„Herr, ich gebe dich auf. Gib du mich nicht auf“ – Emmanuel Carrères Werk: „Das Reich Gottes“

Emmanuel Carrère hat in seinem autobiographischen und religionsnarrativen Werk „Das Reich Gottes“ seine aktive Bekehrung und Abkehr vom Glauben geschildert. Ebenfalls erzählt er seine Sicht des frühen Christentums unter den Aposteln Paulus und Lukas. Vor allem die Betrachtung des Christentums nach seiner Abkehr scheint bezeichnend für die heutige Zeit.

Von der Sinnkrise zur Bekehrung

Es gibt in der französischen Literatur eine lange Tradition der Melancholie, man kann mitunter auch von „Depression“ sprechen. Man denke historisch an Michel de Montaigne oder an Jean Meslier. Im 20. Jahrhundert darf der Name Camus nicht fehlen. Der zeitgenössische Schriftsteller Michel Houellebecq scheint dauerdepressiv.

So muss es nicht verwundern, dass auch Carrère in dieser Tradition steht und davon berichtet, dass er ohne Antidepressiva und Therapien sich schwerlich über den Tag retten konnte. Was in Camus‘ „Der Mythos der Sisyphos“ nur als philosophische Abhandlung über den Suizid vorkommt, konnte sich Carrère schon konkreter vorstellen. Sein Leben bot also die perfekte Folie für eine Vorzeigebekehrung: Vom verlorenen Schaf zum gefundenen. I once was lost but now I’m found.

Rückblick: Carrères Bekehrung begann während des Urlaubs in den Schweizer Bergen bei Le Levron. Ihn sprach die Atmosphäre in einer kleinen Kapelle und das vorgetragene Evangelium nach Johannes, in dem Jesus Petrus sagt, wenn Petrus alt sei werde ihn ein anderer gürten und dahinführen, wohin er nicht wolle an. Später schrieb Carrère seiner frommen Patentante aus Le Levron einen Brief, in dem er seine Bekehrung schildert:

„Jetzt führt mich Christus. Ich bin noch ungeschickt, sein Kreuz auf mich zu laden, aber allein der Gedanke daran lässt mich schon leichter fühlen! So. Ich wollte Dich nur so schnell wie möglich wissen lassen, wie dankbar ich Dir bin, mir diesen Weg so geduldig gewiesen zu haben. Ich umarme Dich.“

Es wird also klar, dass dieser Bekehrung eine Vorgeschichte vorausgegangen ist, nämlich die – wenn man so sagen kann – Seelsorge durch die Patentante. Diese wird als schöne und im glaubenden ruhende Katholiken geschildert, welche für viele eine Art spirituelle Ratgeberin gewesen sei.

Die Ernüchterung

Doch wie es so ist mit Bekehrungen und der Anfangseuphorie. Die Glücks- oder Religionsgefühle halten nicht ewig und der Alltag bringt einen mit seinem eigenen Rhythmus wieder auf den Boden. Die Erfahrungen des Alltags waren es auch, die Carrère die meisten Probleme bereiteten. Seine Patentante wusste um die Anfechtungen, die besonders der Glaube der Neubekehrten erleben musste und warnte Carrère vor. Die Schilderung der Neubekehrung scheint nicht viel anders als die Beschreibung vom Verliebtsein zu sein. Irgendwann verflüchtigen sich Emotionen. Aus dem Gefühl muss ein Wille werden.

Carrère beschreibt, wie er in der Anfangsphase seiner Bekehrung zu einem gewissen Fanatismus neigte und seine bisherigen säkularen Interessen hintanstellte. Stattdessen rückte religiöse Literatur in den Vordergrund. Auch heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin und versuchte die Beziehungskrise durch Bekehrung und Hochzeit zu kitten.

Er erlebte die Trostlosigkeit von Klostermessen mit Nonnen, deren Gesang ihn gruselte, seine Patentante litt in ihren letzten Lebensjahren an Wahnvorstellungen und war kein Vorbild mehr. Ob ihr Tod noch während der religiösen Phase stattfand, wird nicht genau klar. Am prägendsten scheint die Erfahrung zu sein, dass er trotz seines religiösen Lebens nicht wirklich glücklicher und zufriedener geworden ist. Er ging oft zur Messe und empfing die Kommunion, doch ein innerer Frieden schien nicht wirklich da zu sein. Als er dann von dem grausamen Tod eines Kindes durch eine Krankheit erfuhr, fragte er sich ob es wirklich einen guten Gott geben könne. Für Carrère stellte sich immer mehr ein Gegensatz zwischen Vernunft und Glaube ein. Man kann sagen, dass er die Aussage Paynes im Dialog mit Mercier, wie sie in Georg Büchners „Dantons Tod“ über Gott steht, in eine umgekehrte wandelt: Nur das Gefühl kann Gott beweisen, die Vernunft empört sich dagegen. Zur größten Anklage gegen Gott werden Leiderfahrungen, die Carrère wahrnimmt. Auch seine Beziehung wurde durch seine Bekehrung nicht gerettet. Zwar hat er seine Lebensgefährtin geheiratet, aber die Ehe wurde nicht glücklich. Mit der Zeit reihten sich so Zweifel an Zweifel. Die Anfragen stürzten Stück für Stück den Glauben um.

Das Aufgeben des Glaubens

Schließlich, Ostern 1993, schien der Glaube verpufft. Er beschreibt den Verlust als einen Prozess hin zu einem Desinteresse. Es klingt fast so, als könne man das Interesse am Glauben verlieren wie das an eine Zigarette, die aufgeraucht und verglüht ist. Carrère stellt keine oberflächlichen, sondern die wirklich grundlegenden Fragen, die er nun verneint:

„Ist die Wirklichkeit, dass Christus nicht auferstanden ist? Ich schreibe dies am Karfreitag, dem Tag des größten Zweifels. Morgen Abend werde ich mit Anne [damalige Ehefrau] und meinen Eltern in die orthodoxe Ostermesse gehen. Ich werde sie küssen und dabei sagen: Kristos voskres, ‚Christus ist auferstanden‘, aber ich werde nicht mehr daran glauben. Herr ich gebe dich auf. Gib du mich nicht auf.“

Die Scham ein Christ gewesen zu sein

Gegenwart: Die Bekehrung gehört der Vergangenheit an und der Agnostizismus, wie er selbst schreibt, zum Jetzt.  In der Rückblende betrachtet, finden sich immer wieder Aussagen, die zeigen, dass er sich für seine fromme Zeit schämt, sie ihm peinlich ist. Jetzt, von einem säkularen Standpunkt aus und mit Abstand betrachtet, liest sich die Analyse des religiösen Milieus stellenweise bitter, traurig und zynisch. Die Phänomene innerhalb der Religion scheinen langfristig eher abschreckend als anziehend gewirkt zu haben.  So schreibt er über religiöse Interpretationen ganz offen: „heute ist es mir gelinge gesagt peinlich“. Inzwischen hat er auch eine neue Lebensgefährtin.

Es scheint ein nicht seltenes Phänomen zu sein, dass Religion heute als peinlich wahrgenommen wird. Vor allem in den literarischen Kreisen Carrères ist ein Bekenntnis zum Christentum wohl eine peinliche Angelegenheit, wie er selbst auf den ersten Seiten des Buches nahelegt. Auch wird das Thema Religion für ihn heute nicht mit attraktiven Gedanken verbunden, so konstatiert er:

„In einer solchen [katholischen] Runde hatte ich wohl kaum Chancen, auf eine hübsche Frau zu treffen – und selbst wenn, fragte ich mich, was ich wohl von einer hübschen Frau halten würde, die freiwillig an einer katholischen Wallfahrt teilnahm: War ich so pervers, das sexy zu finden?“

Die Faszination bleibt

Dennoch ist Carrère auch nach seiner bekundeten Abkehr nicht unbeeinflusst vom Glauben. Zum einen existiert konkret sein Buch mit dem Titel „Das Reich Gottes“, in dem in über 500 Seiten biographisch über seinen Glauben und über Paulus, Lukas und die Anfänge des Christentums schreibt. Auch bleibt Carrère ein Fragender und damit gibt er das Reich Gottes nicht auf.

„Ich bin ein agnostischer Schriftsteller, der herausfinden möchte, woran Christen heute wirklich glauben. Wenn sie Lust hätten, darüber zu sprechen wäre ich sehr froh, wenn nicht, möchte ich Sie nicht weiter belästigen. […] Ich sah mich inmitten einer Tischrunde von Katholiken sitzen, sie auf freundliche Weise ausfragen und mit ihnen zum Beispiel Satz für Satz das Glaubensbekenntnis durchgehen […} um keim Kern der Sache zu bleiben, glauben Sie, dass er wirklich auferstanden ist?“

Und so sind wir wieder beim Titel des Artikels, der gleichsam als Gebet der Sehnsucht verstanden werden kann; als eine Sehnsucht, die man sich nicht selbst erfüllen kann: „Herr, ich gebe dich auf. Gib du mich nicht auf.“

Josef Jung

Literatur:

Carrère, Emmanuel, Das Reich Gottes. Aus dem Französischen von Claudia Hamm, Berlin 22016

Siehe auch:

„Das Reich Gottes“: E. Carrères postmoderner Roman

 

 

 

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