Menschen im Fernsehen: Wo sind die Normalen?

Wenn man Soaps, Serien und Spielfilme im Fernsehen ansieht, wird deutlich, dass dort fast nur Schauspieler im Modelformat auftauchen. Schlank, jung, gutaussehend scheint die Schablone zu sein, nach der die mediale Tauglichkeit entschieden wird. Aber ist eine solche Selektion angemessen? Geht es nicht auch anders? Kann man im Fernsehen nur Erfolg haben, wenn man gut aussieht?

Studie: Jeder zweite Zuschauer isst beim Fernsehen

Foto: dpa/picture-alliance

Germanys Next Topmodel und „Two and a Half Men“

Ob gewollt oder ungewollt, Fernsehen und Kino sind auf ihre Weise nicht bloß eine eigene Scheinwelt, sondern oft genug Vorbilder für die reale Welt jenseits des Flimmerns. In extremo kann man diese Ausmaße sehen, wenn sich Mädchen und junge Frauen nach dem Einschalten von Formaten wie „Germanys Next Topmodel“ „zu dick“ finden und in die Magersucht abgleiten. Wegen falsch verstandener Ideale werden Menschen krank.

Von ganz anderer Qualität war die Serie „Two and a Half Men“, die bis zum Jahr 2015 ausgestrahlt wurde. Sie verkündete eine Botschaft, die eigentlich gegen alles spricht, was sonst als politisch korrekt und menschlich gilt. Im Zentrum und als gesellschaftliche Sieger wurden Rollen wie die des „Charlie Harper“ (gespielt von Charlie Sheen) oder „Walden Schmidt“ (gespielt von Ashton Kutcher) gefeiert, die Machomänner verkörpern und durch Unverschämtheiten, Lügen und Egoismus Erfolg haben. Ihr Verschleiß an Frauen war hoch und um als Frau in dieser Serie vorzukommen, ist nur ein Body Typ „Männermagazin“ gut genug. Die einzige Ausnahme bildete die dicke Haushälterin „Berta“, die durch einen zynischen und tragischen Humor die Rolle des „Sonderbaren“ verkörperte.

Kein Mut zur Alltäglichkeit?

Wird das Fernsehen bewusst eingeschaltet, um vor der mitunter nüchternen Alltäglichkeit zu fliehen oder ist es schlicht nicht gewollt einen unverstellten Blick zu liefern? Zugegeben, bei Soaps wie „GZSZ“ gibt es seit einiger Zeit auch Rollen, die nicht dem bisherigen Klischee 90-60-90 oder dem eines Modelmannes entsprechen, dennoch heißt es überwiegend: Wer bei uns mitspielt, muss gut aussehen, schlank sein und ins Lifestyle-Schema passen. Eine Frau, jungen oder mittleren Alters, die nicht Topmaße hat, hat keine Chance. Die Frage ist, ob so eine Verstellung der Alltagrealität nicht auch ein Eindruck wecken kann, dass wer anders aussieht ausgeschlossen ist und sich ändern muss. Geben Soaps und Filme, die ihre Darsteller nahezu ausschließlich auf den Idealen des „Playboy“ Magazins aufbauen, nicht ein schlechtes Vorbild ab? Wäre hier nicht mehr Mut zum Alltäglichen, zum Normalen, gerade weil man in den Soaps vorgibt dieses zu spiegeln, nötig?

Fördern solche Formate nicht auch Mobbing und Minderwertigkeitskomplexe, da sie alle ausschließen, die nicht ins Lifestyle und Schönheitsideal passen?

Fernsehen und Kino spielen mit Sehnsüchten

Warum ist es so, dass im Fernsehen vor allem Menschen mit Modelqualitäten vorkommen? Es mag damit zu tun haben, dass Schönheit anziehend ist und so für Quote sorgt. Diese Erkenntnis ist eigentlich trivial, aber sie zeigt, dass sinnliche Sehnsüchte das mediale Leben bestimmen. Die Sehnsucht nach Schönheit, Erfolg und Reichtum scheint fast die Qualität des Religiösen anzunehmen. Serien, Soaps und Filme stellen schöne und reiche Menschen dar, Werbung, Pharmaindustrie und der Einzelhandel versprechen dann, dass man selbst eine dieser medialen Ikonen werden kann, wenn man nur die richtigen Pillen nimmt, genug Sport macht und Geld ausgibt. Das ist der zeitgeistige „American Dream“: Schöner, schlanker, reicher. Es geht um die perfekte körperliche Selbstermächtigung, durch die das „Streben nach Glück“ wahr werden soll; dann scheint man erlöst. Würden Fernsehen und Kino diese Idealbilder nicht vermitteln, würden sowohl ein Wirtschaftszweig, als auch ein Lifestylekonzept in sich zusammenbrechen. Wer will schon, dass die Wirtschaft nicht mehr wächst?

Am Ende entscheidet die Quote -d. h. der Zuschauer

Doch letztlich kann einem klar werden, dass man selbst der Souverän ist, der entscheidet. Man ist letztlich nicht bloßer Konsument des Fernsehens oder gesellschaftlicher Trends, sondern kann wählen, welche mediale Landschaft man unterstützen möchte. Hier geht es ganz demokratisch zu, es zählen die Mehrheitsentscheidungen der Zuschauer, ob „Germanys Next Topmodel“, „Der Bachelor“, „Two and a Half „Men“ und ähnliche Formate gesendet werden oder nicht. Klar scheint, dass diese Formate Sehnsüchte bedienen, die sehr menschlich scheinen. Letztlich geht es also um die Frage, was die Aufgabe des Fernsehens ist: Bildung und Aufklärung oder sinnliche Bedürfnisbefriedigung? Entschieden wird per Fernbedienung.

Josef Jung

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