Gewalt durch Religion

Menschen werden im Namen der Religion getötet. Religion ist ein Gewaltfaktor. Dann versprechen weniger Islam, weniger Christentum eine Welt mit weniger Gewalt. Das hieße aber, die Religion sei blind gegenüber ihren Gewaltpotentialen. Aber mit der Karwoche thematisiert das Christentum die Gewaltfrage. Jesus wurde aus religiösen Gründen, wegen Gotteslästerung umgebracht. Wie hängen Religion und Gewalt zusammen? Ist die Abschaffung der Religion ein Friedensgebot?

Foto: hinsehen.net E.B.

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So einfach ist es mit der Gewalt nicht. Auch im Namen atheistischer Ideologien wurden Menschen wegen ihrer religiösen Überzeugung umgebracht. Sie stellten den absoluten Machtanspruch des Nationalsozialismus und des Kommunismus infrage, indem sie die Machthaber einer höheren Instanz unterordneten und mussten, weil diese ihre Macht erhalten wollten, sterben. Das ist noch nicht lange her. Als der Kommunismus innerlich erschöpft war, haben gläubige Christen nicht nur entscheidend zum Zusammenbruch des Kommunismus beigetragen, sondern einen gewaltfreien Übergang ermöglicht. Ob religiös oder atheistisch, es geht bei Gewalt um Macht, ob sie mit Waffen oder einfach durch Autorität ausgeübt wird.

Macht als Wurzel der Gewalt
Gläubige, ob im Hitlerdeutschland, in der Sowjetunion, in Burma oder China erkennen menschliche Machthaber nicht als oberste Autorität an. Die Religion erklärt sich damit als die höhere Autorität, vor der sich die politische Macht rechtfertigen muss. Sowohl Nationalsozialismus wie Kommunismus beanspruchten für sich, den besten Weg für die Menschen zu kennen. Das rechtfertigte für sie die Steuerung der Wirtschaft und den Einsatz von Polizei und Militär. Wer ihren Machtanspruch infrage stellte, sprach ihnen damit dieses höhere Wissen um das Wohl des Menschen ab. Wenn die Religion nicht mit dem Staat innerlich verbunden ist, kann sie Macht zum Einsturz bringen. Nicht nur Luther, Lech Walesa, Johannes Paul II. haben es gezeigt. Macht kommt allerdings auch innerhalb der Religion ins Spiel, wenn nämlich religiöse Autoritäten infrage gestellt werden.

Jesus u.a. religiöse „Aufrührer“
Jesus hat nicht die Macht der römischen Besatzer infrage gestellt, sondern die der obersten religiösen Autorität. Israel war wie das heutige Persien ein religiöser Staat, allerdings von einer Großmacht besetzt. In Persien hat ein Geistlicher, Führer oder Revolutionsführer genannt, die höchste Autorität, ein Wächterrat von 12 Mitgliedern überwacht die Gesetzgebung. Oberste politische und religiöse Autorität besaß in Israel der Hohe Rat. Jesus sprach diesem Gremium die theologische Kompetenz ab, über seine Lehre zu urteilen. Er hat aber auch nicht die heiligen Schriften des Judentums kritisiert oder gar verworfen. Vielmehr bezog er sich auf diese Texte, um seinen Anspruch zu rechtfertigen. Er leitete seine Autorität direkt von Gott her. Stellt man sich auf den Standpunkt des damaligen Hohen Rates, schien dieser nur die Alternative zu haben, Jesus anzuerkennen oder ihn mundtot zu machen. Jedoch gab es eine gewaltfreie Alternative, die noch nicht im Prozess Jesu, jedoch bei der Gefangennahme der Apostel von Gamaliel, einem Mitglied des Hohen Rates, eingebracht wurde. Wenn die Jünger Jesu tatsächlich in der Autorität Gottes predigen und handeln, könne der Hohe Rat sich dem nicht erfolgreich widersetzen. Handelten sie nicht in der Autorität Gottes, würden ihre Worte über kurz oder lang ihre Wirkung verlieren. In der Apostelgeschichte heißt es im Kapitel 5:
„Darum rate ich euch jetzt: Lasst von diesen Männern ab und gebt sie frei; denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden;  stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen. Sie stimmten ihm zu.“

Mit dem Todesurteil den religiösen Anspruch eines Propheten außer Kraft setzen.
In jeder Epoche, und grade in der sog. Moderne, wurden Rebellen, die sich auf die Autorität Gottes beriefen, nicht nur, z.B. durch Verbannung, mundtot gemacht, sondern umgebracht. Die Hinrichtung dient sozusagen als Beweis, dass Gott dem Propheten nicht die Autorität gegeben, sondern er sich selbst zum Sprecher Gottes gemacht hat. „Steig herab vom Kreuz, wenn du der Sohn Gottes bist!“ wird Jesu zugerufen. Mit seinem Tod scheint dann die Sache für die jüdische Obrigkeit erledigt. Der Tod ist sozusagen als Beweis gegen den Propheten notwendig, weil dieser sich auf eine außermenschliche Autorität beruft. Diese scheint ihn zu brauchen, da sie selber nicht spricht. Wenn Gott Jesus tatsächlich beauftragt hat, dann muss er ihn vor dem Tod bewahren – oder der Anspruch Jesu ist als leere Behauptung erwiesen. Diese Unterstellung gibt dem Karfreitag seine besondere Düsternis.

Rechtfertigung der Gewalt im Islam
Wie im Judentum und Christentum gibt es im Islam auch Todesurteile gegen Abweichler. Der persische Staat verhängt, eingeführt von seinem Gründer, Ruhollah Chomeini, bis heute Todesstrafen wegen Glaubensabfall und Gotteslästerung. Allerdings werden die meisten Hinrichtungen wegen Drogenhandel vollzogen. 2010 noch erklärte der stellv. Außenminister Hassan Ghaschghavi:  „Wir leben in einem islamischen Land und wir handeln nach den Regeln des Korans. Selbst wenn wir hunderttausend Menschen exekutieren müssen, werden wir mit der Durchsetzung dieser Regeln fortfahren.“
Auch die Selbstmordattentäter berufen sich auf Gott. Die Tatsachen zeigen, dass Religion und Gewalt zwei Größen sind, die nicht einfach getrennt werden können. Matthias Schmidt plädiert daher mit Recht dafür, dass die Gewalt im Zusammenhang mit Religion nicht ohne Einbeziehung der Religion aufgearbeitet werden kann.

Gewalt ist ein universelles, nicht nur ein religiöses Phänomen
Die Lösung kann nicht so vereinfacht werden, dass mit dem Absterben der Religion, indem sie z.B. durch Wissenschaft ersetzt wird, die Gewalt verschwinden würde. Das behauptet überraschenderweise ein Biologe, Robert Dawkins im Vorwort seines Buches „Der Gotteswahn“. Als Biologe müsste er doch erst einmal erklären, was menschliche Gewalt von tierischer unterscheidet, ehe er mit Abschaffung der Religion auch ein Ende, zumindest eine starke Abnahme der Gewalt verspricht. Dazu folgt ein weiterer Beitrag: „Religiöse Antwort auf die Gewalt.“

Eckhard Bieger S.J.

Der Islam muss sich um seiner Zukunft willen mit der Gewalt auseinandersetzen, denn im Kern geht es in Syrien wie auch im Irak um einen Konfessionskrieg. s. Gewalt zerstört Religion

Ein Gedanke zu “Gewalt durch Religion

  1. Pingback: Die Physik des Krieges | hinsehen.net

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