Von der Gnade des Weintrinkens


Es ist ein Fest, es ist nicht nur einfach ein Fest, es ist das wichtigste Fest der Christenheit. Was verloren geglaubt, hat eine neue Wendung genommen und das Grab ist leer. Das gilt es zu feiern. Das Festmahl wird bereitet und in der westlichen Kultur gehört dazu eine gute Flasche Wein. Etwas Edles darf an diesem Tag getrunken werden. Ist es für die einen nur ein Glas Wein, so ist es für die anderen eine Form der Offenbarung. Der Wein ist Ausdruck einer Transzendenz, wie es der ungarische Schriftsteller Béla Hamvas in seiner Ode an den Wein schrieb. Der Wein ist konkret gewordene Metaphysik.

Foto: hinsehen.net

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In einem christlichen Umfeld hat der Wein, ebenso wie das Brot, eine herausragende Stellung. Das Abendmahl und die Wandlung von Brot in den Leib und von Wein in das Blut Christi sind tiefeingegrabene Bilder. Dass sich tatsächlich die Materie verändert und der Wein zum Blut wird, hat man vielleicht als Kind geglaubt, dann jedoch schnell wieder verworfen. Eine gewisse Ehrfurcht bestand allerdings weiter. Wenn man dann in eine Weingegend fährt und anschaulich erlebt, wie aus den Trauben eine Flüssigkeit gekeltert wird und dann nach einigen Monaten oder Jahren der Lagerung aus dieser Flüssigkeit Wein geworden ist, dann ist der Wandlungsgedanke wieder da.

Das geheimnisvolle Wirken

Seit Louis Pasteur wissen die Kellermeister, dass Hefe im Traubensaft aktiv ist und den Zucker in Alkohol verwandelt. Dieser Vorgang alleine ist schon sehr geheimnisvoll, doch erklärt diese Umwandlung noch lange nicht, wie es zu den verschiedenen Aromen im Wein kommt. Und kein Kellermeister ist wirklich in der Lage, die Verwandlung von den Trauben zum guten Wein exakt zu steuern. Der Winzer ist abhängig vom Wetter, von einem Miniklima, von Zufällen und es ist nicht mehr in seiner Macht, was der Weintrinker mit der Flasche macht, wie er sie lagert, öffnet, dekantiert und in welcher Umgebung er sie trinkt. Bei einem Gewitter kann dieselbe Flasche Wein völlig anders als nach einem solchen Gewitter schmecken. Isst man beim Wein eine bestimmte Speise, verändern sich die Geschmacksempfindungen und der Wein mundet seltsamerweise, obwohl er vorher fast ungenießbar erschien. Sogenannte Industrieweine mögen die Vielfalt zwar reduzieren und der Geschmack wird durch Zusätze auf eine vorhersagbare Note gebracht. Doch selbst Kenner können einen solchen Wein oft nicht als Discounterwein erkennen.

Die Ehrfurcht des Trinkens
Das Öffnen einer Flasche Wein kann wie die Offenbarung eines großen Geheimnisses sein. Lange hat man genau diese Flasche im Keller verwahrt, um sie an diesem Tag zu öffnen. Zu einer Geburtstagsfeier oder einem Hochzeitstag haben sich Gäste überlegt, aus dem Jahr eines solchen Ereignisses eine Flasche Wein zu organisieren. Das Etikett, die Form und Farbe der Flasche können gewisse Hinweise geben, was sich in ihrem Inneren befindet. Doch erst nach einer Zeremonie des Korkenziehens oder Öffnen des Verschlusses, dem Eingießen, dem Anschauen, dem Riechen wird ein Schluck genommen. Es ist wie ein heiliger Akt. Da wird nach vielen Jahren Schlaf die Prinzessin wachgeküsst. Man weiß nie, welche Laune der Wein gerade hat, ob er den notwendigen Schlaf bereits hinter sich hat. Oder ob der Zahn der Zeit bereits sein Werk getan hat und der Wein nur noch nach Essig schmeckt. Der Biertrinker will das Zischen hören und die Flüssigkeit durch seine Kehle fließen spüren. Beim Wein weiß man jedoch nicht, was man schmecken wird. Und einem sehr alten und teuren Wein wird eine hohe Achtung entgegengebracht, sodass Schluck für Schluck diesem Wein die ihm gebührende Ehrfurcht entgegen gebracht wird.

Die Metaphysik beim Schlucken
Wenn die Geschmacksnerven den Wein erkundet haben, Begriffe gefunden wurden, wie das zu nennen ist, was man schmeckt, dann wird das Erlebnis geschluckt und im Nachgang gespürt, welche Kraft der Wein hat. Und dann ist nur noch der Eindruck da. Ein solcher Nachklang kann so stark sein, dass nach einigen Gläsern eines anderen Weins immer noch der Geschmack präsent ist. Es ist etwas geblieben, was materiell nicht mehr vorhanden und dennoch nicht wegzudenken ist. Spuren der Erinnerung sind so lebendig, als hätte man gerade erst einen Schluck von diesem Wein getrunken. Das war wohl auch der Grund, warum Béla Hamvas der festen Überzeugung war, dass der Materialismus überwunden ist, wenn eine Flasche Wein genossen wurde. Und wer gerne Wein trinkt, der kann dieser These nichts mehr hinzufügen. Außer vielleicht, dass zu Ostern das Aroma der Metaphysik seine vollste Blüte erlebt.

Thomas Holtbernd
der Autor ist Mitglied im Weltverband der Weinritter, WdW, und bietet philosophische Weinseminare an

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