Nur über die Straße findet sich das Glück


Es ist nur der Schritt über die Straße, um da anzukommen, wohin man immer schon wollte, wenn man eine Sehnsucht spürte.  Oder wie man sagt, das Glück ist nur einen Schritt weit entfernt. Dieser Schritt ist jedoch für den unermesslich groß, der nicht weiß, wo die Straße ist, die er zu dem überschreiten muss, was er bewusst und unbewusst ersehnt.

Foto: Thomas Holtbernd

Foto: Thomas Holtbernd

Jenseits liegt das Paradies oder der Weinberg Clos Vougeot. Liebhaber französischer Weine, vor allem der Weine aus dem Burgund, spüren schon beim Hören dieses Wortes die Aromen auf der Zunge. Die Confrérie des Chevaliers du Tastevin hält eines ihrer wichtigsten Treffen auf dem Schloss Clos de Vougeot ab. Wer in diese Bruderschaft aufgenommen wird, der gehört zu einer der exklusivsten Gesellschaften dieser Erde.

Menschen, die sich intensiv und meist auch besessen mit einer Sache beschäftigen, haben sich viele Kenntnisse angeeignet, wissen zu unterscheiden, suchen das Seltene, nehmen Kosten und Mühen auf sich, um das zu bekommen, was als das Beste gilt. Echte Weinkenner z. B. sind nicht am Preis für eine Flasche Wein interessiert, sie würden fast jede Summe bezahlen, wenn es der Tropfen ist, der zu den auserlesensten zählt: einen Romanée-Conti, einen Pétrus, Sauternes, einen Riesling vom Schloss Johannisberg Silberlack oder höher. Oft können solche von anderen als Wahnsinnige angesehene Menschen genau sagen, wann und womit bei ihnen diese Leidenschaft entstanden ist. Begeistert erzählen sie von ihren Entdeckungen, ihrer langen Suche nach einer ganz besonderen Flasche Wein. Und irgendwann können die Zuhörer den Ausführungen nicht mehr folgen, weil sie die Bedeutung der Details nicht verstehen. Ebenso Entflammte dagegen wollen die Einzelheiten noch genauer und differenzierter wissen.

Der erste Schluck

Die Initialzündung für eine solche Leidenschaft ist in den meisten Fällen wohl banal. Da ist jemand einfach über die Straße gegangen und hat den Garten ganz naiv betreten. Das Verständnis für die Bedeutung und den Wert waren gar nicht vorhanden. Vielleicht Jahre später und ein wenig Allgemeinbildung weiter, gelangt man eher zufällig ein zweites Mal in diesen Garten. Jetzt weiß man um die Bedeutung, doch ist dieses Wissen noch akademisch. Irgendwie aber ist das Interesse geweckt. Nun werden Informationen gesammelt, das noch eher nebenbei, allerdings so, dass die Kenntnisse und damit die Ehrfurcht vor dieser Sache größer werden. Beim nächsten Mal ist der Garten zwar vertrauter, doch die Straße, die es zu überqueren gilt, erscheint breiter und gefährlicher. Viele geben hier auf, die Mühen sind ihnen zu groß. Gerne wird über den ersten Schluck geredet, doch die zweite Flasche bleibt ungeöffnet. Der erste Schluck verkümmert zu einem Traum, der so gewaltig und unerreichbar wird, dass er nicht wiederholbar erscheint. Die Mittelmäßigkeit wird gewählt. Man gönnt sich mal eine gute Flasche, die beim Discounter günstig zu erstehen ist. Das Wagnis, die Wahrheit über den ersten Schluck zu erfahren, wird nicht eingegangen.

Der zweite Schluck

Wie beim Wein, so ist es auch bei anderen Dingen. Der göttliche Trunk, den man im Urlaub getrunken hat, schmeckt daheim bei Regen und nach einem Arbeitstag fade und langweilig. Die Umgebung, das Wetter, die Stimmung beeinflussen den Geschmack. Viele Menschen gehen mit ihrer Fantasie zum Urlaubsort, in die Laune, die man hatte in dieser Zeit. Ein wenig Traurigkeit entsteht und der nächste Urlaub wird geplant. Der Besessene dagegen ist völlig auf den Wein konzentriert, die Umgebung ist vergessen. Er ist auf der Suche und will durch den Wein nicht nur eine Stimmung wiederholen. Die Straße, die er überqueren will, um zum Genuss zu kommen, ist für ihn ein notwendiger Schritt. Er schaut nach links und rechts, vorsichtig wagt er sich, wenn kein Auto zu sehen ist, auf die andere Seite. Er betritt den Garten aufmerksam, achtet auf Kleinigkeiten, will wissen, was den Geschmack beeinflussen könnte. Er ist nicht verwundert, wenn der zweite Schluck sich anders als der erste zeigt. Die Unterschiede sind geradezu eine Herausforderung, mehr über den Wein zu erfahren.

Der dritte Schluck

Das Paradies öffnet sich beim dritten Schluck durch eine differenziertere Vielfalt, eine zu aufdringliche Harmonie wird als Betrug, ein leicht zugänglicher Geschmack als Manipulation erlebt. Mittelmäßigkeit wird zur Qual. Der Suchende ist zu einem Kenner geworden und ist getrieben, den ultimativen Genuss zu finden, er schaut nicht nach hinten auf den ersten Schluck, der sich wie ein Urparadies verklären könnte. Der getriebene Kenner blickt nach vorne, es gibt noch so viel zu erfahren und kennenzulernen, er bleibt lebendig, die Augen funkeln beim Anblick eines neuen Fundstücks. Der Mittelmäßige sucht lediglich den Geschmack, den er schon kennt. Und er sieht immer älter aus und wird müde, weil er merkt, wie der zeitliche Abstand zum ersten Schluck größer wird. Der Freund eines weiteren Schluckes will sich wandeln lassen, für ihn ist jeder Schluck wie ein erster Schluck. Die Begeisterung über jede neue Entdeckung hält ihn jung und vital.

Thomas Holtbernd

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