„Das System, wie es bisher besteht, ist am Ende“

Der Leiter des Priesterseminars in Münster, Regens Hartmut Niehues, hat durch ein Interview in der Bistumszeitung von Münster „Kirche+Leben“ (17.04.2016) die Debatte über die Kirchen- und Glaubenskrise neu entfacht. Er bezieht sich vor allem auf die Frage der Zukunft der Priesterausbildung und des Priestertums. Doch über welches „System“ reden wir? Was heißt „wie es bisher besteht“ und warum ist es „am Ende“?

Der Kirche den Rücken kehren

Foto: dpa / picture-alliance

Das Kirchensystem des 19. Jahrhunderts

Das heutige Kirchensystem wurzelt in vielen Strukturen im 19. Jahrhundert. Dazu zählen u.a. der Verbands- und Vereinskatholizismus wie die flächendeckende Gründung von Pfarreien, geschlossenen Priesterseminaren und anderen geschlossenen katholischen Einrichtungen. Ziel war die Abgrezung von der Welt zur Re-katholisierung der Welt. Es gab ein klares Weltbild, eine klare Linie und ein klares Ziel. Man grenzte sich, vor allem in Deutschland, von der protestantischen Mehrheit in Preußen ab und lebte als Katholik gleichsam einen Gesinnungsprotest gegen Staat und Mehrheitsgesellschaft. Der Papst in Rom wurde immer mehr zur Identifiaktionsfigur, an der man sich in den Wirren der Zeit festklammern konnte. „Wo der Papst ist, da ist die Kirche“, hieß es noch im Kommentar zum Kirchenrecht der 50er Jahre. Von der Wiege bis zur Bahre war man katholisch versichert. Dieses geschlossene System  zerbrach spätestens in den 60ern, aber die Strukturen und Einrichtungen leben noch fort und werden bis ins Heute tradiert.

Die Tradition des Antimodernismus

Die ideele Grundlage diese Systems ist der so genannte Antimodernismus. Der Begriff ist schillernd, ganz allgemein kann man vielleicht sagen, dass er den Kampf und die Ablehnung aller Entwicklungen meint, die aus der Aufklärung hervorgehen. Seit dem europäischen Beginn der Moderne, der meist mit der Französischen Revolution angesetzt wird, begannen die Päpste sich gegen diese neue Zeit zu stellen. Nicht wegen des Terrors, sondern wegen der prinzipiellen Ablehnung der neuen demokratischen und emanzipatorischen Kräfte, die die Revolution trugen, lehnte der Papst diese als unrechtmäßige Selbstermächtigung gegen Gottes Gebote bereits 1791 ab. Es enstand damit ein Kampf gegen säkulare Menschenrechte, Demokratie, die Philosophie der Aufklärung,  moderne Theologie und Entwicklungen, die das Verdikt „Neuerung“ traf.

Die Kirche hingegen schärfte die Disziplin in den Priesterseminaren und Klöstern neu ein, auf dem Ersten Vatikansichen Konzil (1869-1870) wurde die Gewissheit der Gotteserkenntnis gegen alle aufklärerischen Philosophien, wie die Kants durchgesetzt. Wenige Jahre später legte Papst Leo XIII. Thomas von Aquin als Kirchenlehrer schlechthin fest. Die Marschroute war klar: Gegen den Abfall in der Moderne helfe nur ein Zurück ins Mittelalter. Thron und Altar statt Demokratie und Entwicklung. Diese Auseinandersetzung esklaierte 1907, als der Heilige Pius X. in seiner Enzyklika „Pascendi“ sagte:

„Man kann es nicht leugnen, daß in der letzten Zeit die Zahl der Feinde des Kreuzes Christi um eine große Anzahl gewachsen ist. Mit neuen, hinterlistigen Taten versuchen sie die Lebenskraft der Kirche zu brechen und, wenn es ihnen möglich ist, das Reich Christi selbst von Grund auf zu zerstören. Deshalb dürfen Wir nicht länger schweigen, um Unserer heiligsten Aufgabe nicht die Treue zu brechen und um die Milde, welche Wir bisher in der Hoffnung walten ließen, daß man sich eines Besseren besinnen würde, Uns nicht als Pflichtvergessenheit anlasten zu lassen.“- Pius X. Enzyklika „Pascendi“ (1907)

Dieses Denken muss man berücksichtigen und verstehen, will man begreifen, wieso es derart scharfe Auseinandersetzungen in der Kirche um die Frage nach Moderne und Tradition gibt. Ein Beispiel für die Eskalation dieser Auseinandersetzung war Erzbischof Lefebvre. Er kündigte dem Papst nach dem Zweiten Vatikansichen Konzil (1962-1965) wegen seiner antimodernistischen Prägung, von der nicht lassen wollte, den Gehorsam auf. Angeregt durch die Änderungen des Konzils,  entstand auf der einen Seite die von Lefebvre gegründete antimodernistische Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX), auf der anderen Seite kam es zur Gründung von Reformgruppen, die radikale Kirchenreformen wollten.

Der Kulturkampf gegen die Moderne ist zu Ende

Zwar wurde durch das Zweite Vatikansichen Konzil der antimodernistische Kampf weitgehend beendet, aber die Konzilsbeschlüsse fielen hinter die Konzilsdynamik zurück. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die meisten Reformen der 60er und 70er Jahre nicht auf das Konzil zurückgehen, sondern im gesellschaftlichen und kulurellen Wandel jener Jahre gründen. Die Forderung nach Handkommunion, nach mehr Beteiligung der Laien und Messen in der Volkssprache waren keine eigentlichen Konzilsbeschlüsse, sondern unaufhaltsame Forderungen der Zeit, gegen die niemand mehr sein konnte. Heute beziehen sich die meisten Spannungen auf den Unterschied zwischen kirchlicher Sexualmorallehre und gesellschaftlich geteilter Moral.

Wenn es aber keinen umfassenden Antimodernismus mehr gibt, stellen sich viele Fragen neu: Kann man modern und dennoch Priester sein? Wie lässt sich Kirche und Demokratie zusammen sehen? Können Sakramente wirklich als Heilsdienst der Kirche gesehen werden? Wie verhält es sich in einer Zeit, die Autonomie preist mit der Anbetung? Sieht sich der moderne Mensch noch als Schaf, das von Priestern, Bischöfen und vom Papst als Hirten geführt werden soll? Kurzum: Es entsteht eine neue Legitimations- und Glaubenskrise, da bisherigen Begründungen der Boden entzogen wurde. Niehues analysiert daher in dem Interview: „90 Prozent unserer Leute nehmen sonntags nicht an der Eucharistie teil. Beichte und Krankensalbung sind selten geworden“. Es steht jedoch fest, dass das traditionelle Kirchenbild unumkehrbar zerbrochen ist. Einige Traditionalisten mögen daran festhalten, es ändert nichts daran, dass diese Zeit für immer vorbei ist.

Keiner weiß wie die Zukunft sein wird

Wir sehen ja: Das System, wie es bisher besteht, ist am Ende. Das gilt auf Gemeindeebene, das gilt für die Strukturen über die Gemeinde hinaus und auch für die Priesterausbildung. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Insofern ist es geradezu notwendig, neue Wege auszuprobieren.“ – Regens Niehues

Das Alte ist zerbrochen, aber eine plausible Neugestalt ist noch nicht da. Die Spannung scheint nicht in einem postiven Sinne aufgelöst zu sein. Niehues nennt einige Beispiele, wie die Kirche sich nun verstehen müsse. Es brauche einen „Machtverzeicht seitens der Priester“, „ein bescheidenes, ja demütiges Auftreten der Kirche in der Gesellschaft“ und eine stärkere Einbeziehung der Laien in die Seelsorge.

„Es steht die Frage im Raum, ob die Menschen heutzutage überhaupt noch damit rechnen, dass Gott in ihrem Leben handelt. Und dass sein Handeln erfahrbar ist in den sakramentalen Zeichenhandlungen, die die Kirche seit frühester Zeit feiert.“ – Regens Niehues

Es rechnet wohl niemand damit, dass die Kirchenkrise dadurch abgewendet wird, aber es könnten Schritte in eine Richtung sein, die darin besteht, sich der Zeit zu öffnen und die Heilsbotschaft neu zu vermitteln, ohne durch eine Gesinnung der Ablehnung Seelsorge zu verunmöglichen. Auch weil klar sein sollte, dass einfache Antworten und Wahrheiten nicht existieren.

Josef Jung

Siehe dazu:

Interview mit Regens Hartmut Niehues

Weitere Artikel zum Thema:

Eine säkulare Gesellschaft

Die falsche Mission

Der Antimodernistenstreit

2 Gedanken zu “„Das System, wie es bisher besteht, ist am Ende“

  1. Das Problem ist doch, dass diese Entwicklung seit 60Jahren sichtbar ist und eine gewisse Machtarroganz eine angemessene Reaktion verhindert hat. Mein Buchtipp zu dem Thema: George Weigel „Erneuerung der Kirche“. Die Analyse in einem Satz: Im Westen ist der Glaube ans Evangelium erodiert, auch und gerade in den Kirchen. Deshalb: Weg mit den lähmenden Strukturdebatten: Kehr um und glaub an das Evangelium. Die Erneuerung muss mit dem Evangelium im Zentrum anfangen.

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