Das seltsame Aufhorchen bei guter Musik

Fast überall hören die Menschen Musik, die modernen Techniken machen es möglich, an jedem Ort zu jeder Zeit jedwede Musik zu hören. Die Inflation des Musikhörens kann allerdings als ein Symptom für Sprachlosigkeit verstanden werden. Victor Hugo kam zu der Ansicht: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Diesen Satz kann man auch umdrehen und sagen: Je weniger die Menschen in der Lage sind, sich zu artikulieren, desto mehr Musik müssen sie hören. Oder: Ständiges Musikhören führt zum Verlust der Fähigkeit, innere Vorgänge sprachlich zu formulieren.

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Es gibt Musikveranstaltungen, da wird ein Reigen unterschiedlicher Musik präsentiert, Musiker mit weniger und mehr Begabung treten auf. Und dann kommt ein Tenor auf die Bühne und singt so betörend wie Orpheus. Das Publikum horcht auf, selbst Menschen, die sonst nie klassische Musik hören, sind berührt. Das Gute scheint gespürt zu werden. Musik ganz allgemein ist ein zutiefst menschliches Phänomen und wie Friedrich Nietzsche meinte, wäre ein Leben ohne Musik ein Irrtum.

Musik macht schlau

Wer Musik macht, der ist intelligenter, so ging es vor Jahren durch die Presse. Man sprach von einem Mozart-Effekt. Die Hubschrauber-Eltern brachten ihre Kinder in die Musikschulen und förderten so ihre Wunderkinder. Die Forschungen brachten jedoch relativ schnell die Erkenntnis: Musik macht nicht intelligenter, Musik versetzt lediglich in eine positive Stimmung. Mit Musik ist das Leben einfach schöner. Bemerkenswert bei allen Versuchen, der Musik und dem Musikmachen etwas Positives zuzuschreiben, ist die Tatsache, dass fast jeder Mensch Musik mit Leib und Seele betreiben kann. Umso interessanter ist es zu fragen, wie dieses Phänomen zustande kommt.

Die alte Masche

Aus der Jugend kennen das viele. Wer mit einer Gitarre in den Kreis kommt, hat mehr Chancen beim anderen Geschlecht. Und wer auch noch richtig gut Musik macht, der kann sich vor den Groupies nicht mehr retten. Einen solchen Charmeur kannten schon die Griechen, es war der bereits erwähnte Orpheus. Er war in der Lage, mit seiner Musik wilde Tiere zu besänftigen, Pflanzen und Steine zum Leben zu erwecken. Orpheus heiratete Eurydike, die von einer Schlangen gebissen wurde und starb. Die Trauer wurde für Orpheus so unerträglich, dass er beschloss, seine Frau durch die Kraft der Musik ins Leben zurückzuholen. Es gelingt ihm auch, allerdings hält sich Orpheus nicht an die an ihn gestellten Bedingungen und verliert Eurydike endgültig. Der Mythos Orpheus ist damit geboren und findet in vielen Variationen Eintritt in die Theater- und Opernsäle. Und ebendieser Mythos markiert auch den Beginn der Oper.

Die Diven

Aus der Opernwelt sind vielleicht die Musikstars die bekanntesten. Sänger und Sängerinnen wurden wie Könige verehrt. Eine Maria Callas, ein Enrico Caruso, ein Luciano Pavarotti u. v. m. werden erkannt, sobald ihre Stimme zu hören sind. Bei den Beatles wurden die Fans ohnmächtig. Seinen Star möchte man nicht nur aus Lautsprecherboxen hören, man will sie live erleben. Die Stars selber stehen unter einem enormen Druck, weil sie immer höchste Qualität bringen müssen. Um ihrem Lampenfieber zu begegnen, haben sie zum Teil absonderliche Rituale entwickelt. Drogen, Alkohol und Medikamente wurden und werden oft als Hilfsmittel genutzt. Mit manchen Musikrichtungen sind bestimmte Drogen fast zwangsläufig verbunden. Wie dem auch sei, Musikfans sind bereit einen hohen Einsatz zahlen zu wollen, um ihrem Star ganz nah sein zu können und dann bei der Musik in ein Gefühl des Einsseins, der Trance geraten zu können. Und die Stars sind bereit, sich diesem Erwartungsdruck auszusetzen. Die Musik dieser Stars hat jedoch etwas, was weltumspannend als besonders und grandios wahrgenommen wird. Ureinwohnern des Amazonasgebiets, die kaum Kontakt zur westlichen Welt hatten, wurde eine Sequenz Musik vorgespielt, in der Maria Callas „Casta diva“ von Vincenzo Bellini singt. Die Reaktion war, dass diese Ureinwohner überwältigt und erschüttert waren.

Die Faszination Musik

Eine Antwort auf die Frage, welche Dynamiken oder Kräfte es sind, die in der Musik wirken, um z. B. die Ureinwohner aus dem Amazonasgebiet zu erschüttern, dürfte nicht ganz so einfach sein. Der Hirnforscher Manfred Spitzer ist der Sache sehr stark neuroanatomisch auf den Grund gegangen, doch da er selber Musik macht, hat er sich auch weit von seinem Fachgebiet entfernt. Claudia Spahn und Bernhard Richter sind Medizinprofessoren, aber erstens gleichzeitig Musiker und zweitens im Fachbereich Musikermedizin tätig. In ihrem Buch steht zwar auch die Musik im Vordergrund, sie haben den Fokus jedoch stark auf den musischen Mensch gerichtet. Man erfährt Zusammenhänge von Mythos und Musik, dem Kult drumherum, den Auftrittsritualen, dem Zusammenhang von Spracherwerb und Musikalität und vielen weiteren spannenden Aspekten über den Menschen, der Musik macht oder hört. Letztendlich bleibt jedoch die einzige Antwort, die gegeben werden kann: Höre Musik, die bewegt und erschüttert.

Thomas Holtbernd

Claudia Spahn, Bernhard Richter. Musik mit Leib und Seele. Was wir mit Musik machen und sie mit uns. 2016, Stuttgart: Schattauer 19,99 Euro

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