Rupert Neudeck: „’Die Pest‘ war für uns eine Art Bibel für die humanitäre Arbeit“

Camus‘ Roman als Motivation zur Menschlichkeit

Albert Camus – Romancier, Philosoph und Gewinner des Literaturnobelpreises. Aber noch mehr als das war er eine Art Inspirationsfigur für einen neuen säkularen Humanismus. Dem Atheismus wird oft vorgeworfen, er habe keine überzeugenden Argumente, um zum aufopfernden Handeln zu motivieren. Camus scheint jedoch der große Sprung gelungen zu sein, am Atheismus festzuhalten und dennoch zum Humanismus zu motivieren. Eine Spurensuche nach den humanistischen Motivationsquellen.

Rupert Neudeck: Camus statt Gott motiviert zum Humanismus

Rupert Neudeck studierte in Münster Theologie und Philosophie, bevor er 1961 in den Jesuitenorden eintrat. Nach seinem Austritt aus dem Orden promovierte er in Philosophie mit der Arbeit: „Die politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“ (1975). Am Titel der Arbeit wird bereits erkenntlich: Es sind dezidiert atheistische Philosophen, denen er seine Aufmerksamkeit in Fragen des rechten Handelns zuwandte. In einer Dokumentation auf Arte mit dem Titel „Albert Camus, Lektüre fürs Leben“ von Joël Calmettes (2013) sagte Neudeck:

„Ich denke, dass Camus einer der ganz wenigen ist, die Hoffnung möglich sein lassen, ohne dass man eine transzendente Quelle hat. Es gibt die Möglichkeit diese Hoffnung möglich zu machen, die darin besteht, dass man mit anderen für andere etwas von seinem Glück abgibt und sich nicht mehr schämen muss, alleine glücklich zu sein.“ – Rupert Neudeck

Die Stelle, auf die sich Neudeck bezieht, ist ein Dialog im Roman „Die Pest“ zwischen dem fiktiven Arzt Dr. Rieux und dem Journalisten Rambert. Die Beulenpest ist in der fiktiven nordafrikanischen Stadt „Oran“ bereits voll ausgebrochen. Die Situation spitzt sich zu und Rambert sagt zu Dr. Rieux: „ich gehe nicht weg, ich will bei Ihnen bleiben.“ Rambert würde sich schämen, ginge er weg.  Dr. Rieux entgegnet daraufhin, dass man sich nicht zu schämen brauche, das Glück vorzuziehen. Rambert entgegnet darauf: „Aber man kann sich schämen, wenn man ganz allein glücklich ist.“ Diese Entgegnung Ramberts ist für Neudeck die zentrale humanitäre Motivationsquelle – „über diesen Satz hinaus brauche ich nichts mehr“.

Weiterhin nennt Neudeck in derselben Dokumentation Camus Roman “Die Pest“ „eine Art Bibel für die humanitäre Arbeit“. Das ist interessant und verwunderlich zugleich, zum einen weil „Die Pest“ wohl keine „Bibel“ sein will und auf der anderen Seite zu fragen ist, ob „Die Pest“ wirklich eine moralische Motivationsquelle sein kann.

Camus Roman hält am Absurden fest und will dennoch zum Humanismus motivieren

Zwar hat „Die Pest“ Camus‘ nicht mehr die Anziehung vergangener Jahrzehnte, aber es strahlt dennoch als ein literarisches Hauptwerk mit Anklängen an die existenzialistische Philosophie. Für den Arzt Dr. Rieux bleibt die Pest im Gegensatz zu seinem religiösen Pendant, dem Jesuitenpater Paneloux stets absurd. Sie ist keine Strafe Gottes, sondern einfach nur grausam. Der Mensch muss nach Rieux handeln, weil Gott schweigt. Angesichts des grausamen Todes kleiner Kinder wird die Revolte „gegen die Weltordnung“, „gegen die Schöpfung, so wie sie ist“ und gegen Gott zur Handlungsmotivation. Rieux hilft, weil er muss; er ist Arzt und Humanist. Die Pest bedeutet für ihn „eine Niederlage ohne Ende“. Als seinen großen Lehrmeister sieht er „das Elend“.

Aber es gibt auch noch was Anderes, das leise und ohne Empörung daherkommt, etwas, das einfach nur aus Menschlichkeit Motivation zieht: „Nach einem Schweigen richtete sich der Arzt etwas auf und fragte, ob Tarrou eine Vorstellung von dem Weg habe, den man einschlagen müsse, um zum Frieden zu kommen. ‚Ja, Mitgefühl.‘“.

Das Absurde bleibt immer bestehen

Letztlich kann Camus das Absurde nicht auflösen und sieht in der Revolte „gegen die Weltordnung“ einen moralischen Imperativ. Ob dies „Hoffnung möglich sein [lässt]“, wie Neudeck postuliert? Sicherlich gibt es keine Hoffnung im Sinne einer göttlichen Gerechtigkeit, im Sinne einer leiblichen Auferstehung in der alle Tränen getrocknet und Leid in Freude gewandelt wird. Die religiöse Hoffnungsdimension lehnt Camus ab. Man ist radikal aufs Diesseits zurückgeworfen, so wie Nietzsche – von dem Camus stark beeinflusst war – es sich für den Übermenschen vorstellt: „In alle Abgründe trage ich da noch mein segnendes Ja-sagen.“ – Ja zum Leben sagen, trotz aller angenommenen letzten Absurdität.

Ein solches Leben muss sich jedoch immer im Kampf und Widerspruch beweisen. Im Kampf gegen das Absurde und menschlich sein im Widerspruch zur „Schöpfung, so wie sie ist.“ Doch wie soll „eine glückliche Stadt“ möglich werden, wenn das letzte Wort doch dem Absurden vorbehalten bleibt?

Josef Jung

Liteatur:

Camus, Albert, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller, Berlin 792012.

Siehe auch:

Wie stirbt man glücklich säkular?

Eine säkulare Gesellschaft

THE LAST OF US: Was machen Epidemien aus Menschen, Moral und Glaube?

Gibt es sinnvolles Leben im Angesicht des Abgrunds?

Atheismus ist nicht hell. Warum Gottesleugnung kein Glück bringt

3 Gedanken zu “Rupert Neudeck: „’Die Pest‘ war für uns eine Art Bibel für die humanitäre Arbeit“

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