Autofahren: Über die Abschaffung des Konkreten

„Richtige“ Autofahrer schätzen moderne Autos kaum, sie setzen sich lieber in einen Oldtimer, bei dem das Fahren noch sinnlich und körperlich erfahrbar ist. Das „normale“ Auto dient lediglich dazu, von A nach B zu kommen. Der Fahrspaß beginnt erst dort, wo moderne Autos aufhören. Der Einzug der Elektronik hat z. B. das Lenken oder Bremsen von einem Kraftakt zu einer leichten Geste gemacht. Dem Fahrer werden durch die Assistenzsysteme Aufgaben abgenommen. Die Autobauer entwickeln Konzepte, müssen die unterschiedlichen Systeme kompatibel machen. Was so selbstverständlich erscheint, wenn man in einem Auto sitzt, ist eine hochaufwändige Technik. Damit das Radio funktioniert, das Telefonieren möglich ist und das Navigationsgerät auch noch die richtige Fahrstrecke angibt, haben Ingenieure viele Jahre Entwicklungsarbeit leisten müssen. Mit der Idee, demnächst mit dem iPhone ein Auto steuern zu können, ist spätestens der Abschied vom Auto eingeleitet.

Foto: hinsehen.net

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Es scheint paradox zu sein, dass gerade die, die Autos bauen, die Abschaffung dieses Produkts auf den Weg gebracht haben. Der Führerschein wird bei Jugendlichen kaum noch als rite passage, als ein Übergang in einen neuen Lebensabschnitt, wahrgenommen. Der Befreiungsschlag, mit dem Auto die weite Welt erkunden und in die Erwachsenenwelt einsteigen zu können, wird von anderen Produkten oder Möglichkeiten ersetzt. Es ist wichtiger geworden, mit der neuesten Technik an der Kommunikation teilnehmen zu können. Vielen scheint es bedeutender zu sein, Geld für das Outfit als für ein neues Auto auszugeben. Auch als Statussymbol verliert das Auto an Bedeutung. Wer „angeben“ will, fährt einen Tesla. Der ökologische Aspekt ist hier wesentlicher als PS und Ausstattung, obwohl gerade der Tesla den Anschein erweckt, ein durchaus luxuriöses Auto zu sein. Letztendlich ist der Tesla, wie Elektroautos überhaupt, zunächst mal nur ein Konzept und kein Auto. Das Fahren rückt in den Hintergrund, der angeblich ökologische Gewinn ist das Verkaufsargument.

Kunst hat eine Aussage

Bei moderner Kunst steht der Betrachter nicht mehr staunend vor einem Werk, weil er die Schönheit oder hohe Kunstfertigkeit bewundert. Der Kunstkenner wird angeregt durch die Aussage, die ein solches Kunstwerk hat. Die kann er jedoch nicht als solche verstehen, sondern nur wenn er die Kenntnisse über den Künstler, die Stilrichtung u. ä. hat und somit das Konzept hinter dem Kunstwerk zu- und einordnen kann. Moderne Kunst verwehrt auf diese Weise einen spontanen Zugang und stellt das Geschaffene oft hinter die Idee, aus der heraus dieses Werk geschaffen wurde. Die Kunstwerke sind Träger einer Botschaft. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn eine Reinigungsfrau eine Badewanne, die eigentlich für deine Ausstellung gedacht war, vom Schmutz befreit. Künstler sind wahrscheinlich intuitiv Propheten dessen, was sich im Klima einer Gesellschaft entwickelt. Und das, was solche Kunstkonzepte vermitteln, das ist die Vergeblichkeit der Kunst. Ein Michelangelo überlebte viele Jahrhunderte, weil er Skulpturen und Gemälde schuf, die zwar ein Konzept hatten, aber nicht ein Konzept waren. Das Vergängliche haftet moderner Kunst an und es gibt Künstler, die genau solche Werke schaffen: Material, das sich langsam auflöst. Oder ein Kunstwerk, das nur eine bestimmte Zeit aufgebaut wird, wie die Projekte von Christo. Die Konzepte hinter den Werken überleben ebenso wenig, da sie erstens eng an die jeweilige Zeit gebunden und zweitens an nichts Materielles geheftet sind.

Die Abschaffung des Konkreten

Etwas, was aus sich heraus zu verstehen ist, wie ein Automobil, also etwas, was sich selbst bewegt oder vom Fahrer bewegt wird, wie auch ein Kunstwerk, was beeindruckt und die ästhetische Empfindsamkeit seines Betrachters anregt, wird konzeptionell in etwas Größeres eingebunden. Der Autofahrer wird von Verkehrsleitsystemen gesteuert und damit in seiner Autonomie mit allen anderen Verkehrsteilnehmern verbunden. Stauforscher organisieren nicht den konkret Einzelnen, sondern das Gesamte. Damit unterliegt der Autofahrer wie auch das Auto, weil es auf das Gesamte hin konstruiert werden muss, einem Konzept, das der Einzelne nicht notwendiger kennen noch verstehen muss. Das Konkrete stört einen reibungslosen Ablauf. Und so wird das Auto mehr und mehr dem Fahrer entzogen und ist als einzelnes Fahrzeug unbedeutend geworden. Die Konstrukteure bauen daher keine Autos mehr, sondern Knotenpunkte. Diese Entwicklung hin zur Vergeblichkeit oder zur Auflösung des Konkreten zeigte sich schon recht früh in der bildenden Kunst, ist mit den Konzepten eines selbstfahrenden Autos deutlich erkennbar als ein Produkt der Warenwelt und kann als Symptom einer Wirklichkeit verstanden werden, die den Menschen als eigenständig handelndes Subjekt zum störenden Objekt erklärt.

Thomas Holtbernd

Ein Gedanke zu “Autofahren: Über die Abschaffung des Konkreten

  1. oder…:
    das permanent am/im Handeln gestörte Subjekt( Aufmerksamkeit/Adaptation/Stau/etc.) wird, indem es sich die Muse kauft, „entstört“.Der Mensch wird wieder – auto-nom.

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