Ostern in Russland

Ostern ist in der Orthodoxie das Hauptfest, nicht Weihnachten. Deshalb gibt es auch keinen Einkaufsrummel vor dem christlichen Hauptfest. Nur Eier und Zutaten für die Kuchen werden gekauft. Das Fasten wird ernst genommen, die Liturgie geht die ganze Nacht. Die lange Schneezeit geht zuende. Ostern wird später als im Westen gefeiert. Der erste Frühlingsvollmond nach dem 21. März gilt als Berechnungsmarke.  Da die orthodoxe Kirche die römische Kalenderreform Ende des 16. Jahrhunderts nicht übernommen hat, fällt im kirchlichen Kalender der Ostertermin dieses Jahr auf dem 1. Mai.

Ostereier

Wenn man über Unterschiede zwischen Orthodoxen und Katholiken spricht, erinnert man sich an vieles – unterschiedliche Vorstellungen über Primat des Papstes, über das Filioque, und über was noch. Aber was für Theologen und Bischöfe von Wichtigkeit ist, spielt dagegen bei den einfachen Gläubigen eine untergeordnete Rolle. Was für sie dagegen von Bedeutung ist, es ist Bräuche und Traditionen, die ihr Leben bestimmen. Dabei geht es nicht um solche Unterschiede, die einander ausschließen, sondern um solche, die einander ergänzen, die das Leben vielfältiger und tiefer machen. Ein solcher Unterschied besteht darin wie wir Ostern feiern.

Man könnte im Allgemeinen sagen – was für die Katholiken das Weihnachtsfest ist, ich spreche hier nicht von der Theologie, sondern von den Gefühlen, dann ist das Fest von gleicher emotionaler Bedeutung für die Orthodoxen das Osterfest, ohne Einkaufsrausch, denn in Russland  werden nur Eier u.a. Lebensmittel gekauft.

Die Bedeutung, die Orthodoxen in Russland dem Osterfest beimessen, liegt nicht nur dran, dass es eigentlich das höchste Fest der Kirche sein solle, sondern auch daran, wie die Menschen fasten. Hinzu kommt der am russischen Winter.

Wenn man über Ostern spricht, soll man zuerst über Fastenzeit sprechen. Wenn der Fastenzeit in der katholischen Kirche heute eher eine spirituelle Bedeutung zugesprochen wird, erleben Orthodoxe, die allen Vorschriften der Kirche folgen, die Fastenzeit sehr konkret an ihrem Leib. Desto mehr freuen sie sich auf das Fest, das nach dem Fasten kommt. Für Die Russen ist, auch heute noch oft, das Fest mit der Möglichkeit verbunden, sich etwas zu erlauben, was sie normalerweise nicht hatten. Wenn man fastet, fastet man eben, wenn man feiert, dann feiert man. Nach der strengen Fastenzeit schmecken sogar einfache Gerichte erheblich besser.

Und dann russischer Winter: Lang, kalt, mehrere Monate sieht man nur Schnee, Schnee, Schnee. Dann kommt das Fest der Auferstehung, das Fest, das den Frühling begrüßt. Der Geruch der Erde, die sich von der Schneedecke befreit hat, der blaue Himmel, das frische Grün der Bäume. Es gibt das vorchristliche  Brauchtum, bei Frühlingsbeginn die Friedhöfe zu besuchen. Es kann etwas makaber vorkommen, aber es ist eben nicht. Man trauert natürlich um seine Toten, aber man spürt gerade in dieser Zeit besonders konkret und deutlicher als sonst die Wahrheit der Auferstehung. Die Grabstätten werden in Ordnung gebracht. Deshalb riecht es überall nicht nur an frische Erde sondern auch nach frischer Farbe. Seit Jahrhunderten bringt man etwas zum Essen und zum Trinken mit und lässt einiges davon am Grab.

Die Bedeutung des Festes kann man auch daran messen, dass es die ganze Sowjetzeit überlebt hat. Man ging zwar nicht zur Kirche. Alles andere war jedoch wie immer – Ostereier, Osterkuchen. Sogar staatliche Geschäfte haben in dieser Zeit Kuchen angeboten, die zwar nicht Oster-,  sondern Frühlingskuchen hießen. Eine kleine Umbenennung, die niemanden getäuscht hat.

Jetzt geht man in die Kirche. Auch die, die nicht so oft dorthin gehen. Die ganze Nacht dauert die Liturgie. Desto besser. Um an der Freude teilzuhaben, muss man vorher etwas leiden. So sehen es die Orthodoxen. Am Morgen nach der langen Fastenzeit wie nach der langen Osterliturgie kann man dann richtig feiern, mit Kuchen, Eiern und manch anderem noch. Da Orthodoxen und Katholiken unterschiedliche Ostertermine haben, können Katholiken in Russland nicht nur Weihnachten, sondern auch Ostern zweimal feiern.

Valdimir Pachkov, Moskau

 

Warum fällt Ostern bei den Orthodoxen Kirchen meist auf einen anderen Tag als im Westen:

Eigentlich müsste das nicht sein, denn Ostern wird an dem Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert. Deshalb variiert der Termin im Osten wie im Westen. Jedoch wurde der Frühlingsanfang nicht am Frühlingsvollmond abgelesen, sondern auf den 21. März festgelegt. Der Mondzyklus kann dann zwischen dem 21. März und 25. April schwanken.  Mit der Kalenderreform 1582 des Papstes Gregor konnte der Termin des Frühlingsbeginns genauer berechnet werden. Zugleich wurde der Mondkalender revidiert. Da die Orthodoxie dieser Kalenderreform nicht übernahm, kommt es nur zufällig zu einem gleichen Ostertermin beider kirchlichen Traditionen.

 

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