1968: Eine Kulturrevolution, die Staat, Kirche und Gesellschaft beeinflusst

Wenn man die Gesellschaftsordnung im Jahr 2016 verstehen will, kommt man an die subversiven Bewegungen der späten 60er Jahre des vergangenen 20. Jahrhunderts nicht vorbei. Was damals geschah, wirkt bis heute fort.

Die „68er“ zwischen Vorurteil und Wirklichkeit

Der Kabarettist und Liedermacher Rainald Grebe hat ein ironisches Lied über die „68er“ geschrieben, es trägt den Titel „1968“ und beginnt folgendermaßen: „Liebe Kinder, es gab ein Jahr, das eine Katastrophe war: 1968. Liebe Kinder, seitdem geht’s abwärts. Die 68er sind an allem schuld.” „Die 68er sind an allem schuld.“ – In diesem Satz sind alle Vorurteile prägnant zusammengefasst. Doch inwieweit sind die „68er“, sofern man von einer homogenen, einheitlichen Bewegung sprechen kann, verantwortlich? Zunächst sei ein Blick in die prä-68er-Ära gewagt.

Münster vor 1968

Die Kirchen waren voll und Tradition war noch toll, so kann man es klischeehaft zusammenfassen. Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Es stimmt zwar, besuchte man zu Beginn der 60er Jahre eine Messe in Münster, zum Beispiel die „Bürgerkirche“ St. Lamberti, so war diese an Sonntagen voll, der sonntägliche Messbesuch galt als selbstverständlich. Der damalige Bischof von Münster Joseph Höffner (1962-1969) war eine Autorität in Münster. Des Bischofs Wort hatte meist verbindlichen Charakter.  So konnte er gar den Verkauf der Pille in den Apotheken aus moralischer Autorität verunmöglichen. Man ging mit Anzug in die Universität, kirchliche Moral galt nicht bloß für Außenseiter, sondern war gesellschaftlich verankert. Zumindest sah es so in der Öffentlichkeit aus.

Unter der Oberfläche brodelte es bereits

Doch die konservativ-traditionelle Fassade war bereits länger brüchig. Erste Erschütterungen erlebte die Tradition bereits nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, „nie wieder Krieg“ und eine neue Gesellschaft war das, was viele nach den Traumata der Schützengräben wollten. Ewige Stellungskriege und sinnloses Sterben statt Heldentaten waren die Erlebnisse der Soldaten. Der Schwarze Freitag 1929 ließ diese Visionen scheitern und förderte das Ende der Weimarer Republik sowie den Beginn der Diktatur des Nationalsozialismus.

Nach dem Wiederaufbau und dem Wirtschaftswunder, war nun in den späten 60ern die Zeit gekommen, Kritik zu üben. Kritik an bisherigen Strukturen, Kritik an mangelnder Aufarbeitung des Nationalsozialismus, Kritik an Politik, Kirche und Gesellschaft.

Das Jahr 1968: Versuch einer neuen Gesellschaft

Doch es blieb nicht nur bei Kritik. Schon bald ging es um Revolution. Der Vietnamkrieg brachte die Bewegung zu einem neuen Höhepunkt. Die 68er entwickelten sich zu einer sozialistischen oder gar radikal-kommunistischen Bewegung, ihre Anführer wie Rudi Dutschke gehörten dem SDS – dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund an. Es ging nicht mehr um Reform, sondern um Revolution. „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ „Ho-ho-ho-Chi-Minh“ statt Ho-sianna.

Besonders von den Studenten ging die Revolution aus. Tradition galt nun als verdächtig. Der Weg in den Nationalsozialismus wurde aus der deutschen Tradition heraus verstanden. Institutionen vor 1945 galten auf einmal als problematisch, faschistoid, autoritär und überholt. Sie standen dem neuen Menschen im Wege.

Dennoch ist es schwer, von „den 68ern“ zu reden. Die Bewegung wird grundsätzlich auf zwei verschiedene Weisen interpretiert. Die eine sieht in ihr eine Bewegung zur Demokratisierung, Emanzipation, sozialer Gerechtigkeit sowie das Streben nach mehr Menschen- und Bürgerrechten Die andere sieht in ihr, besonders durch den SDS und die kommunistischen Gruppen, die Rückkehr zu einem antiliberalen, antimodernistischen und antidemokratischen Neototalitarismus. (Philipps, S. 22 f.)

“Die 68er Bewegung zeichnete sich eben dadurch aus, dass sich fundamentaloppositionelle politische Ziele ‘mit subkulturellen Tendenzen einer Lebensstilrevolte […] trafen und teilweise vermengten‘ […]. Die politische Protestbewegung vermischte sich mit einer ‚Kulturrevolution‘ […] Sie erstreckte sich auf Aspekte wie Kleidung, Wohnformen, Musik und Film, Freizeitverhalten, Sexualität, Kommunikation und allgemeine Umgangsformen.“ (Philipps, S. 24)

Das Wort „Kulturrevolution“ ist genau das Stichwort auf das es noch heute ankommt. Die Folgen sind vor allem in der Sexual-, Familien- und Gesellschaftsmoral sichtbar.

Die Kirche wurde von der 68er Bewegung ins Aus gestoßen

Als aus der Zeit gefallen galt die katholische Kirche, als ein Relikt der Vorzeit. Das Verbot von Pille und Kondom durch die 1968 erschienende Enzyklika „Humanae vitae“ Pauls VI. wurde von den meisten abgelehnt. Es passte nicht in die Zeit der sexuellen Revolution hinein. Entgegen einer Moral, die auf Bibel und Tradition Bezug nahm, forderten die 68er „Selbstbestimmung“. „Humanae vitae“ galt als Werk „heteronomer“, d.h. „fremdbestimmter“, Moral, die gesellschaftlich nicht mehr konsensfähig war.

Auch politisch änderte sich im Zuge der Revolution Entscheidendes. Die Adenauer Ära ging bereits 1963 zu Ende, 1966-1969 regierte eine „große Koalition“ unter Führung der CDU. Danach die SPD mit der FDP. 1969 kam es zur „Großen Strafrechtsreform“, die besonders im Bereich der Sexualität weitgehende Liberalisierungen schuf und somit die „sexuelle Revolution“ rechtlich legitimierte. Öffentliche Homosexualität war nicht länger strafbar, ebenso wurden Ehebruch, Pornographie und die Förderung vorehelichen Geschlechtsverkehrs („Kuppelei“) nicht mehr unter Strafe gestellt. Für die Kirche hieß das: Ihre Sexualmoral war gesellschaftlich abgeschafft worden. Die Distanzierung zwischen Kirche und Gesellschaft war im Bereich der Sexualität damit sehr stark greifbar.

Die Zahl der Kirchgänger ging kontinuierlich bergab, ebenso die Zahl der Priesterweihen. Die Kirche war aus der Gesellschaft gefallen und die Distanz wurde immer größer. Die Austritte aus der katholischen Kirche in Deutschland in den 60er Jahren stiegen von etwa 20.000 auf über 60.000 an und erreichten in den 70ern fast die 70.000er Marke. Zwar ist dies gering im Vergleich zu den aktuellen Zahlen, die bei ca. 150.000 liegen, dennoch war dies damals ein exponentieller Anstieg. Die evangelische Kirche traf es viel schlimmer, bereits 1970 traten über 200.000 aus ihr aus.

Was bedeutet abschließend die 68er Bewegung?

Es ist schwer zu beantworten, wie viel die 68er-Bewegung am heutigen Zustand genau zu verantworten hat, da heutige Zustände auch allgemeine Folgen von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen sein können. Auch war die Bewegung zu plural, um sie als monolithischen Blog hinzustellen. Zum anderen haben viele damalige politischen Ausrichtungen und Forderungen heute kaum noch Relevanz. Was sich jedoch bis heute bewahrt hat, ist die Liberalisierung der Sexualität, der Verdacht und die Ablehnung gegenüber Traditionen, die politische Forderung von “Selbstbestimmung”. Der Verdacht gegenüber damaligen Autoritäten, hat zu neuen Autoritäten geführt. Wie auch immer man diese Bewegung bewertet. In den Kirchen wird zusehends die Tendenz wahrnehmbar, sich mit der 68er Bewegung zu versöhnen, um aus der gesellschaftlichen Außenseiterposition wieder in den Mainstream vorzudringen und Ansehen wie Beleibtheit zu steigern. Inwieweit das funktionieren wird, wird die Zeit zeigen. Klar ist, dass die Gesellschaft dadurch bis heute verändert wird.

Josef Jung

Literatur:

Philipps, Robert, Sozialdemokratie, 68er Bewegung und gesellschaftlicher Wandel 1959-1969, Baden-Baden 2012.

2 Gedanken zu “1968: Eine Kulturrevolution, die Staat, Kirche und Gesellschaft beeinflusst

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