Die Nähe zu den Orten

In einer globalen Welt, die durch Digitalisierung zusammengehalten wird. In einer Welt, die Orte kennt, aber keine Wege. Und die Orte sich mehr und mehr angleichen und somit nicht als verschieden wahrgenommen werden. In einer Welt des unbegrenzten Reisens, wo entfernte Orte näher sein können als die Nachbarstadt. In einer solchen Welt entsteht auch die Sehnsucht nach Authentizität, nach dem Echten in den Begegnungen. Historisch bedeutsame Orte werden aufgesucht, um das Gefühl haben zu können, ganz nah am Wirklichen zu sein. Das Echte ist jedoch immer auch eine Überwindung von Schranken. Und die fallen weg, wo nicht nur die Möglichkeit des Herangehens bestehen, sondern auch der Anspruch besteht, dass allen alles zugänglich sein soll.

Bad Wimpfen Foto: hinsehen.net E.B.

Bad Wimpfen
Foto: hinsehen.net E.B.

Begegnung als Schöpfung

Der Trugschluss an einer solchen Auffassung, dass die Anwesenheit an einem historisch und kulturell wichtigen Ort bereits die Berührung mit etwas Wesentlichem sei, liegt darin, dass Kultur immer an eine Neuschöpfung gekoppelt ist. Die schlichte Anwesenheit reicht nicht aus, es muss schöpferisch eine Aneignung geschehen, damit ein Ort zu einer tiefergehenden Erfahrung werden kann. Diese schöpferische Aneignung geschieht durch eine Leistung des Verstehens und der Herstellung einer adäquaten Perspektive. Banal formuliert bedeutet dies, dass man als Betrachter sich in die Welt derer begeben müsste, die diese historische Stätte geschaffen oder zur Zeit der Entstehung gelebt haben. Um Besuchern eine solche schöpferische Aneignung möglich zu machen, kann es sogar notwendig sein, an der Stätte selbst Veränderungen vorzunehmen, die so weit gehen können, dass das Wahrgenommene kaum noch mit dem Historischen korreliert. Denn Historisches kann so fremd geworden sein, dass kein Bezug hergestellt werden kann. Insofern wird z. B. ein Kulturdenkmal weiter gebaut, wenn Besucher solche Orte aufsuchen.

Annäherung

Das Erschließen beginnt mit dem Spiel von Nähe und Distanz. Das unmittelbare Gegenwärtigsein macht aus einem Besuch eine Konfrontation. Die Stätte ist so lediglich ein Gegenüber, das als fremd erfahren wird. Die langsame Annäherung gibt dem Verbinden mit bekannten Erfahrungen mehr Möglichkeiten. Auf dem Weg zum Objekt findet bereits ein Ent-Fremden statt. Eine solche Erfahrung kann man machen, wenn man z. B. mit dem Fahrrad durch eine Stadt radelt. Die Verbindung einzelner Objekte oder Stadtteile ist erlebbar. Die Abstände sind überschaubar. Es ist eine Annäherung, die den Weg nicht nur als mühsame Strapaze erleben lässt, sondern auch als Struktur, die schon eine gewisse Erklärung einer Kulturstätte sein kann.

Orte

Einzelne Orte werden auf andere Orte bezogen. Und das Durchfahren mit dem Fahrrad kann spürbar machen, dass es singuläre Plätze nicht gibt. Die Bezogenheit wird zum maßgeblichen Aspekt der Annäherung. Orte können so zu Orientierungspunkten werden. Eine Anwesenheit, die den schöpferischen Akt der Deutungsmitgestaltung unmöglich macht, weil es diese Anwesenheit ohne Annäherung gab, ist ein rein körperlicher Akt. Die Erlebbarkeit ist der schöpferische Akt und dieser Akt ist eine Aufforderung, sich selbst ins Geschehen einzubringen. Orte mit kultureller oder historischer Bedeutung sind dann Erfahrungsfelder des Geistes. Im digitalen Orkus gibt es solche Erfahrungsfelder nicht und es ist möglicherweise nur eine Frage der Zeit, bis das Internet seine Faszination verloren hat. Nimmt man das Buch als einen Ort, so zeigt sich hier bereits ein Wandel. Die digitalen Konkurrenten wie eBook verlieren an Bedeutung und der konkrete und haptisch erfahrbare Ort Buch wird als Teilhabe am Schöpferischen angestrebt.

Thomas Holtbernd

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