Der vorsichtige Umgang mit Meinungen

Kathedrale von Amiens, am Westportal Foto: hinsehen.net E.B.

Kathedrale von Amiens, am Westportal
Foto: hinsehen.net E.B.

Sich eine Meinung zu bilden, wird meist als eine gute pädagogische Absicht verstanden. Zu allem und jedem soll man eine Meinung haben. Und auch Professoren oder andere, die es wissen sollten, äußern sich mit ihrer Meinung zu jedem erdenklichen Thema. Es scheint dann so, als hätten sich diese Menschen eine klare und eindeutige Meinung gebildet, weil sich ihre Formulierungen schlüssig anhören. Reduziert man die Ausführungen dann auf ein verständliches Deutsch und die Kernaussage, unterscheidet sich die Meinung nicht von dem, was an den Stammtischen dahergeredet wird. Professoren und ähnliche Wissensmenschen sind auch nur Menschen, könnte man denken. Doch damit macht man sich die ganze Sache mit der Meinung zu einfach. Das Problem mit der Meinung ist vielmehr: Viele glauben, wenn sie sich eine Meinung gebildet haben, hieße das gleichzeitig, ein Problem verstanden zu haben.

Ein Problem wie die Auseinandersetzung z. B. mit gewaltbereiten Islamisten fängt mit den Begriffen an. Den Islam oder auch den Koran gibt es so nicht. Häufig wird jedoch, um sich überhaupt eine Meinung bilden zu können und nicht bei den notwendigen Einschränkungen und Differenzierungen bleiben zu müssen, verallgemeinert und im Handumdrehen wird aus einer solch vorläufigen Meinung ein Argument gegen eine bestimmte Gruppe. Die Meinung erweist sich als stark und überzeugend. Aus diesem Grunde schließen sich andere an und die Meinung bekommt so den Anschein von richtig. Und weil man nun im Wirrwarr der Möglichkeiten etwas gefunden hat, was als richtig gilt, da es ja viele so annehmen und weiter bestätigen, fühlt man sich selber richtig.

Wer eine Meinung hat, hat sonst nichts

Der Einwand, dass man noch nicht wisse, was man zu einem bestimmten Problem meine oder das „Ähm“ auf eine Frage als Bitte um Zeit fürs Nachdenken, wird oft mit einer Abwehr verwechselt, sich festlegen zu wollen. Bei manchen Menschen ist jedoch genau dieser deutlich gemachte Vorbehalt eine klare Positionierung und Festlegung, allerdings nicht auf eine gewonnene Meinung, sondern auf eine geklärte Ausgangsproblematik. Die Schwierigkeiten, überhaupt zu einer Meinung kommen zu können, sind benannt. Und das verlangt sowohl ein großes Selbstbewusstsein als auch den Mut, das Unbestimmte aushalten zu können. Wer gleich eine Meinung liefert, hat kein Problembewusstsein. Es kann ein Meinungsaustausch stattfinden. Und der ist dann davon gekennzeichnet, dass es richtig und falsch gibt oder dass man sich auf einen Kompromiss einigt. Es ist nicht das Ziel, gemeinsam zu einer Meinung oder Einschätzung zu kommen. Das Aufsuchen von Ursachen, Zusammenhängen oder einfach nur der Versuch, für ein Problem die richtigen Worte zu finden, ist zwar auch nie ganz neutral, doch ist eben die Unmöglichkeit einer neutralen Betrachtung kritisch bewusst. Man weiß um seine Unwissenheit, seine Fehlbarkeit und die Forderung zur weiteren Forschung. Ein Projekt nie wirklich abschließen zu und daher immer nur eine Meinung als Annäherung entwickeln zu können, zeugt von einer inneren Stabilität.

Wer keine Meinung hat, hat viel erreicht

Was wie ein Widerspruch klingt, ist auch ein Paradoxon. Es verlangt eine große persönliche Reife, einen Sachverhalt als nicht abgeschlossene Meinungsbildung stehen zu lassen. Da sind Fachmann und Laie sich gleich. Auch ein hochdekorierter Wissenschaftler kann aus einer persönlichen Unreife heraus seine Meinung kundtun, weil er als Kenner gelten möchte oder weil er narzisstisch davon profitiert, wenn seine Meinung eine hohe Geltung bekommt. Im Zeitalter von Internet und Fernsehen findet der in den Medien Gehör, der schnell eine Meinung parat hat. Die Meinung wird zu einem Slogan und über den diskutiert dann die Öffentlichkeit. Es scheint, dass die einzige Möglichkeit, diesem mediengesteuerten Meinungsoffenbaren zu entkommen, darin besteht, völlig absurde Thesen als Provokation in den Raum zu stellen oder das Ganze als ein ironisches Spiel zu betreiben. Den Mut, noch keine Meinung zu haben und dies offen zu bekennen, haben nur wenige. Es wäre schon viel erreicht, wenn viele einen solchen Mut würdigen würden. Und dann wäre es leichter möglich, dass man sich nicht mehr unter den Zwang setzt, eine Meinung haben zu müssen.

Thomas Holtbernd

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