Vom Umdeuten des Deutens

Der Philosoph Byung-Chul Han versucht in seinen Essays, das Phänomen der digitalen Rationalität zu erfassen. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass die Vorstellungen von Transparenz sowie die Möglichkeiten unbegrenzter Kommunikation zum Ende des kommunikativen Handelns und einer pornografischen Nähe führen, die nichts mehr als Geheimnis gelten lässt. Wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit tatsächlich von jeder Institution und jedem Menschen Transparenz erwartet, dann entwickeln Organisationen wie auch Einzelne entweder immer differenziertere Verschleierungsmethoden oder die Menschen verlernen in einem solchen gesellschaftlichen Prozess die Fähigkeit des Deutens und vergessen die Vorstellung davon, dass eine Situation oder ein Ereignis deutbar ist. Was in Folge dessen als Interpretation oder Deutung präsentiert wird, ist letztlich nur noch die Überprüfung der Einhaltung einer Verfahrensordnung.

Verständnis des Deutens

Einen Einschnitt in dem Verständnis des Deutens kann sicherlich mit Sigmund Freud angenommen werden. Der Mensch als interpretierendes Subjekt ist gar nicht Herr im eigenen Haus und jede Deutung ist zu einem nicht unbeträchtlichen Teil Resultat einer eigenen Deutungsunfähigkeit. Der Mensch deutet nur das, was er sehen will und nur in der Weise, die ihm nicht seine eigene Unfähigkeit bewusst macht. Jede Deutung ist also begrenzt. Und dies nicht, weil das Durchschauen generell unmöglich wäre, sondern weil das Subjekt selbst eine vollständige Deutung blockiert. Erweitert man den Subjektbegriff zum Strukturbegriff für eine Gruppe, so verdrängt ebenso wie der Einzelne eine Gruppe Erkenntnisse über das in sich Wirkende. Eine naturwissenschaftlich und technisch orientierte Gesellschaft entwickelt dagegen ein Instrumentarium, was die Illusion entstehen lässt, dass der Erkenntnis durchaus Grenzen gesetzt sind, dass aber der Faktor Mensch als Störfaktor im Erkenntnisprozess ausgeschlossen oder als statistische Größe herausgerechnet werden kann.

Überwachung

Die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln und anderswo werden schon vorhersehbar zum Anlass genommen, die Notwendigkeit einer visuellen Überwachung zu fordern. Kameras an prägnanten Stellen sollen im öffentlichen Raum installiert und Polizisten mit Bodycams ausgestattet werden. Die Feststellung oder der Nachweis, dass dieser Mensch zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort dieses getan hat, wird zur Maxime politischen Handelns. Der Erfolg eines solchen Vorgehens scheint auch zunächst sehr offensichtlich zu sein. Attentäter können als solche entlarvt werden, die Fahndung gelingt relativ schnell und die Beweislage ist recht gut. Diese konkreten Effekte der Überwachung sind nicht zu widerlegen und lassen den Schluss zu, dass die Sicherheit auf diese Weise am besten gewährleistet werden kann. Die Angst vorm „gläsernen“ Menschen tritt hinter ein vermeintliches freies Bewegen im öffentlichen Raum zurück. Die freiwillige Herausgabe persönlicher Daten beim Bezahlen mit der Kreditkarte oder bei payback-Karten, in den sozialen Medien usw. wird kaum noch problematisiert, obwohl insgeheim jedem klar ist, dass all diese Informationen abgegriffen und mir in verwandelter Form als Kaufoptionen angeboten werden. Wie die Illusion einer Freiheit durch Überwachungskameras so wird auch dieser Zusammenhang mit dem Argument der freien Entscheidung scheinbar ausreichend außer Kraft gesetzt. Die Deutungsmacht wird abgegeben an eine anonyme Feststellungs- bzw. Informationsverarbeitungsinstanz.

Der existenzielle Grund

Der Mensch auf der Suche nach sich selbst wird sich in der reinen Beobachtung seiner Selbst nicht finden können. Auch wenn er alle Informationen sammelt und auswertet, bleibt ihm das verschlossen, was sich in diesen Informationen entäußert oder im kommunikativen Austausch mit anderen als „Idee“ entstehen kann. Das ganz Andere erzeugt die Spannung zum Beobachtbaren und verbleibt in einem Aggregatzustand, der nicht transparent zu machen ist. Allenfalls können hierfür Worte gefunden werden, die das Nichtkonkrete näherungsweise aussprechbar sein lassen. Die Benennungen oder Bezeichnungen leuchten einen Zwischenraum aus, den eine Kamera nicht erfassen kann. Dieser Zwischenraum bildet den existenziellen Grund, der nur über eine Deutung betreten werden kann. Da aber in diesen Sphären das Konkrete und damit Sicherheit Gebende fehlt, ist dieser Raum unheimlich und voller Gefahren. Eine vorgenommene Deutung kann richtig sein und gerade deshalb lebensgefährlich. Ich könnte z. B. entdecken, dass das Leben nicht lebenswert ist. Wenn Deutung als Möglichkeit der richtigen Analyse gedacht wird, dann lässt sich ein katastrophales Ergebnis nicht ausschließen. Verlegt man nun die Aufmerksamkeit auf die Beobachtung sichtbarer Ereignisse, so verändert sich das Verständnis von Deutung. Es wird ausgewertet und nach bestimmten Kriterien interpretiert. Ein Vorgang wird nach vorgegebenem Vokabular beschrieben und dies für eine Deutung gehalten. Das Risiko, dass die wahrgenommenen Fakten das Resultat einer unbewussten Dynamik sind und einem Verdrängungsmechanismus folgen, wird ausgeschlossen. Eine schlüssige Analyse erweist sich dann nicht nur als oberflächlich, sondern auch als eine menschenfeindliche Rationalisierung, weil der Einzelne in seiner Möglichkeit zur Deutung seines Lebens enteignet wird.

Thomas Holtbernd

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