Die Kritik der Kritik

In Zeiten, in denen sich eine deutsche Kanzlerin beim türkischen Regierungschef für eine nette kleine Satire im Deutschen Fernsehen entschuldigt, kann man sich fragen, welche Bedeutung Kritik noch hat. Und ob die Kritik an der Kritik noch glaubwürdig ist. Karikaturen können Terroranschläge auslösen und Kritiker kommen zu der Überzeugung, man müsse vorsichtiger mit seiner Kritik sein. Kritik scheint in der Kritik an ihr zu ersticken. Kritiker werden zu einer Form der Unterhaltung. Wenn z. B. Henryk M. Broder auftritt, dann hat dies meist eine Komponente von Hofnarr und seine Kritik wird zu einem Showact. Meldet sich Peter Sloterdijk nachdenklich zur Flüchtlingsfrage zu Wort, so wird ihm ein akademischer Rassismus unterstellt.

 

Foto: hinsehen.net E.B.

Foto: hinsehen.net E.B.

Kritik als Anklage, als Aufruf zum Nachdenken oder genauerem Hinterfragen setzt einen Rezipienten voraus. Der Empfänger einer kritischen Äußerung bedarf eines eigenen kritischen Potenzials, sonst verwechselt er eine sachliche Aussage mit der Infragestellung einer solchen sachlichen Aussage. Ohne der Kritik zuzustimmen, muss die Kritik als solche bejaht werden. Menschen, die vor dem Fall der Mauer schon kritisch waren, hörten oft die Reaktion: Dann geh‘ doch rüber in die DDR! Dieser Satz war die klare Ansage, dass man keine Kritik hören wollte. Die Auseinandersetzung konnte man sich sparen, denn Kritik wurde als Störung definiert. Sie war nicht der Auslöser für eine konstruktive Auseinandersetzung. Durch die schroffe Abweisung der Kritik, steigerte sich mancher in Rage und der Kritiker des Kritikers hatte ein moralisches Argument gegen die Kritik in der Hand, die Kritik war nämlich in ihrer Form unannehmbar. Die Kritik an der Form war eng verbunden mit einer moralischen Überlegenheit. Eine berechtigte Kritik konnte so abgewiesen werden.

Kritik in Zeiten individueller Weltbilder
Neben der moralischen Zurückweisung von Kritik aufgrund der Form hat sich eine Reaktion etabliert, die im Bestehen darauf beruht, dass es individuelle Weltbilder gäbe, die alle ihre Berechtigung hätten und eine allgemeingültige Meinung ein Angriff auf das Subjekt sei. Kritik wird damit als ein Angriff auf die Individualität begriffen. So habe auch jede Religion oder religiöse Auffassung ihre Wahrheit und Kritik wäre arrogant. Die Kritiker kritisieren die Möglichkeit einer Ansicht, die einen Unbedingtheitsanspruch hat. Bedacht wird dabei nicht, dass das Bestehen darauf, dass die eigene Meinung nicht verabsolutiert werden kann, auch schon einen Unbedingtheitsanspruch enthält.

Die neuen Tabus
Ähnlich wie das Bestehen auf dem Recht einer individuellen und damit gültigen Meinung ist die Implementierung bestimmter Denkverbote. Eine Kritik an der Flüchtlingspolitik wird oft dadurch abgeblockt, dass sie mit Rassismus oder Rechtspopulismus assoziiert wird. Eine leise Kritik an einer weiblichen Führungskraft wird gleich als frauenfeindlich deklariert. Soziale Gerechtigkeit nicht ausschließlich als Verteilungsgerechtigkeit zu definieren, wird als kapitalistisch abgetan. Einen Lehrer auch mal positiv zu beschreiben, wird belächelt und als falsche Solidarität entlarvt. Eine Krankenschwester als schlecht organisierte Arbeitskraft zu schelten, wird als Affront gegen Menschen empfunden, die sich selbstlos für andere aufopfern. Solche Denkverbote oder Tabus scheinen sich mehr und mehr verbreitet zu haben. Es ist kaum möglich, frech und radikal loszudenken. Die Kritiker der Kritiker sind schnell zur Stelle. Und es gilt kaum noch der Satz: Die Kritiker der Elche waren früher selber welche. Das würde nämlich voraussetzen, dass Kritik einer Erfahrung entstammt und zumindest die Fragen sondiert wurden.

Die Wichtigkeit der Fragen
Die Kritik an der Kritik verhindert, dass die Antworten zunächst offen gelassen werden. Kritik bezieht sich auf die Fragen. Ein Problem kann erst dann auf den Weg in eine hilfreiche Antwort geführt werden, wenn die Fragen kritisch analysiert wurden. Kritik bezieht sich nicht auf die Antworten. Es scheint jedoch die Beantwortung einer Frage zum kritischen Pool geworden zu sein. Die Frage, ob sich mit dieser Antwort etwas pragmatisch umsetzen lässt, steht im Vordergrund und nicht, ob die richtige Frage gestellt wurde. Ein solches Vorgehen verlangt ein Aushalten-Können. Kritiker müssen damit leben können, dass sie keine Antworten haben. Und die Kritiker der Kritiker sollten kritisiert werden, wenn sie auf Antworten drängen.

Thomas Holtbernd

2 Gedanken zu “Die Kritik der Kritik

  1. -Tatsächlich wäre uns allen geholfen, wenn unsere Enkel nicht primär für ihre Antworten, sondern für ihre Fragen „benotet“ würden.
    -Und -der Ton macht die Musik …

  2. Am 20.3.,2015 Habe ich folgenden Beitrag im Wartburgradio96,5 gesendet
    Kritik
    Liebe Hörerinnen, liebe Hörer
    Was wird nicht alles kritisiert. der Staat ,der Arbeitgeber, die Gewerkschaften die Kirchen
    In der letzten Zeit war bei den Kirchen, ich greife nur zwei Dinge heraus,
    bei den Katholiken die Synode in Rom, bei den evangelischen Kirche ,die Verlautbarung über die Ehe., in der Kritik.
    Wir müssen mit der Kritik leben, weil wir Menschen sind. Wir sind zum Glück nicht perfekt. Deshalb können wir Kritik üben und ertragen, aber auch annehmen und uns verbessern. Vor einiger Zeit habe ich aufgeräumt. Das macht man so wenn man älter wird. Da sind mir Aufzeichnungen aus meiner Jugendzeit in die Hände gefallen. Bei einem Kurs wurde über Kritik gesprochen. Da wurden uns fünf Punkte über Kritik genannt:
    1. Sie muss wahr sein
    2. Sie darf nicht verletzen
    3. Sie darf nicht Anonym sein
    4. Sie soll Aufbauen sein und deshalb
    5. Keine Kritik ohne Gegenvorschlag.
    Und heute füge ich noch ein 6. hinzu;
    Ich muss nicht das sagen, weil es alle sagen oder die Medien es so verbreiten.
    Jedem von uns fällt genug zu den einzelnen Punkten ein. Aber jeder von uns weis wo er schon mindestens einen dieser Punkte nicht beachtet hat.
    Schwerer ist es, Kritik an zu nehmen. Wir können alle Beispiele bringen
    Aus diesem Grund habe ich einmal 5 Punkte für alle die kritisiert werden zusammengestellt.
    1. In jeder Kritik steck eine, wenn auch kleine ,Wahrheit
    2. Unterstelle dem Kritiker keine böse Absicht
    3. Hilf dem Kritiker bei seiner Kritik
    Frage ruhig einmal nach, vielleicht liegt ein Missverständnis vor
    4. Prüfe ohne Vorurteile seine Vorschläge.
    5. Gib eine Antwort, wenn auch nicht sofort
    Wenn sie an einige Punkte, alle können sie vielleicht nicht behalten, bei ihre nächsten Kritik bedenken. Sie werden bei ihrer nächsten Kritik besser verstanden und wenn sie kritisiert werden, werden sie mit der Kritik besser umgehen können.
    Eine gute Woche und gute Gedanken wünscht hermann sudhoff aus der
    St. Elisabeth-Gemeinde Eisenach.

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