Bologna – Bewirtschaftung des Gehirns

Die Universität ist etwas anderes als Schule, interessanter, mehr den Fragen auf den Grund gehen, sich neue Welten erschließen, ganz nahe an der Forschung. Als die Bildungschancen für Arbeiterkinder geöffnet wurden, begannen mit dem Übergang zur Universität intellektuelle und politische Karrieren. Heute ist die Universität eher Stätte eines Tausches. Es wird allerdings nicht Einsicht für intellektuelle Anstrengung getauscht, sondern Lernzeit gegen Creditpoints. Das Wissen muss man sich abfragbar aneignen, Diskussionen, um den Stoff zu durchdringen und auf seinen Wahrheitsanspruch abzuklopfen, sind nicht mehr gefragt. Die Folgen werden hier auf der Basis von Gesprächen mit Studierenden der Geisteswissenschaften beschrieben.

Frankfurt an der EZB, Autor unbekannt

Frankfurt an der EZB, Autor unbekannt

Die Universität als Handelsplatz

Die Universität oder die Hochschule ist nicht mehr ein neuer geistiger Raum, in den man eintaucht, sondern eine Art Marktplatz, wo Verschiedenes angeboten und dann in Prüfungen abgefragt wird. Manche bleiben im Umkreis der Hochschulen, indem sie in der Bibliothek arbeiten, andere treffen oder in kleinen Gruppen das Lernen organisieren. Letzteres ist aber immer schwieriger, weil es den Jahrgangskurs immer weniger gibt, mit dem man zusammen gelernt, sich ausgetauscht, die Prüfungszeiten durchlitten und gefeiert hat.

Bücher sind auch kaum noch notwendig, denn fast alles, was man für die Prüfung vorbereiten muss, gibt es digital, das Scriptum zur Vorlesung, die Haus- und Seminararbeiten anderer, Wikipedia und andere Arbeiten  und dann einfach die Kopien aus Fachzeitschriften oder Buchkapitel. Immer mehr Studierende richten sich zu Hause ein, kommen einzelne Tage zu einer Vorlesung oder einem Seminar. Wenn die Vorlesungen auf Video mitgeschnitten und ins Internet gestellt werden, kann man Passagen, die man noch einmal hören will, zurückspulen. In dem Beitrag „Der Homie-Student“ wurde die neue Studierendengeneration beschrieben.

Es liegt nicht an den Studierenden, sondern an den strukturellen Vorgaben

Es sind mehrere Faktoren, die den Studierenden in der Vereinzelung lassen. Die Auflösung der Jahrgänge hat die Kollegstufe der Sekundarstufe II. schon vorexerziert. Der Klassenverband wurde aufgelöst. Die Differenzierung der Studiengänge ist aber nur ein Faktor. Es geht um die grundlegende Umorientierung  des Studierens: Dieses ist weniger auf den Stoff bezogen, sondern auf die Punkte, die man sammeln muss. Zwar werden diese mit dem gesamten Workload, also auch der privaten Arbeit und Prüfungsvorbereitung berechnet. Für 30 Stunden wird ein Creditpoint vergeben. Aber es bleiben Unterschiede in den Anforderungen, so dass die Tendenz besteht, sich da die Creditpoints zu besorgen, wo sie „billiger“ angeboten werden.

Weiter müssen mehr Prüfungen überstanden werden. Hier hat Bologna dazu geführt, dass man einen Wissensbereich für eine bestimmte Prüfung parat haben muss und dann wieder vergessen kann. Frühere Abschlussexamina, die die Kenntnis des gesamten Stoffes verlangten und damit erst viele Zusammenhänge erschlossen, gibt es kaum noch.

Weiter gibt es eine deutlichere Trennung von Grund- und Aufbaustudium. Die funktioniert anders als das frühere Vordiplom. Da wurden Teile des Studiums „abgeprüft, mit dem Diplom dann einer weiterer Teil des Fachs. Heute sollen in den drei Jahren bis zum Bachelor alle Wissensgebiete eines Faches vermittelt werden. Das führt zu einer Verschulung auf Kosten der Auseinandersetzung mit Einzelfragen. Die zwei Jahre bis zum Masterabschluss eröffnen dann mehr Freiraum. Jedoch ähneln die ersten Jahre mehr der Oberstufe als dass sie ein universitäres Neuheitserlebnis vermitteln.

Mehr Wissen, weniger intellektuelle Auseinandersetzung

Es gibt fast keine Stimmen, die die Umstellung der Studiengänge auf das –  dreijährige Bachelorstudium + 2 Jahre Spezialisierung für einen Masterabschluss – als gelungene Reform sehen. Zwar kann man inzwischen nach dem Grundstudium mit Bachelorabschluss unter sehr vielen Masterstudiengängen wählen und sich damit fachlich spezialisieren, jedoch haben die Geisteswissenschaften mehr den Charakter eines Betriebes angenommen als dass der akademische Nachwuchs die Denkwerkzeuge mit bekommt, um sich mit den aktuellen Fragen auseinanderzusetzen. Gefragt ist prüfbares Wissen, als dass das Denken noch Platz hätte – bis man dann im Masterstudium angekommen ist.

Das Bachelorstudium wird nicht  als universitär, sondern als Schule, sozusagen als Fortsetzung der Oberstufe erfahren. Man schlägt sich durch und erwirbt die Fahrkarte für eine berufliche Existenz. Das eigentliche Leben mit der Entfaltung der eigenen Fähigkeiten, mit Gestaltungskraft und Verwirklichung der Freiheit wird auf später verschoben. Eine Perspektive ist der Abschied von der 40-Stundenwoche, um im Privaten mehr Entfaltungsmöglichkeiten zu verwirklichen. Denn die Berufstätigkeit unterliegt der gleichen Verhaltenskonditionierung.

Die biologische Maschine „Gehirn“

Wie ist es möglich, dass diese Bürokratisierung der Studiengänge einhellig von Studierenden wie Professoren als Irrweg bezeichnet wird. Die hier wiedergegebene Einschätzung einer Philosophiestudentin wird von den Professoren geteilt. „Wir haben im Studium mehr Pflichten zu erfüllen, mehr To-Do-Listen zum Abarbeiten und weniger Freiheiten uns wirklich selbst zu entfalten und zu verwirklichen. Eine Abgabe oder Prüfung jagt die nächste. Inhalte und Stoff ins Hirn hereinprügeln, wiedergeben, Prüfung bestehen und so geht das Ganze in Dauerschleife weiter.“ Es gibt daher keinen Aufstand der Studenten gegen die Professoren. Sie sind beide „Opfer“.

Der Beobachter, der die Stimmen der Studierenden hört, fragt sich, warum die einst vom Geiste Humboldts inspirierte Wissenschaftslandschaft das hat mit sich machen lassen. Es muss daran liegen, dass die Bürokratisierung mehr Sicherheit zu bieten scheint als die aktive Auseinandersetzung mit den Fragen, die jede Generation neu stellt und die die Veränderungen der Gesellschaft sowie die politischen Entwicklungen einfordern.

Nichts mehr hinter Physik und Biologie

Es ist letztlich die Philosophie, die kein Widerlager mehr bietet. Sie hat weitgehend die Metaphysik als unwissenschaftlich verabschiedet und sich mit der Mehrheit ihrer Professoren dem Naturalismus zugewandt. Ausgangspunkt ist nicht mehr der Geist, sondern die experimentelle Erforschung. Was die Naturwissenschaft, nicht was Kunst, Religion und überhaupt die Frage des Menschenwesen nach Sinn betrifft, ist noch Gegenstand der Philosophie. Das Gehirn wird dann, weil die Philosophie ja nichts Eigenes mehr haben soll, als biologischer Computer verstanden, den man nur mit der richtigen Software beschicken muss. Die Prüfungen gelten dann als Testlauf, ob der Computer die Software adaptiert hat. Wie meist bei einer Software, die neu entwickelt wird, genügt ein Testlauf nicht, um das Funktionieren sicherzustellen. Das gilt auch für die Prüfungen der neuen Bachelorstudiengänge. Diese werden von den Studierenden dann als Bulimie beschrieben: Reinstopfen und schnell wieder vergessen.

Die Folge für die Lernorganisation ist logisch ableitbar: Man muss nur noch die Hirne trainieren. Wie das möglichst effektiv und zeitsparend gemacht werden kann, weiß die betriebswirtschaftliche Arbeitsorganisation. Deshalb wurde das, was mit der europäischen Vereinbarung zu einem erleichterten Wechsel auch an ausländische Hochschule angezielt war, zu einer BWLisierung, also einer Verbetriebwirtschaftlichung des Studiums. Irgendein Ungeist hat dann noch erreicht, dass ein Wechsel sogar innerhalb Deutschlands fast immer zu einem Zeitverlust führt, man also weniger leicht wechseln kann als früher nach dem Vordiplom.

Ohne in Mehr hinter der Physik keine Fehlerkorrektur

Die Absolventen eines solchen Systems sind auf Anpassung getrimmt. Wer soll aber dann die Zukunftsfragen angehen, wenn die Hirne einmal programmiert und für das Arbeitsleben eingestellt worden sind? Es braucht Reflexionsräume, sonst bleiben die Absolventen in dem System, das ihnen eingetrichtert wurde, einfach hängen. Wo das hinführt, hat das Versagen der großen Schwester der Betriebswirtschaft, die Volkswirtschaftslehre gezeigt. 2007/08 hätte die Immobilienblase ohne staatliche Eingriffe zum Zusammenbruch des Bankensystems geführt. Die Wissenschaft hatte die sog. Subprimepapiere wegen der Mischung von risikoarmen mit risikoreichen Krediten als absolut erklärt. Schon fast vergessen ist der Einbruch der Aktienmärkte im Jahr 2000. Damals herrschte in dieser Pseudowissenschaft die Überzeugung, Aktienkurse könnten nur nach oben gehen. Die Unternehmen der Technologiebranche hielten aber nur z.T. das Versprechen, mit ihnen sei problemlos Geld zu vermehren. Nur acht Jahre nach der Lehmann-Pleite führt dieselbe Denkweise zur Ruinierung der Universitäten. Jedes Mal braucht es keine 10 Jahre, um die Ergebnisse entgegenzunehmen.

Da die Philosophie den Geist als neuronales Phänomen erklärt, müssen die Reflexionsräume anderswo bereitgestellt werden. Sie heißt ja „Liebe zur Weisheit“. Deshalb soll die Studentin noch einmal mit dem Wunsch zu Wort kommen, das Studium aus dem Zugriff der Betriebswirtschaft zu befreien. „Die Philosophie fängt doch gerade erst dann an, Spaß zu machen, wenn man sich einfach mal so, ohne Druck und Jagd nach Creditpoints, in ein Seminar seiner Wahl setzen kann. Einfach nur so, aus Interesse, aus Liebe zur Philosophie und dem Denken.“

Eckhard Bieger S.J.

Links:

Der Homistudent

Die BWLisierung der Geisteswissenschaften trifft die mit Y bezeichnete Generation in einer schwierigen Befindlichkeit: Generation Y: Existentialismus als Grunderfahrung

Ein Gedanke zu “Bologna – Bewirtschaftung des Gehirns

  1. Die gedopte Elite…
    dass sich die (lernwillige ?) Elite als unwissendes Kanonenfutter des globalen Marktes erfährt hat zu tun mit – der Gier:
    OPM-OPI: other peoples ideas-other peoples money- und kaum eine/r o h n e Drogenerfahrung…!
    Aber über diese Idiotie hat sich Sokrates schon vor 2500 Jahren aufgeregt.

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