürbarer ist. Mit dem Aufkommen des Fernsehgeräts war nicht verbunden, dass jeder sich ein solches Gerät leisten konnte. Es dauerte einige Jahre, bis fast jeder Haushalt Empfang hatte. Bei den PCs und Smartphones gab es sofort eine breite Masse, die zum Nutzer werden konnte. Und inzwischen ist das Smartphone eine Technik, die der Mensch 24 Stunden um sich hat. Eine kritische Masse, die noch einigermaßen objektiv oder in nötiger Distanz Kritik äußern könnte, gibt es nicht, da so gut wie jeder Bundesbürger ein User ist.

Form oder Inhalt?

Die Veränderung menschlicher Beziehungen, das Verständnis von Sexualität, der Umgang mit Nacktheit, die Gefahr einer Verharmlosung von Gewalt werden oft mit den Möglichkeiten der digitalen Welt verbunden. Jeder kann Sexfilme im Netz finden und anschauen, Gewaltspiele stundenlang betreiben, sich „schöne“ Menschen angucken und daran seine Auffassung von einem angeblich ästhetischen Körper bilden. Freunde können auf Facebook angenommen und wieder gelöscht werden. Via Partnerbörsen können Menschen aus der Vorschlagsliste von idealen Partnern den „Richtigen“ auswählen. Es wird, wohl auch berechtigt, angenommen, dass solche Inhalte einen starken Einfluss auf Einstellung und Verhalten der Menschen haben. Auf der anderen Seite stehen die angeführten Vorteile: Menschen können in Verbindung treten, die sich sonst nie begegnet wären, Informationen sind demokratisch für jeden zugänglich, Nachrichten können unmittelbar verschickt und empfangen werden und der „Arabische Frühling“, so zumindest die Meinung vieler, wäre ohne Facebook und WhatsApp nicht möglich gewesen. Neben diesen inhaltlichen Aspekten lässt sich auch fragen, wie die ganz konkrete Form auf die Menschen einwirkt.

Schwielen oder weiche Hände

Ein spürbarer Effekt der technischen Entwicklung besteht darin, dass die meisten Arbeiten in der Industriegesellschaft nicht mehr zu Schwielen an den Händen führen. Sicherlich gibt es Menschen, die sich die Hände bei der Arbeit dreckig machen und durch ihre Tätigkeiten keine weichen Hände haben. Der überwiegende Teil der arbeitenden Bevölkerung dürfte davon jedoch verschont bleiben. Und auch im Alltag werden die Hände geschont, kaum noch jemand muss die Kohlen aus dem Keller holen und den Ofen befüllen. Viele Arbeitsgeräte im Haushalt schonen die Hände. Es wird nicht mehr Laub gefegt, der Laubbläser wird gehalten, es wird nicht geschrubbt, der Hochdruckreiniger kommt zum Einsatz und die Hände bleiben frei von Hornhaut und Blasen. Wo keine Schwielen und keine Hornhaut sind, könnte der Mensch nun empfindsamer wahrnehmen. Er hätte die Chance, andere sensibler haptisch zu erfahren. Berührungen mit der Hand wären nicht mit der Befürchtung verbunden, dass ein Reibeisen über die Haut fährt. Es gäbe mehr Sinnenfreuden, der andere könnte mit den Händen viel besser ertastet werden.

Die Kolonialisierung der Empfindungen

Mit dem Verschwinden der Schwielen kam gleichzeitig die Notwendigkeit auf, vor allem mit den Fingern oder der Hand technische Geräte zu bedienen. Diese Entwicklung findet beim Smartphone wohl einen bestimmten Höhepunkt. Die Möglichkeit der erhöhten Sensibilität der Hand ist dort umgesetzt in eine Bedienernotwendigkeit. Um etwas bei WhatsApp schnell zu schreiben, bedarf es flinker Daumen und Finger. Statt die neugewonnen Möglichkeiten seiner Hände für den direkten Kontakt mit der Haut eines anderen zu nutzen, wird diese Fähigkeit eingesetzt, um Maschinen zu bedienen. Es liegt nahe, die von Franz-Xaver Kaufmann formulierte Kolonialisierung der Gefühle zur Kolonialisierung der Empfindungen auszudehnen. Auf diese Art und Weise wird der Mensch von tieferen Erfahrungen entfremdet, er kann jedoch glauben, dass er einprägende Erfahrungen mit seiner Haut macht, wenn er hierauf Bilder eingravieren lässt. Ebenso kann er glauben, einen intensiveren oder offeneren Umgang mit seinem Körper und seiner Haut zu haben, wenn überall nackte Haut zu sehen ist. Was ihm dabei jedoch entgeht, das ist die Entfremdung, die er durchgemacht hat. Die nackte oder tätowierte Haut ist von anderen Interessen kolonialisiert. Der Mensch nutzt seine eigene Haut nicht als Möglichkeit der Erfahrung, sondern als Ware oder Fetisch.

Das Smartphone als Lehrstück    

Die rein phänomenologische Betrachtung des Smartphones, ohne ideologische Argumentation für ein Pro oder Kontra, führt zu einem Hinweis auf die Großartigkeit unserer Finger und Hände, mit denen wir stundenlang technische Geräte bedienen, mit denen wir aber auch Kontakt aufnehmen können. Und durch den technischen Fortschritt und die damit verbundenen Erleichterungen können wir intensivere Erfahrungen mit unserem Körper, unseren Händen, unserer Haut machen. Die Gleichzeitigkeit der Entfremdung durch die technische Entwicklung macht es jedoch notwendig, sich der Vereinnahmung durch den Warencharakter zu entziehen. Technischer Fortschritt ist demnach nicht dadurch ambivalent, dass er Vor- und Nachteile hat, sondern dass er die mit ihm verbundenen menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten durch die Kolonialisierung der Gefühle und Empfindungen verdeckt.

Thomas Holtbernd

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