Religiöse Gewalt religiös beenden.


Die atheistische Reaktion auf Gewalt, also ohne Bezug auf Gott die religiöse Gewalt zurückzudrängen, scheint wieder nur Gewalt zu kennen. Frankreich lässt seine Bomber gegen den IS-Staat fliegen. Das gilt auch für die Reaktion der Religiösen, die sagen: „Religiös gerechtfertigte Gewalt hat mit Religion nichts zu tun.“ Damit verbaut man sich intellektuell, politisch und religiös die Option, religiöse Gewalt mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen: mit Religion.

Gewalt anerkennen

Religionen haben nicht nur ein latentes Gewaltpotential. Es hat sich auch immer wieder gezeigt, dass Menschen im Namen von Religion Gewalt ausüben und damit großen Schaden anrichten. Das gilt es zunächst einmal anzuerkennen. Wenn der säkularisierte Westen aber von religiösen Fanatikern angegriffen wird, reagieren gesellschaftliche Kräfte und politische Verantwortungsträger immer wieder – offenbar aus Mangel an Alternativen – mit Gegengewalt. Sind die säkularen Gesellschaften in ihrer metaphysischen Armut so gelähmt, dass ihnen nichts Besseres einfällt?

Gegengewalt und Lex talionis

Der Westen, der angeblich auf christlichen Werten basiert, die aber der säkulare Staat nicht garantieren kann, scheitert ganz offenkundig daran, religiös motivierte Gewalt zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren. Die säkulare, aufgeklärte Reaktion ist: Wir werden angegriffen, also lassen wir die Düsenjäger starten und zerbomben die vermuteten Stellungen und die Heimat derer, die uns angegriffen haben. Das „Lex talionis“ im Alten Testament würde eine andere Antwort geben: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ sollte davor schützen, dass übermäßige Rache geübt wird. Das Talions-Gesetz sollte vor Blutrache schützen. Halten sich die säkularisierten Franzosen daran? Glauben sie ernsthaft, das Bombenwerfen könne die Gewalt beenden?

Die andere Wange

Das Christentum geht sogar noch einen Schritt weiter als das „Lex talionis“. Jesus sagt: Wenn Dir einer auf rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke Wange hin. Als Antwort auf Terroranschläge klingt das für einen souveränen Staat natürlich völlig weltfremd und absurd. Eine kriegerische Antwort scheint die einzig angemessene zu sein. Aber warum eigentlich? Wer verlangt denn, dass auf Gewalt unbedingt mit Gegengewalt reagiert werden muss? Sind das die europäischen Werte der Aufklärung und des Abendlandes?
Natürlich, wenn ich angegriffen werde, habe ich jedes Recht, mich zu verteidigen, schließlich muss mein Recht auf Unversehrtheit und Leben nicht dem unrechtmäßigen Angriff weichen. Natürlich müssen auch die Täter der Anschläge zur Rechenschaft gezogen werden. Das Recht muss nicht dem Unrecht weichen. Das Opfer muss nicht freiwillig aufgeben und seinen Tod in Kauf nehmen, um gewaltlos zu bleiben. Christliche Martyrer sind immer aus Liebe zum Leben gestorben, nicht, weil sie sich in einem fehlgeleiteten, selbstzerstörerisch-suizidalen Wahn den Tod gewünscht hätten.

Gewaltlosigkeit als Weg

Die Forderung des Evangeliums lautet nicht, sich selbst mit voller Absicht zerstören zu lassen. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ bedeutet nicht, dass ich mich nicht wehren darf, wenn ich angegriffen werde. Gleichzeitig wird Gewalt im Evangelium mit Gewaltlosigkeit bekämpft. Jesus lässt es zu, dass er getötet wird. Seine Henker spotten über ihn, warum er sich denn nicht befreit, wenn er es doch könnte. So klänge dann wohl auch der Spott, wenn auf Terror nicht mit Luftangriffen reagiert würde. Aber gerade durch die Gewaltlosigkeit erteilt Jesus ja der Gewalt eine Absage. Martin Luther King, Ghandi, der Mauerfall haben es gezeigt: Gewalt kann durch Gewaltlosigkeit erfolgreich bekämpft werden. Haben nicht auch Staaten die Möglichkeit, nicht sofort mit Gewalt zu reagieren, sondern gewaltlose Lösungen zumindest in Erwägung zu ziehen?

Eine Welt ohne Gott

Wenn die Probleme der Welt ohne Gott gelöst werden sollen – wenn Gott abgeschafft werden muss, damit die Gewalt überwunden werden kann, die Lösung aller Probleme ohne Gott gehen soll, klingt der abschließende Gedanke vielleicht gar nicht so dumm. Er stammt von Dietrich Bonhoeffer, der – bei aller Liebe zur Gewaltlosigkeit – im Widerstand Attentate auf Hitler auch nicht ausgeschlossen hat:

„Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt (Markus 15,34)! Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.“ (Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung (Hrsg. E. Bethge). München : Kaiser, 1970, 393f. (Brief vom 16.07.44).

In einem weiteren Beitrag muss noch geklärt werden, was die Friedensbewegungen im Islam zur Lösung der Gewaltfrage zu sagen haben.

Vorheriger Beitrag: Atheismus kann religiöse Gewalt nicht ohne Gewalt beenden

© Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

2 Gedanken zu “Religiöse Gewalt religiös beenden.

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