Berlin Tag und Nacht: „Eine neue Zeit ist angebrochen“

Seit 2011 läuft auf RTL 2 die Vorabendserie „Berlin Tag und Nacht“. Etwa 10% der „werberelevanten Zielgruppe“ schaltet regelmäßig ein und lässt sich von der scripted reality den neusten Herzschmerz aus dem Leben einiger Berliner präsentieren. Wer mit wem, wie lange und warum? Ein Eintauchen in die Realität nach Drehbuch.

Nicht zu hässlich und nicht zu klug, vor allem aber politisch unkorrekt

Anders als bei der Serie „Girls“, in der auch Schauspieler auftreten, die nicht dem typischen TV-Format entsprechen, sehen die Darsteller in „Berlin Tag und Nacht“ schon recht klischeehaft aus. Die Männer scheinen eine Affinität zu Fitnessstudios und Machoattitüden zu haben und die Frauen eine zum tussigen Antifeminismus. So weit, so empörend mag das für einige erscheinen. Diese politisch unkorrekte Darstellung wird jedoch dadurch geduldet, dass diese Serie dem „Trash-Format“ zugeordnet wird. Daniela Zinser bewertet in einem Artikel auf Spiegel Online die Serie „einfalls- und geschmacklos“, damit ist aber auch ein Freibrief erteilt: Was nicht als Qualitätsfernsehen gilt, hat Narrenfreiheit. Man kann nach Klischees fragen wie: „Joe, wieso müssen Frauen immer so lange an Bädern rumhocken?“ (Folge 1181) worauf die Reaktion folgt: „Boar, Männer immer mit ihrem Macho-Gelaber, ey wenn die vor ‘ner Konsole sitzen, dann darfst du kein Wort sagen, aber wenn du mal ein bisschen länger im Bad brauchst, dann ist das gleich ein großes Problem, außerdem muss ich doch hübsch aussehen, oder nicht?“. Das ist der Alice Schwarzer Overkill. Aber es geht noch weiter mit den Sprüchen, so sagt „Krätze“, die Kultfigur der Serie: „Boar, du bist ja wie ein Kondom: abgezogen und benutzt und weggeworfen, hahahaha […] ja klar, high five.“

Was lernt man nicht alles in geisteswissenschaftlichen Fächern über richtiges Verhalten, Comment und Toleranz, um ja niemanden zu verletzten? Es braucht nur einen Ausdruck aus „Berlin Tag und Nacht“, um den Elfenbeinturm der akademischen Wunschgesellschaft zum Einsturz zu bringen: „Du Opfer“.

Medialer Naturalismus?

„Berlin Tag und Nacht“ ist keine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Bildungsauftrag. Die Serie läuft bei RTL 2, einem Sender, der für derartige Formate bekannt ist. Sie führt sprachlich eine Art medial-gescripteten Naturalismus aus. Sätze aus Gerhard Hauptmanns „Biberpelz“ wie: „Wer mich haut, sprech ich, den hau ich wieder“, könnten auch in „Berlin Tag und Nacht“ fallen.  Die Serie will – natürlich im Rahmen der medialen Möglichkeiten – das platte und einfache Leben moderner Berliner darstellen. Dass es Übertreibungen gibt, zu wenige Darsteller, die nicht stereotyp sind, geschenkt, es ist der Fernsehästhetik geschuldet. Auch muss die „Coolness“ gewahrt bleiben.

Warum guckt man sowas?

Warum wird so eine Serie gesehen? Klärt die Serie über das einfache Leben auf? „Scripted-reality“ ist nicht echt, sondern nur ein weiteres Serien-Genre, künstlich und gestellt. Dennoch wirkt die Serie halt weniger künstlich als Soap-Formate wie „GZSZ“. Viele Studenten sehen die Serie, um „abzuschalten“. Irgendwie scheint es etwas Entstressendes zu haben, wenn man „Berlin Tag und Nacht“ sieht. Ansonsten geht es einfach um Unterhaltung. Man muss dabei das Gehirn weniger belasten. Hinzu kommt, dass es auch befreiend zu wirken scheint eine – wenn auch künstliche – „Echtheit“ zu sehen. Im Konzept der Serie soll der Eindruck entstehen, dass niemand auf seine Worte achtet und stattdessen einfach echt und ungekünstelt drauf los redet. Liebe, Hass, Beleidigung, Flüche, der Mensch wird auf das Fleischliche zurückgeworfen.

„Berlin Tag und Nacht“ und „der heilige Geist des Lebens“

Das Fleischliche beschreibt Nietzsche mit dem Ausdruck „Der heilige Geist des Lebens“. Dieser ist, wenn man so will, eine bewusst blasphemische Zeitbeobachtung. Nietzsche sieht diesen Geist gleichsam als Antigeist zum Heiligen Geist des Neuen Testamentes. Währen das biblisches Pneuma geistlich orientiert sei, sei der heilige Geist des Lebens die radikale Bejahung alles Geschlechtlichen und Fleischlichen: „Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff ‚unrein‘ ist das Verbrechen selbst am Leben, – ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.“ (Nietzsche, Ecce homo).

Eine Sünde wider den heiligen Geist, von dem die Bibel sagt, sie könne nicht vergeben werden, wird also ins Gegenteil verkehrt. In Berlin Tag und Nacht wäre dementsprechend „Jungfräuchlichkeit“ eine solche widernatürliche Sünde. Sie führt zur gesellschaftlichen Exkommunikation. Erst durch ihre Aufhebung ist eine Eingliederung möglich. Denn sieht man einmal auf die Serie, so ist klar, dass nichts ohne Sex, Promiskuität und wer mit wem geht. Das Hohelied der Liebesfreuden wird aufgezeigt als Weg der Erlösung und des Leides zugleich, als ewiger Kreislauf aus Freude und Schmerz, Jammertal und Gipfelbesteigung. Man muss nur drauf klarkommen können.

Ist so die Realität?

Der Klamauk, den „Berlin Tag und Nacht“ verkörpert, ist nur in einer künstlichen Medienwelt möglich. Denn zu den wirklichen Dramen des Lebens kann ein „scripted reality“ Format nicht vorstoßen. Die Serie will unterhalten und sucht nach Methoden, diese quotenstark zu bieten. Dabei bleibt die Darstellung der Wirklichkeit unterkomplex.

Interessanterweise kommt in „Berlin Tag und Nacht“ Religion nicht mehr vor – weder der Islam noch das Christentum. „Berlin Tag und Nacht“ kennt Religion nicht mehr. Es gilt, was Brecht Galileo im gleichnamigen Theaterstück sagen lässt: „Eine neue Zeit ist angebrochen, ein großes Zeitalter, in dem zu leben eine Lust ist.“ Dies ist die Interpretation, die auch in „Berlin Tag und Nacht“ vertreten wird. Es gibt eine Art Pädagogik zum Hedonistischen, die daran glaubt, dass es eine Art Selbsterlösung durch mehr Lustentfaltung gibt. Man darf dieses subversive Element nicht unterschätzen. Der Serie liegt eine postreligiöse philosophische Richtung zugrunde. Wichtig für diese Richtung ist auch die Betonung des Sexuellen, die gleichsam rechtlichen Status erhält. An die Stelle einer religiösen Realität sind die eigenen Gefühle und Bedürfnisse getreten. Wehe dem, der seine sexuellen und hedonistischen Bedürfnisse nicht leben kann. Nach der Lebensphilosophie in „Berlin Tag und Nacht“ gäbe es für ihn nur Heulen und Zähneknirschen.

Es bleibt abzuwarten, ob sich die Gesellschaft insgesamt der Mentalität der Serie annähert oder sich von ihr entfernt. Eines verdeutlicht die Serie auf jeden Fall, da sie noch vor einigen Jahren unzeigbar gewesen wäre: „Eine neue Zeit ist angebrochen“.

Josef Jung

Siehe auch:

Säkulare Lebenswelten

Charlie Sheen und Two and a Half Men

Das „Alltagsleben“ in YouTube Blogs: Sex, um dazuzugehören

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