Kruzifix-Urteile und Menschenrechte – Rechtsphilosophie und Symboltheorie

Verschiedene Urteile zur Präsenz des Kreuzes oder gar des Crucifixus, des Gekreuzigten in Schulklassen haben die Frage nach dem Stellenwert religiöser Symbole in der säkularen Gesellschaft immer wieder aufgeworfen. In dem Sammelband über „Die Verfassung der Freiheit und das Sinnbild des Kreuzes“ wird die Frage nicht kulturgeschichtlich, sondern grundsätzlich angegangen. Der Band bietet einen neuen Zugang zu den Menschenrechten – nämlich aus ihrer Infragestellung durch das Todesurteil über den, der „der Gerechte“ genannt wird.

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Symbol religiöser Identität und säkularer Zivilität

Die zentrale Argumentation findet sich in den Beitrag des Herausgebers Christoph Böhr, der das Kreuz „als „Symbol religiöser Identität und säkularer Zivilität“ darstellt. Stellen die christliche Theologie und die Predigt das Kreuz als Zeichen der Sühne und der Selbsthingabe Jesu für das Heil der Menschen dar, liegt bei Böhr der Akzent auf dem Urteil über einen Gerechten. Dieses eklatante Fehlurteil verlangt nach einem Schutz für den einzelnen, auch dann, wenn man ihn nicht versteht oder seine Absichten verurteilt. „Gemeint ist dabei jener Begriff von Würde, die unantastbar ist, weil sie ihrem Sinn nach nicht als ein Ergebnis der Ableitung von einer höheren Wahrheit, sondern als Verursachung der Selbstbegründung einer freiheitlichen Gesellschaft zu verstehen ist…. Im Kreuz findet sich der letzte Grund der Selbstbestimmung – als Schutz vor der Vereinnahmung des Menschen durch ein Urteil im Namen einer höheren Wahrheit und einer in ihren Diensten stehenden Macht.“ S. 284 Das Fehlurteil, dem Jesus zum Opfer gefallen ist, lässt sich nur dann verhindern, wenn dem Menschen seine Würde nicht von anderswo her, sondern aus sich selbst zugesprochen ist. Die Würde, die jeder besitzt, ist eine Schranke gegen ein todbringendes, aber auch ein rufschädigendes Verurteilen eines Menschen. Böhr geht weiter in der Argumentation, indem er den Menschen und damit sein Würde in einen größeren Horizont als den gesellschaftlichen stellt:

„Das Kreuz ist als säkulares –anthropologisches und politisches – Symbol Sinnbild einer bestimmten, eben dem europäischen Selbstverständnis angemessenen Weise, wie der Mensch sich selbst denkt und deutet – nämlich transzendental  in der neuzeitlichen Bedeutung des Begriffs: als Ort der Möglichkeit, die Bedingungen und Erfahrungen seines Lebens zu übersteigen, indem er eine Teilhaberschaft gewinnt am Denken des Unbedingten.“ S. 286  Im Weiteren zeigt Böhr, wie diese als unbedingt erkannte Würde des Menschen in die Achtung mündet, die gerade dem gegenüber aufzubringen ist, der einen enttäuscht hat. „In der Enttäuschung nämlich fällt es besonders schwer, trotz, ja oft genug unwillig im Gegenüber immer noch den zu sehen, der Anspruch hat, wie ein Mensch behandelt zu werden. Und diese Botschaft versammelt sich im Zeichen des Kreuzes, als das säkulare Signifikat eines religiösen Symbols.“ S. 293

Zugang zu den anderen Überlegungen

Der für das ganze Buch zentrale Beitrag steht, in falscher Bescheidenheit des Herausgebers, am Schluss der anderen Artikel. Es sei empfohlen, von diesem Beitrag her den Zugang zu den anderen Überlegungen zu suchen. Diese ergeben sich nämlich nur schwer aus der Struktur des Inhaltsverzeichnisses, jedoch sehr wohl logisch aus den letzten Seiten des Buches. Es sind vor allem zwei Aspekte:

  1. Die Würde des Menschen und die Menschenrechte im juristischen Denken.
    Hier geht es zuerst darum, dass die Würde des Menschen die Politik inhaltlich zu bestimmen hat, der Staat also gegenüber dieser Grundaussage nicht neutral sein kann (Georg Ress). Weiter wird thematisiert, wie die Würde zu verstehen ist (Christian Hillgruber), und wie Menschenwürde nicht als eine Oberstes Gesetz verstanden werden kann, sondern las übergeordnete Leitidee durch die Gesetzgebung Realität werden soll (K.H. Ladeur und Ino Augsberg) und damit auch Maßgabe zur Beurteilung konkreter Gesetzgebung sein muss.
  2. Die symbolische Dimension des Kreuzes wird von mehreren Autoren erschlossen. Beginnen sollte man mit dem Beitrag von Jean-Luc Marion, in „Prototyp, Typos, Ikone“, der vom Bilderstreit in der Ostkirche ausgeht und das Kreuz als „Zeichen des Unsichtbaren im Sichtbaren“ als Maßgabe für jede Ikonographie erschließt.

Es finden sich auch weiter die theologischen Deutungen des Kreuzes, auch die Reaktion der Umwelt der frühen Christen auf das Kreuz als Schandpfahl, das zum Zeichen des Erlösers geworden ist.
Die philosophische Reflexion findet sich bei Walter Schweidler, der den Zugang zur Bedeutung der menschlichen Würde im Selbstverständnis des Menschen verankert. Die beiden ersten Kapitel des Bandes beschreiben die Situation der christlichen Kirchen in der Gegenwart, einmal die Überwindung des konfessionellen Gegensatzes  (Hartmut Lehmann) und die Überwindung des Widerspruchs von Naturwissenschaften und Religion, ein Thema, das Hermann Lübbe seit Jahren bearbeitet, ohne das die Religionskritiker bemerkt haben, dass die Religionsphilosophie, die Theologie wie die letzten Päpste z.B. die Evolutionstheorie mit dem Schöpfungsglauben für vereinbar erklärt haben.

Grundeinsichten über Islam und säkulare Demokratien

Die Beiträge des Bandes sind der Lektüre deshalb empfohlen, weil sie die Grundlagen der freiheitlichen Demokratie, speziell die Achtung der Würde jedes einzelnen, neu verorten. Die verschiedenen Ansätze zeigen, dass Demokratie im Gefolge von Habermas nicht mehr  danach bemessen werden kann, ob die Spielregeln eingehalten wurden. Die immer wieder kritisierten Argumentationsmuster, die Parteien wie Präsidentschaftskandidaten nach oben spülen, verlaufen alle nach den verfassungsgemäßen Regeln und verändern gerade auf diesem Weg die Inhalte des Gemeinwesens. Auch erarbeitet das Buch die Grundeinsichten, die gegenüber dem Islam als Erklärung der Wertgrundlagen der westlichen, säkularen Demokratien ins Gespräch gebracht werden müssen. Die Säkularität des Staates, überhaupt die Trennung von Religion und Staat muss man gegenüber dem Totalanspruch der Scharia differenziert zur Geltung bringen. In den Beiträgen des Buches finden sich die notwendigen Überlegungen und Argumente.

Und der der Katholikentag, der zur Zeit der Veröffentlichung dieser Besprechung stattfindet: Dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken sei der Band dann zur gründlichen Lektüre empfohlen, wenn man tatsächlich die innerkirchlichen Themenfixierung – Abschaffung des Zölibats, Priestertum der Frau, Homosexuellen-Ehe – verlassen will. In den Beiträgen findet man die Basis, um sich an die aktuellen gesellschaftlichen Fragen nicht nur mit Bibelsprüchen, sondern argumentativ heranzutrauen. Zumindest würde dann der Katholikentag nicht mehr mit dem Titel „Ein Kessel Buntes“ charakterisiert.

Eckhard Bieger S.J.

Christoph Böhr, Hrsg., Die Verfassung der Freiheit und das Sinnbild des Kreuzes, Das Symbol, seine Anthropologie und die Kultur des säkularen Staates, in der Reihe „Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“ im Springerverlag, Wiesbaden 2016  ISBN: 978-3-658-11197-7, 355 S, € 59,99

Ein Gedanke zu “Kruzifix-Urteile und Menschenrechte – Rechtsphilosophie und Symboltheorie

  1. Drei,der angeblich innerkirchlichen Themen werden genannt aber zwei davon sind seit der letzten
    Familien-Synode endgueltig vom Tisch!
    Es gibt nur eine Ehe,die zwischen Mann und Frau,alle anderen Konstellationen sind keine Ehe!
    Das Priesteramt fuer Frauen wird es in der Kath.Kirche nicht geben!
    Bleibt also nur noch der Zoelibat und hier wird zur rechten Zeit mit Gottes Hilfe ebenfalls die
    richtige Entscheidung getroffen.

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