Terror und Ostern

Die Terrorangriffe auf Brüssel zeigen die Fähigkeit des Menschen Leid zu schaffen. Was ist die christliche Antwort auf Leid und Ungerechtigkeit? Was ist die letzte Hoffnung für das geplagte Leben?

 

Fenster-Auferstandener

Europa ist unter Schock. Brüssel wurde Ziel von Terrorangriffen. In den Medien gab es kaum eine andere Meldung. Das Radio sendete ununterbrochen Nachrichtenüberblicke, Beschreibungen der Verwüstung und Augenzeugenberichte. Facebook war überflutet mit „Pray for Brussels“  oder andern Zeichen der Anteilnahme und Solidarität mit den Belgiern. Die wenigen Meldungen zu anderen Themen schienen fehl am Platz. Kaum waren die genaueren Fakten bekannt, begann auch schon die Analyse.

Warum Brüssel? War es ein Racheakt für die Festnahme von Salah Abdeslam? Ist unsere starke Anteilnahme nicht heuchlerisch? Die letzten Angriffe in Istanbul und Ankara, sowie der Krieg in Syrien, bekamen weniger Anteilnahme. Ideen und Meinungen aus allen möglichen Blickwinkeln erschienen. Aber die Christliche Perspektive wurde trotz der vielen „Pray for Brussels“ Posts nicht aufgezeigt.

Für die Opfer beten

Christen beten für die Opfer, für die Getöteten, Verletzten und Traumatisierten. Sie beten für Heilung, Stärkung, Tröstung und für die Aufnahme in die ewige Anschauung Gottes. Die barbarischen Morde, all das Leid scheint sinnlos und völlig nutzlos. Dennoch gibt es darin Hoffnung. Der christliche Glaube in die Gnade Gottes, die Leid verwandelt und erlöst. Er verbindet es mit dem Leiden seines Sohnes am Kreuz. Der christliche Glaube scheint in diesem Fall eindeutig zu übertreiben. Der Glaube an Erlösung aus dem Leiden eines Unschuldigen am Kreuz ist eine Herausforderung. Auf Christi unverdientem Tod ruht Gottes Plan für die Erlösung.

Dieser Glaube darf aber nicht das Leid der Betroffenen herabsetzen. Sie leiden schrecklich und ihr Schmerz ist höchst real. Aber es ist nicht letztendlich umsonst. Gott nutzt das Schlechte um Gutes zu tun. Das Gute mag nicht greifbar oder bemerkbar sein, doch aus dem Glauben an einen allmächtigen liebenden Gott folgt auch dieser Glaube. Die richtige Balance zwischen der Realität des Leides und der Hoffnung  ist schwer zu begreifen und schwerer zu bewahren. Es ist einfacher den Fokus auf das phänomenal erlebbare Leid zu legen und ihm alle Bedeutung abzusprechen. Das Gegenteil ist ebenso anziehend. Dem weltlichen Leid zu entfliehen und nur auf das Jenseits zu hoffen. Die Bedeutung von Leid und der gesamten physischen Welt zu leugnen.  Das erste ist Materialismus, das zweite Dualismus. Beide verfehlen die Wahrheit unseres Leidens. Beide machen das Leiden in Würde unmöglich. Letztendlich ist Leid unter beiden Positionen nicht annehmbar.

Würde des Leidens

Materialismus reduziert die Gesamtheit des existierenden auf das Empirische, die Naturwissenschaften und vor allem die Physik. Jede „normative“ Einordnung ist auf die individuelle Erfahrung von Lust begrenzt. Für diese Weltsicht ist Leid nicht mehr als die Abwesenheit von Lust. Es muss um jeden Preis vermieden werden und kann über das Unangenehme hinaus keine Bedeutung haben.

Für den Dualismus ist die materielle Welt schlecht, verdorben und Erlösung ist die Befreiung von dem Materiellen. Um Glück und Vollkommenheit zu finden muss die Welt und alles Materielle überwunden werden. Der wirklich Weise und Perfekte ist unbeeindruckt von der materiellen Welt. Er kann das Leid als Teil der materiellen Welt nur ignorieren.

Aber Leid ist ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens und es hat eine Bedeutung über das Unangenehme hinaus. Beides trifft sich in der Liebe. Liebe ist gut, das ist instinktiv klar. Menschen müssen lieben und geliebt werden. Ohne Liebe fehlt ein wichtiger Teil des Menschseins. Das zweite Vatikanische Konzil zeigt diese Wahrheit in dem es verkündet, „daß der Mensch[…] sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann“  (GS 24) Wie jedoch kann der Mensch sich aufrichtig hingeben?

Indem er das Gut des anderen aktiv wählt. Indem er sich dem Gut des anderen hingibt, sich selbst schenkt. Das erfordert jedoch ein Mangel bei anderen. Für ein absolut unbedürftiges und perfektes Wesen ist dieses Geschenk bedeutungslos. Das Geschenk kann sich nicht in den Handlungen des Menschen realisieren. Mangel und Leiden werden daher zur Möglichkeit für Liebe. Eine Welt ohne Mangel und Leid wäre ohne Mut, Stärke und dem Drama des menschlichen Lebens. Dem Drama der Höhen und Tiefen, wo selbst die tiefsten Punkte mehr Bedeutung haben als langweilige und immer gleiche Perfektion. Es wäre darüber hinaus auch eine Welt ohne Liebe. Zweifel daran können durch einen Blick auf die immer reichere und selbstgenügsame Gesellschaft und den Verfall persönlicher Beziehungen und Verantwortlichkeit ausgeräumt werden.

Für die Täter beten

Das richtige Verstehen der Bedeutung von Leid ist bei solch verabscheuungswürdigen Angriffen eine Herausforderung. Gottes Vision für Sünde und Schuld ist menschlich noch schwerer annehmbar. Was ist die christliche Hoffnung für die Täter? Sicherlich eine gerechte Strafe und eine Abkehr der Täter von Gewalt. Aber es ist letztendlich mehr, viel mehr. Die christliche Hoffnung ist die Umkehr der Täter und die Vergebung ihrer Schuld. Die Hoffnung sie in der Ewigkeit zu treffen, wo sie die Herrlichkeit Gottes schauen – zusammen mit ihren Opfern.

Vergeben oder nicht?

Diese Sicht wird mit Sicherheit auf Kritik stoßen. Sie war zum Beispiel in Kommentaren zu einem Artikel über die Bekehrung von Rudolf Höss klar zu erkennen. Höss, der langjährige Kommandant von Auschwitz, legte kurz vor seiner Hinrichtung aus eigenem Wunsch die Beichte ab. Seine ernsthafte Reue vorausgesetzt, bedeutet das die Vergebung seiner Sünden durch Gott und seine letztendliche Rettung im Himmel. Wie ist die Hoffnung oder sogar die Vorstellung von Vergebung für solche abscheuliche Taten möglich? Ist sie nicht eine Verhöhnung der Opfer. Sollte es nicht die Entscheidung der Opfer sein Vergebung zu schenken oder zu verweigern?

Sicherlich haben die Opfer diese Wahl. Die Hoffnung von Täter und Opfer zusammen im Himmel leugnet dies nicht. Die Präsenz des Opfers dort ist nicht trivial und muss besonders beachtet werden. Es zeigt die Entscheidung des Opfers schon an: Dem Täter wurde vergeben. Christus hat das grundsätzliche  Zusammenspiel von Vergeben und Vergebenwerden deutlich gemacht. „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ (Mt 6, 14-15) Jeder Mensch braucht Vergebung. Niemand, nicht einmal ein Opfer abscheulicher Verbrechen, kann die Liebe Gottes schauen, während er Groll gegen seinen Mitmenschen hegt.

Gottes unbegrenzte Barmherzigkeit

Bisher ging es nur um das persönliche Vergeben des Opfers. Aber es geht noch um mehr. Ein Aspekt tritt in unserem Justizsystem auf. Vor dem Gesetz ist die Vergebung durch das Opfer nebensächlich. Sie kann als mindernder Umstand für das Strafmaß in Betracht gezogen werden. Auf die grundsätzliche Schuldfrage und das öffentliche Interesse an Strafverfolgung hat sie keinen Einfluss.

Abgesehen von dem Schaden, den Sünden dem Sünder und anderen zufügen, schaden Sünden immer der Beziehung zu Gott. Kriminelle, Terroristen und Diktatoren sind nach dem Abbild Gottes geschaffene Menschen. Gott will ihre Erlösung und ruft sie in den Himmel, in die ewige Gemeinschaft mit ihm. Er ist daher sehr freizügig mit seiner Barmherzigkeit. Papst Franziskus schreibt darüber in Evangelii Gaudium „Gott wird niemals müde zu verzeihen; wir sind es, die müde werden, um sein Erbarmen zu bitten.“ Gottes Barmherzigkeit kennt keine Grenzen, doch sie ist nicht aufgezwungen. Sie kann, durch die mit der Sünde verbundene Scham des Menschen, nicht wirksam werden.

Die Herrlichkeit des Leids

Gottes Barmherzigkeit, sein Verlangen alle Sünden zu vergeben und alle seine Geschöpfe in seiner Liebe zu halten zieht sich durch die ganze Bibel. Doch ein Hindernis für die Akzeptanz dieser unbegrenzten Barmherzigkeit besteht immer noch. Es bleibt die Angst, das Opfer und sein Leid herabzusetzen.  Wie kann dieses Hindernis überwunden werden? Durch den Blick auf den Auferstanden. Der verherrlichte Körper Jesu enthält immer noch die Wunden der Kreuzigung. Sie sind nicht nur Symbole, keine netten Erinnerungen an das Geschehene, sondern ein wichtiger Teil. Der ganze Mensch ist verherrlicht, mit seiner Geschichte und auch mit seinen Wunden.

Gott setzt das Leid nicht herab. Er macht es nicht einfach ungeschehen.  Das würde die Bedeutung des Leides wiederum zunichtemachen. Die Wichtigkeit eines Verstorbenen und die Liebe zu ihm bewirken das Erleiden eines Verlustes. Wenn kein Verlust erlitten wird, war er weder wichtig noch geliebt. Das Leiden einfach wegzunehmen und verschwinden zu lassen, bewirkt die Entwürdigung der Verstorben. Das ist nicht Gottes Absicht. Er wertet Leid auf und führt es zur seiner vollkommenen Größe und Würde.  Dies geschieht in vielen verschiedenen Weisen und ist nicht immer menschlich verstehbar. Doch das ursprüngliche Vorbild, „der Erstgeborene der Toten“ (Kol 1, 18), zeigt diesen Plan Gottes und seine Realisierung.

Gottes Barmherzigkeit ist ein zentraler Teil dieses Plans und  mindert daher nicht den Wert der Opfer und des Leides. Die verherrlichten Wunden Christi zu betrachten kann eine gute Übung zu Ostern sein und auch nach dem nächsten Terroranschlag. Es schenkt zugleich Hoffnung inmitten des Leides als auch ein tieferes Verstehen des Leides und seiner Rolle in der Erlösungsgeschichte.

Philipp Müller

2 Gedanken zu “Terror und Ostern

  1. Vergeben zu können ist ein langer Lebensprozess und wir kommen dabei kaum an ein Ende und wir müssen immer wieder neu anfangen.

  2. Christus hat uns erlöst (Gal.3,13) vom theokratisch-zelotischen Gesetz und seiner Unbarmherzigkeit.Nicht vom Leid.
    Mit diesem bezahlen wir gerade für die ( abendländische ) menschen- und naturverachtende Unbarmherzigkeit und Gier.

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