Wenn Ihr nicht werdet wie die Maschinen…

Die Digitalisierung stellt uns vor die Frage: Was ist echt? Unser Denken verändert sich grundlegend angesichts der digitalen Realitäten. Die digitalen Monopolisten und deren Maschinen haben die Macht übernommen über unseren Alltag, unser Leben und unsere Deutungskategorien.

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Foto: Maurizio Pesce, Lizenz: CC BY 2.0

Virtuelles Erleben

Brille und Kopfhörer aufsetzen, abtauchen in eine dreidimensionale Welt. Zwei Sensoren festhalten, mit denen man die Hände bewegen kann, die man durch die Brille vor sich sieht. Die „Virtual Reality“-Technologie hat eine erstaunlich hohe Qualität erreicht. Man kann Dinge sehen, hören und erleben, die anderenfalls entweder sehr teuer oder sehr umständlich wären. Drei Branchen werden wohl hauptsächlich davon profitieren: Computerspielhersteller, Reiseunternehmen und die Pornoindustrie. Alles lässt sich dreidimensional, audiovisuell und „täuschend echt“ darstellen, so als wäre man „wirklich“ da, in der Welt des Computerspiels oder im Urlaub an exotischen Orten. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Noch zugespitzter: Es braucht gar keine Fantasie mehr, man muss sich die Dinge nicht vorstellen, denn sie sind scheinbar wirklich da.

Es fühlt sich echt an

Was bedeuten dann die Begriffe „virtuell“, „täuschend echt“ und „wirklich“? Virtuell heißt eigentlich, dass etwas seiner Wirkung nach oder zumindest der Funktion nach vorhanden ist, obwohl es nicht in der Form existiert, in der es zu existieren scheint. Wie verändert sich mit der digitalen Revolution unser Verständnis von Realität? Ist das, was unsere Sinne wahrnehmen, nur der Schein einer Wirklichkeit? Im Gehirn werden die Wahrnehmungen, die unsere Sinne uns übermitteln, real. Im Kontext der digitalen Welten fällt es schwer, eine angemessene Sprache für diese Phänomene zu finden. Man will ausdrücken, dass das Digitale sich oft sehr real anfühlt, obwohl es doch anders ist, auf andere Weise existiert als das, was wir nicht-digital erleben.

Das Gehirn sagt: Du bist wirklich da

Unsere Sinne lassen uns in der Virtual Reality glauben, dass ein Zombie auf uns zuläuft, eine Tür hinter uns ins Schloss fällt, dass wir über eine kaputte Treppe stolpern oder dass es hinter uns knackt. Die Software vollzieht die Bewegungen im Raum mit. Wer die Virtual Reality-Brille und die Kopfhörer auf hat, glaubt sich tatsächlich in einem gigantischen, gruseligen Horror-Haus, obwohl er zu Hause im gemütlichen Wohnzimmer steht. Das Gehirn denkt: Ich bin wirklich in dem Horror-Haus. Der Spieler schreit, springt umher, hat wirklich Angst.

Realität: Ein Drahtseilakt

Bei einem anderen Virtual Reality-Szenario soll man auf einem Drahtseil von einem Hochhaus zum anderen balancieren. Dazu liegt – in der physischen Realität – ein Seil auf dem Boden, in der Brille sieht man sich aber am Rand des Hochhauses stehen. Die meisten Menschen trauen sich nicht einmal den ersten Schritt auf das Seil zu machen, obwohl sie kognitiv erfassen könnten, dass sie in einem geschlossenen Raum auf dem Boden stehen und vor ihnen ein Seil liegt. Es besteht keinerlei Gefahr für Leib und Leben, doch die Sinne und das Gehirn signalisieren: Wenn ich abstürze, falle ich hundert Meter in die Tiefe.

Die Maschinen haben übernommen

Was ist Realität? Das, was unsere Sinne uns zeigen? Das Digitale, die „virtuelle“ Realität, die nicht aus Fleisch und Blut besteht, verändern unsere Wahrnehmung, unser Denken, unsere Begriffe. Es ist wie im Film „Matrix“: Die Maschinen haben die Macht übernommen und züchten Menschen. Sie gaukeln den menschlichen Gehirnen mittels einer Computersoftware vor, es gäbe immer noch die Welt wie wir sie kennen, in der die Menschen die Kontrolle haben. Für die Menschen ist alles beim Alten geblieben. Mit dieser Illusion von Realität lassen sich die Menschen kontrollieren. Wer frei sein will und kritische Fragen stellt, muss die harte Realität akzeptieren lernen und gegen die Maschinen in den Krieg ziehen.

Wir passen uns den Maschinen an

Weit entfernt scheint diese Dystopie heute nicht zu sein. Unsere Paradigmen haben sich vollkommen verschoben. Die Digital-Giganten Google und Facebook haben die Kontrolle über unser Leben übernommen. Ohne sie ist unser Alltag kaum noch vorstellbar. Ein großer Teil unseres Lebens und unserer Realität spielt sich darin ab. Wir sind vielleicht noch nicht mit allen Sinnen darin abgetaucht, aber schon werden Fußgängerampeln in den Boden gebaut, damit Menschen im Straßenverkehr nicht vom Smartphone aufschauen müssen. Wir passen uns den Bedürfnissen der Maschinen an. Das Smartphone befiehlt ein Update: wir machen das Update. Facebook sagt: Deine Freunde haben Geburtstag, wir gratulieren.

Sie fressen unsere Daten

Die digitalen Monopolisten und ihre Instrumente, die verschiedenen Geräte und Maschinen sind totalitär, sie durchdringen unseren ganzen Alltag, unser ganzes Leben und wollen uns mit Haut und Haaren fressen. Wie die Maschinen in der realen Welt von „Matrix“ die Energie des menschlichen Körpers nutzen, um sich mit Strom zu versorgen, so ernähren sich die großen Konzerne von unseren Daten, von unserer Aufmerksamkeit. Wir geben den Maschinen, was sie wollen, geben ihrer digitalen Logik täglich nach, werden dadurch immer mehr wie sie, folgen der stumpfen Input-Output-Logik.

Unwissenheit ist ein Segen

Kaum jemand sieht sich in der Lage oder dazu berufen, etwas gegen diese Entwicklungen zu tun. Es ist bequem, nicht zu hinterfragen, sondern die Technologie zu nutzen, als Kommunikationstool und um sich im Netz zu profilieren, sich darzustellen. Alles Wissen der Welt ist immer von überall aus verfügbar in der Hosentasche. Wollen wir das aufgeben? Unwissenheit ist ein Segen, sagt die Judas-Figur in „Matrix“ zur Maschine, als er die Widerständler verrät. Er will vergessen, dass er jemals frei war, möchte nur ein bequemes Leben.

Was ist echt?

Die Daten, von denen sich Google und Facebook ernähren, sind ja nicht etwas Abstraktes. Die Maschinen ernähren sich von unseren Fragen, Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten. Unsere Vorlieben, Freundschaften, persönlichen Beziehungen, all dies sind unsere Daten. Das sind echte, reale Dinge. Oder sind es auch „nur“ Projektionen? Das Digitale stellt uns diese Frage neu: Was ist echt? Was macht unsere Realität aus? Unsere digitalen Daten sind nicht einfach nur Einsen und Nullen, sondern unsere Lebenswelt. Deshalb haben sich unsere Denkmuster und Deutungskategorien grundlegend verändert und verändern sich noch weiter.

Wie wirkt sich das digitale Leben auf den analogen Alltags aus? Was bedeuten diese Entwicklungen für Religiosität im Netz und die Frage nach Gott? Dazu folgt ein weiterer Beitrag.

Matthias Alexander Schmidt

Ich danke Hanno Terbuyken von evangelisch.de für einige Anregungen zu Virtual Reality, die er bei der jährlichen Tagung Kirche im Web 2.0 (2016) gegeben hat.

Ein Gedanke zu “Wenn Ihr nicht werdet wie die Maschinen…

  1. Ja, aber virtuelle Welten gibt es, seitdem Menschen ums Lagerfeuer sitzen und sich gegenseitig Geschichten erzählen.

    Die neuen Technologien sind also nichts qualitativ neues sondern nur quantitativ. Das heisst, heute braucht man weniger Phantasie, um sich in virtulle Welten zu versetzen.

    Ich denke an meine Mutter, die Zeit ihres Lebens Unmengen von Karl May und Rosamunde Pilcher verschlungen hat, um das „reale“ Leben nur einigermaßen auszuhalten.

    Auch in den neuen Technologien gibt es Autoren, die die Welten erstellen. Nicht die Computer haben die Macht übernommen, sondern die Geschichtenerzähler haben die Macht übernommen.

    Und besteht Religion nicht auch zu einem großen Teil darin, Geschichten zu erzählen, die den Menschen helfen sollen?

    Nur eine Meinung

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