Grenzenlos, abgegrenzt, ausgegrenzt oder doch ein Zaun

Wer seine Haus- oder Wohnungstür schließt, möchte das Recht auf Rückzug haben. Ist die Tür geschlossen, hat sich der Bewohner abgegrenzt vom Außen. Diese Abgrenzung ist keineswegs eine Ausgrenzung Anderer. Vielmehr wird deutlich gemacht, dass der menschliche Alltag nicht grenzenlos ist, sondern gekennzeichnet ist von Grenzen, die dem Einzelnen selbstverständlich erscheinen. Nimmt man dem Menschen seinen intimen Rückzugsort, kommt dies einer Demütigung gleich. Machen Staaten Ähnliches, so wirkt dies zumindest in Europa wie ein Angriff auf die Integrität derer, die aus welchen Gründen auch immer die „Häuslichkeit“ der Bewohner stören.

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Foto: Jo.sau Lizenz: CC BY 2.0

Wer seine Grenzen schließt, um andere Menschen abzuwehren und den eigenen Wohlstand erhalten will, kann als ein Unhold angesehen werden. Aus der Perspektive derer, die Einlass gewähren, ist diese Einschätzung natürlich verständlich. Auch mit dem Blick eines von Nächstenliebe getragenen Weltbilds, lässt sich nachvollziehen, dass dieser Schluss gezogen wird. Auf der anderen Seite kann gefragt werden, ob diese Dichotomie von „Mitleid“ und scheinbarer Ausgrenzung durch eine Grenze nicht eine verkürzte Beschreibung dessen ist, was dieses Phänomen ausmacht.

Außen und Innen

Die Annahme von Objekten, ist eine Gegensetzung zum Subjekt. Das Objekt wird nur von seinem Außen her erfasst. Es ist nicht möglich, in das Innere des Objekts vorzudringen, auch wenn ein Objekt in kleinste Teile seziert wird, bleibt es etwas, was als ein Gegenüber erfahren wird. Das Subjekt hingegen kann nur verstanden werden, wenn etwas Inneres, eine Substanz, eine Idee, ein Innenraum angenommen wird. Die Grenze ist der Bereich, der den Übergang vom Subjekt zum Objekt bildet. Dieser Übergangsbereich ist einseitig. Vom Objekt her gibt es diese Grenze nicht. Der Mensch als Subjekt ist dabei von den spiegelbildlich abgebildeten Räumen im Gehirn geleitet. Bei der anorexia nervosa (Magersucht) z. B. geht man davon aus, dass Menschen mit dieser Auffälligkeit ein „falsches“ Körperschemabild im „Kopf“ haben und sich zu dick fühlen, weil sie die realen Körpergrenzen nicht sehen. Hier findet eine Verschiebung von Grenzen statt, es bleibt jedoch die Tatsache der Körpergrenze als solche bestehen.

Haut und Mauern

Sinnbildlich könnte man nun sagen, dass das, was beim menschlichen Körper die Haut als äußere Grenze ist, bei Nationen oder Staaten die Mauer oder der Grenzzaun ist. Damit sich eine Gruppe von Menschen als Gemeinschaft fühlen kann, bedarf es einer realen Grenze. Ansonsten löst sich der Körper auf, würde mit dem Außen verfließen und wäre nicht mehr in der Lage zu handeln, da es keine Instanz gäbe, die als Subjekt handeln könnte. Die Aufnahme von Materie von Außen, dient der Lebenserhaltung, Sauerstoff wird eingeatmet, Nahrung aufgenommen. Der Körper gibt vor, wie, wann und wie viel aufgenommen wird. Ein Zuviel kann zu einer Vergiftung führen. Dass, folgt man diesem Vergleich, Gemeinschaften Grenzen ziehen und diese verteidigen, ist ein notwendiger Prozess, damit diese Gemeinschaft erhalten bleibt.

Der lebenserhaltende Zaun

Der Zaun ist damit nicht lediglich zu verstehen als ein Abwehren, sondern zunächst einmal als gegebene Tatsache, die handelndes Subjekt und Objekt möglich machen. In der abendländischen Philosophie wurde seit Aristoteles angenommen, dass etwas nicht sein und gleichzeitig nicht sein kann. Ein Subjekt kann nicht gleichzeitig Objekt sein. Das Abwehren der von außen eindringenden Objekte ist die Verteidigung der Subjekthaftigkeit. Ein Auflösen der Grenzen würde zurHandlungsunfähigkeit führen.

Dem Wunsch, seine Subjekthaftigkeit zu verteidigen, steht die moralische Verpflichtung entgegen, sichtbare Not anzuerkennen und darauf zu reagieren. Die reflexartige Reaktion auf moralische Anforderungen verhindert die Sicht auf die Dynamik fließender Grenzen. Philosophisch oder insgesamt geistesgeschichtlich bedarf es des Mutes, die Prinzipien des Denkens zu überprüfen. Wenn es neben dem Außen und Innen noch ein Drittes gibt, dann kann die Frage der Grenze sowie von Grenzverletzungen anders geklärt werden. Die Bemühungen müssten in diese Richtung gehen, also dieses Dritte genauer zu beschreiben. Eine moralisch geführte Debatte ist letztlich das Beharrenwollen auf der Annahme, dass es nur Innen und Außen gäbe. Die Dimension des Dritten führt jedoch zur Frage einer Transzendenz oder modernen Form der Metaphysik. Eine solche Suche oder Annahme passt jedoch gar nicht zu einer Gesellschaft, die konsumistisch orientiert ist und davon ausgeht, dass ihre Subjekte lediglich mit Objekten umgehen.

Thomas Holtbernd

Ein Gedanke zu “Grenzenlos, abgegrenzt, ausgegrenzt oder doch ein Zaun

  1. Wenn es zwischen Subjekt und Objekt das Dritte gibt, und man sich dem radikal zuwendet, was bedeutet das dann für die Grenzzäune?

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