Die zehnte Re:Publica wirkt langsam wie ein Internet-Kirchentag

Ich stehe in der wartenden Masse vor dem Eingang der Re:PublicaTEN. Und ich entspanne. Alle Sorgen waren unbegründet: Du wirst schon aufgrund Deines Alters und Deiner kirchentypischen Milieuästhetik hier in der Masse der jungen und coolen NetzaktivistInnen wie ein Dino wirken; Du wirst nur einzelne Gesprächsbrocken aus dem Community-Vokabular verstehen. Und um mich als Theologen auszuweisen: Du wirst eine echte Fremdheitserfahrung machen.

Foto: hinsehen.net

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Allerdings: Weit gefehlt!

Die Re:Publica, eine Art Messe für Internetaktivisten, findet seit zehn Jahren statt. Sie versammelt alle, die in Fragen von Internet, Blogging und SocialMedia bei den aktuellen Entwicklungen ganz vorne mit dabei sein wollen. In diesen zehn Jahren ist sie beachtlich gewachsen. Vor allem aber ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das verschafft ihr und der ganzen Community beachtliche Aufmerksamkeit: Nachrichtensendungen wie das „heutejournal“ berichten. Zeitungen referieren in ihren Kommentaren die Einsichten des Hauptredners Sascha Lobo. Und dass selbst Günther Oettinger eingeladen wurde, um seine Ansichten zur Netzpolitik und zum Datenschutz vorzustellen, und Bundesministerin Andrea Nahles zur veränderten Arbeitswelt Gehaltvolles zu sagen versucht, wirkt fast schon grotesk bürgerlich. Da ist es nur konsequent, wenn auch ARD und ZDF hier ihre SocialMedia-Initiative vorstellen. Dieser Annäherung ans Establishment entspricht der Aufruf von Sascha Lobo, nicht zu sehr auf die Beweglichkeit von Konzernen zu setzen, sondern selbst Unternehmen zu gründen und so die Realität eines Systems von Innen zu prägen. Viele dürften sich da an den „Marsch durch die Institutionen“ ihrer eigenen Eltern und Großeltern erinnert fühlen: Die Community wird etablierter, denkt politisch und agiert strategisch.

Wenige Überraschungen und eine Kränkung von Greenpeace

Über weite Strecken nimmt das Treffen, bei dem einzelne Anwendungen der „Virtual Reality“ (VR) die größte Spannung bedeuten, dabei Formen eines Kirchentages an. Und das nicht nur, weil es selbst hier das Ringen um eine belastbare WLan-Versorgung gibt, die Klagen über organisatorische Schwächen und die schwer erträglichen Erzählungen derer, die schon „von Anfang an dabei“ waren. Auch hier gibt es die Verlagerung von gewichtigen und vor allem überraschenden Inhalten zu einem „wohlfühligen“ Gemeinschaftserlebnis: „Wir halten zusammen, notfalls gegen den Rest der Welt und gegen eine Politik der Überwachung und Reglementierung. Und wir kämpfen vor allem für eine bessere Infrastruktur mit dichterer Glasfaserverkabelung und offenem WLan.“
Das alles ist wenig überraschend und mag so mancher und manchem Halt und Geborgenheit vermitteln. Diese Selbststabilisierung im Kampf-Modus gerät allerdings kurz durch eine fiese Aktion von Greenpeace just einen Tag vor Veranstaltungsbeginn ins Wanken: Ausgerechnet den Umweltaktivisten war es gelungen, die TTIP-Vertragstexte zu veröffentlichen und damit das Geschäft der Internetaktivisten zu betreiben. Die implizite Kränkung dieser Entmonopolisierung zeigt das Ausmaß der Entgrenzung medialer Innovation, die sich längst in der Normalisierung und Verbürgerlichung der eigenen Community äußert.

Relevanz-Verzicht als Tagesgeschäft

Eine der wenigen, offenbar noch funktionierenden Stabilisierungsmaßnahmen der Community findet sich in der Entlarvung von Cargo-Kulten, wie sie von Gunter Peack betrieben wird: Ihm gelten Mechanismen in Politik, Wirtschaft und insbesondere im Management als Cargo-Kulte, bei denen durch Ratgeberliteratur, durch oberflächliche Motivations- und Brainstormingkultur bis hin zu scheinwissenschaftlichen Studien in universitärer Pseudoforschung vor allem konkrete Veränderungen, also Wirksamkeit, verhindert werden. Man begnügt sich mit dem Kult der Innovation, um sich die Zumutungen realer Veränderungen vom Hals halten zu können. Der Verzicht auf Relevanz und Wirksamkeit wird hier zur tagesgeschäftlichen Strategie. Gegen derartige systemimmanente Narkotisierungen will das selbstkonstruierte MacherInnen-Image antreten und entwickelt doch erkennbar eigene, spezifische Gefährdungen.

Und hier werden die religionsförmigen Mechanismen der Web-Community sichtbar. Sie übersteigen die Parallelen zu Kirchentagen deutlich. Beide, Web-Community und Kirchen, ähneln sich in einem schmerzlichen Punkt: im Gefallen an einer kultivierten, tradierten und vor allem in Leitungsfunktionen gesuchten Wirkungslosigkeit. Dies lässt sich leicht durch die Häufigkeit und Fülle von Rede- und Diskussionsbeiträgen identifizieren, in denen notwendige Veränderungen des Bestehenden gefordert werden – solange kein eigenes Engagement nötig wird und keine realen Veränderungen zu erwarten sind.

Der Schatz liegt in der Begeisterungsfähigkeit

Gleichwohl gehört die Re:Publica zu den Schätzen einer Gesellschaft, die sich nach wie vor schwer damit tut, eine innovationsfreudige Atmosphäre zu pflegen. Eine Gesellschaft, deren Regierung Ressourcen eher in Autobahnen und die Subventionierung der Automobilindustrie als in leistungsfähige Datennetze und die Förderung von QuerdenkerInnen und GründerInnen steckt, braucht auch weiterhin spielerische Irritationen, wie sie auch von der Re:Publica ausgehen. Deshalb ist nur zu hoffen, dass ihr die Fähigkeit zur dazu nicht selbst abhandenkommt.

Wolfgang Beck

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