Gewaltüberwindung beginnt mit Mord + Religion


In der Religion steckt Gewalt. Religion eignet sich besonders gut, Gewalt zu rechtfertigen. Aber ohne Religion hätte die frühe Menschheit nicht überlebt. Die religiösen Rituale haben das immer erneute Aufbrechen der Gewalt verhindert. Deshalb ist die Überwindung der Gewalt die wichtigste gesellschaftliche Aufgabe der Religion – gerade durch die Feste.

Religion schafft es fast jeden Tag in die Hauptnachrichten – meist durch Gewalt. Die Gewaltproblematik wird dadurch verschärft, weil Religion diese mit Rückgriff auf eine unangreifbare Instanz rechtfertigen kann. Die Abschaffung der Religion zur Minderung der Gewalt liegt daher als Forderung auf dem Tisch. Es geht aber nicht nur um den Islam. Am Karfreitag soll das Kreuz, ein Gewaltsymbol, sogar verehrt werden. Sind die Kreuzzüge dann die richtige Konsequenz? Die Religionen sind gefordert, welchen Weg sie in der Gewaltfrage gehen wollen. Sie sollten an die früheste Rolle der Religion anknüpfen:

Foto: hinsehen.net E.B.

Foto: hinsehen.net E.B.

Der Sündenbock schafft die Gewalt aus der Stammesgemeinschaft

René Girard stellt folgende Überlegung an: Wenn in einem Stamm der Frühzeit die Männer sich mit ihren Waffen aufgestellt hatten, brauchte es nur einen kleinen Anlass, damit alle übereinander herfallen. Der menschgewordene Affe, der nicht mehr durch Instinkte gesteuert wird, ist nicht von außen, sondern aus dem Inneren der Gemeinschaft durch Ausrottung bedroht. An dieser Situation hat sich nicht viel verändert. Wir wissen nicht, wie viele der Stämme sich durch internen Streit ausgelöscht haben. Vor kurzem wurden große Gräberfelder aus der Steinzeit entdeckt, die auf gewaltsamen Tod hindeuten.
Wie haben aber die frühen Menschen die Bedrohung von innen überwunden? Girard greift auf die Mythen zurück und entdeckt eine Vielzahl von Berichten über die Tötung eines Außenseiters, der dann zum Helden wird. Dieser Außenseiter wird in die Rolle eines Sündenbocks gedrängt, auf ihn werden die angestauten negativen Gefühle, die Rivalitäten, der Neid abgeladen. Mit seinem Tod werden die Stammesmitglieder von ihren negativen Gefühlen befreit. Das führt dann zu der Selbsttäuschung, der Sündenbock sei tatsächlich der Urheber des Unmuts gewesen. Wir nennen das heute Mobbing. Die emotionale Wirkung können wir in gleicher Weise beobachten. Im Unterschied zu heute wird der Sündenbock in den Mythen zu einem Helden umgeformt. Sein Tod wird als Rettung aus der Krise in einem jährlichen Gedenken symbolisch wiederholt. Je bedeutsamer dieses Fest im Erleben des Volkes, desto mehr ist es gegen erneuten Gewaltausbruch gefeit. Die rituelle  Wiederholung des ursprünglichen Mords, der als Opfer gesehen wird, ist der Beitrag der Religion zum Überleben frühmenschlicher Stammesgemeinschaften. Mit diesen Erkenntnissen, die Girard durch heute noch gefeierte Riten in Stammesgesellschaften untermauern kann, findet er auch einen direkteren Zugang zum christlichen Opferkult.

Jesus, der Sündenbock

Jesus wurde getötet, weil er die Autorität der damaligen Theologen und dann auch die des Hohen Rates infrage gestellt hat. Das Volk, das ihn verehrte, hat ihm wohl übel genommen, dass er nicht die politische Macht an sich gerissen und die Römer vertrieben hat. Der Tod dieses jüdischen Messias wird rituell wiederholt, jedoch nicht nur sein Tod, sondern auch seine Rettung aus dem Tod. Dieser Sündenbock bringt durch seine Auferstehung nicht nur Entlastung von den inneren Spannungen einer Gesellschaft, sondern die Überwindung des Todes überhaupt. Diese Perspektive, die der getötete Held eröffnet, hat das Christentum über die Grenzen des Judentums hinaus geführt und die Eucharistie zum zentralen Ritus werden lassen. Ohne Eucharistie, die Feier von Tod und Auferstehung, stände das Christentum in der Gefahr, eine Morallehre zu werden, die kaum die Kraft hätte, die immer lauernde Gewalt zu mäßigen.

In seinem Buch „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“ zeigt Girard, dass vor allem das Johannesevangelium die Hinrichtung Jesu entsprechend dem Sündenbockmechanismus verstanden hat. Es ist die Erläuterung der Aussage des Hohenpriesters: „Es ist besser, dass einer für das Volk stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht“. Die folgende Erklärung des Evangelisten lautet: „Das sagte er nicht aus sich selbst; sondern weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde.“ Joh. Kap 11. Nach Johannes stirbt Jesus, damit das Volk nicht an den inneren Spannungen zugrunde geht. Vergleicht man diese Rettungstat mit der Davids, dann wird die Enttäuschung der Juden verstehbar. Der Messias soll nämlich der neue David sein. Der erste David hat die Philister, denen die Israeliten bis dahin militärisch unterlegen waren, besiegt, in unserem kollektiven Gedächtnis als Sieg des Hirtenjungen mit seiner Schleuder über den großen Goliath festgehalten. Jesus macht gar keine Anstalten, dieses politische-militärische Mandat zu übernehmen. Das Reich, das er verkündet, stellt die Armen und die Sünder in den Mittelpunkt, nicht die politischen Größen und auch nicht die Soldaten. Er hatte Zeloten in seiner Gefolgschaft, also Aufständische, die die Römer mit Anschlägen unter Druck setzen. Mit der Hinrichtung Jesu mussten sie ihre bisherigen Hoffnungen begraben. Erstaunlich ist, dass auch keiner der Zeloten auf die Idee kam, Jesus zu rächen. Offensichtlich ist Jesus so gestorben, dass diese zu erwartende Reaktion nicht greifen konnte. Noch mehr haben die Begegnungen mit dem Auferstandenen mögliche Gewaltregungen unter den Jüngern aufgelöst. Die Auferstehung des Messias hat ihnen eine neue Lebensperspektive erschlossen. Zuwendung zum Nächsten und nicht Durchsetzung der eigenen Weltanschauung, Erhöhung, nicht Unterwerfung des anderen und keine Angst vor dem Leben nach dem Tod sind die Impulse, die von Karfreitag und Ostern ausgehen.

Friede – das aktuelle Osterthema

Vergleicht man die Auferstehung Jesu mit den Anschlägen in Brüssel, dann sind beides erst einmal siegreiche Ereignisse. Aus der Sicht des IS-Staates ist die Welle der Verunsicherung in den sog. dekadenten Gesellschaften des Westens Kriterium für den Erfolg der Aktion. Den Attentätern ist ein höchst erfreuliches Leben im Himmel versprochen. Nach welchen Kriterien soll man die Ereignisse einordnen?

Ein entscheidendes Kriterium, das bestimmt, ob es sich um etwas Heilbringendes handelt, sind die Folgen der Tat. Der Friede wäre das entscheidendere Kriterium, weniger das persönliche Schicksal der Protagonisten. Wie Jesus werden die Protagonisten von Brüssel auch Nachahmer finden. Sie sind ja selbst schon Nachahmer. Wo dann anfangen, wenn es zu einem Gespräch kommen sollte? So selbstverständlich ist das Konzept Jesu nicht, auch nicht für seine Anhänger. Deshalb muss es ein höheres Kriterium geben, das in der Absicht Gottes zu suchen ist. Verkündet der Islam einen Gott der Vergeltung gegen den Gott Jesu, der das Heil aller Menschen will? Die Antwort der Muslime sollten wir einfordern.

Eckhard Bieger S.J.

2 Gedanken zu “Gewaltüberwindung beginnt mit Mord + Religion

  1. Wenn Religion -Beziehung ist,dann dient sie den islamistischen, palestinensischen,jüdischen,christlichen Mördern als gottgewollte Legitimation.
    Sie wird damit dekadent,abstossend…
    Solange die christlichen ( ? ) Nationen nicht anders als die jüdischen Zeloten erbarmungslos zurückschlagen bleibt der Karfreitag auch nach 2000 Jahren unverstanden.
    („die Historie lehrt, dass der Mensch nichts von ihr lernen will“. F.Hegel)

  2. Pingback: hinsehen.net

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