Bilder als Weg zum guten Sterben: Ausstellung ars bene moriendi im Schloss Oberhausen

Was vielleicht heute in der Buchhandlung bei den Lebenshilfebüchern zu finden ist, das fand sich im Spätmittelalter als Gattung der Sterbekunstbücher. Die ars moriendi wird fast ausschließlich mit dem geschriebenen Wort verbunden. Es gibt jedoch auch einige Beispiele dafür, dass sich die bildende Kunst in gleicher Weise dieses Themas angenommen hat. Bekannte Bilder des Spätmittelalters, die vielleicht als Illustration der ars moriendi verstanden werden können, weisen eine besondere Eigenart auf, sie könnten als Vorform des Comics betrachtet werden. Diese Bilder wollen dem Betrachter eine Anleitung geben, wie die ars bene moriendi einzuüben wäre.

unspecified

Bild: Meister des Sinziger Kalvarienberges, Ars bene moriendi, Foto copyright Anne Gold

Der Mensch, der das Sterben eingeübt hat, entwickelt einen Weg zu seiner individuellen Kraft und wagt es, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Die ars moriendi muss daher nicht nur als Anleitung zur Rettung der Seele verstanden werden. Die als Erbbauungsliteratur aus dem Spätmittelalter bekannte Gattung kann auch ein Pendant zum Gefühl der Nichtigkeit darstellen. Wenn Pest, Kriege, Hunger u. ä. dem Leben plötzlich eine Ende setzen und einen nihilistischen Atem ausströmen, so ist der Hinweis darauf, dass das Sterben selbstbestimmt sein kann, ein möglicherweise größerer Trost als die Verheißung der Erlösung.

Der letzte Atemzug

Mit dem Aushauchen der Seele endet das irdische Leben, so die allgemeine Vorstellung. Der Lebenskampf ist vorbei. Gott hauchte dem Menschen die Seele ein und sie kehrt im Tod wieder zu Gott zurück. Oder ist es doch der Homunkulus, der bei der Zeugung in die Frau eingepflanzt wurde? Schwimmt diese Ahnung von Mensch aus dem Mund entweichend wieder zum Göttlichen zurück? Erst 1677 hatte Leeuwenhoek die Spermatozoen entdeckt und damit war die Vorstellung nicht mehr haltbar, dass das menschliche Leben als Miniaturexemplar beginnt und dann nur noch größer wird. Auf dem Bild „ars bene moriendi“ aus der Sammlung von Peter und Irene Ludwig ist es so ein kleines Menschlein (animula = Seelchen), das dem Sterbenden entweicht. Ein Spruchband, das ähnlich wie eine Sprechblase in einem Comic wirkt, und auf den Sterbenden bezogen ist, lautet: Allmächtiger Vater, gewähre Gnade. Der Gedanke des Sterbenden steht der Realität des Wesens gegenüber, das sich vom Körper gelöst hat und dessen „Flugbahn“ direkt in die Wunde des Gekreuzigten verlaufen wird. Christus ist auf dem Spruchband zugeschrieben: Einziger Vater, durch mein Leiden bist du zugänglich. Das Aushauchen wird zu einem Weg in die Wunde des anderen und dadurch zur Gemeinschaft mit Gott, dem auf dem Spruchband der Satz zugeschrieben wird: Mein bist du, weil du an Christus geglaubt hast.

Die Heilsleiter

Der normale Mensch ist in seinem Glauben schwach, ihm bleibt nur die Liebe. Der Sterbende ist in ein rotes Bett mit Baldachin gelegt, von dem Gott herunterschaut. Maria steht in einem blauen Kleid mit einer empfehlenden Geste neben dem Bett und richtet demütig ihren Blick zum Kreuz. Christus ist fast auf gleicher Höhe mit Gott. So entsteht ein Kreis, der quasi durch die Blicke der vier Beteiligten gebildet und durch die Spruchbänder in Worte gebracht wird. Sicherlich entspricht dieses Bild der Tradition christlicher Bilder, Symbole und Theologie. Es lässt sich allerdings auch der Frage nachgehen, was ein ungebildeter Mensch des späten Mittelalters beim Betrachten dieses Bildes gedacht und empfunden haben mag. Und zweitens kann auf der rein phänomenologischen Ebene erspürt werden, wie einem Menschen, der sich mit dem Sterben auseinandersetzt, durch dieses Bild Hilfestellungen gegeben werden.

Ohne Furcht und Schrecken

Die ars moriendi-Bilder, zumindest die, die in Oberhausen zu sehen sind, zeigen nicht die Vanitas, den leeren Schein, die Abschreckung vor einem sündhaften Leben, wie man sie von Hieronymus Bosch kennt. Es ist nicht der Schrecken oder eine Pädagogik des Angstmachens. Die Kunst des Sterbens wird in diesen Bildern als Gewissheit der Erlösung verdeutlicht. Der Sterbende befindet sich auf allen Bildern in Gesellschaft, er ist nicht allein. Der Zartheit und Empfindlichkeit des ausgehauchten Menschleins steht das Andere gegenüber. Das Andere ist die Wunde des Gekreuzigten. Der Sterbende findet Zuflucht konkret in dieser Wunde. Gleichzeitig ist der Blick des Betrachters auf eine gedachte vierte Person bezogen, die mit Maria, Jesus und Johannes eine Einheit bildet. Der Sterbende tritt zurück, die Figur des Sterbenden ist deutlich kleiner als die der anderen Personen. Und beim Meditieren des Bildes kann das Gefühl von einer Unwichtigkeit des Sterbens entstehen, da der Betrachter immer schon in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen ist. Der Tod wird nicht ausgeblendet, doch er wird nicht über die Gemeinschaft gestellt.

Sterbehilfe

In einem anderen Bild (Allegorie des guten Todes) der Ausstellung wird noch deutlicher, wie die Darstellung als Hilfe verstanden werden kann. Am unteren Rand des Bildes sieht man einen Sterbenden und über ihm öffnet sich ein Raum. Dort sind Fürsprecher, die auf ihn niederschauen und durch die der Sterbende Erlösung erreichen kann. Diese Konzeption kann jedoch auch als die Darstellung eines Traums gedeutet werden. Und damit dann als Hinweis darauf, welche Bilder im Kopf als positive Stimulation dienen können. Ein Mensch, der diese Bilder anschaut, verinnerlicht und immer wieder belebt, verschiebt die Dringlichkeit des Sterbens, nicht weil das Thema verdrängt wird, sondern weil die guten Bilder den Geist und das Gefühl erfüllen. Insofern kann die Kunst des guten Sterbens definiert werden als Hinschauen auf das Wesentliche und die Relativierung der Aufregung um das Sterben. Ein solcher Ansatz widerspricht einer allzu betulichen Hospizbewegung und Sterbebegleitung. Die Bilder zur ars bene moriendi zeigen, dass es auf den Blick und auf das, was man anblickt, ankommt. Die Sterbebegleitung zu einer neuen Disziplin zu machen oder einen spiritual turn auszurufen, zeugen eigentlich davon, dass man den Bildern zu wenig Kraft zutraut. Die Ausstellung in Oberhausen kann da ein wenig Abhilfe schaffen. Und nach dem Besuch einer Ausstellung zum Sterben stellt sich eine heitere Stimmung ein, weil das Sterben durch den Blick auf die Bilder zu einer Nebenrolle geworden ist.

Thomas Holtbernd

Die Ausstellung kann noch bis zum 8. Mai besucht werden.
Ludwig Galerie, Schloss Oberhausen http://www.ludwiggalerie.de
Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 11:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Eintritt 8,00 €, zwei Erwachsene plus Kinder 12,00 €
Der Katalog zur Ausstellung kostet 29,80 €

Wichtiger Hinweis zur Verwendung der Abbildungen:

Die Motive dürfen honorarfrei ausschließlich für die aktuelle Berichterstattung im Rahmen der Ausstellung Der gute Weg zum Himmel unter Hinweis auf das Copyright verwendet werden (i.d.R. vier Wochen vor und vier Wochen nach, sowie während der Laufzeit der Ausstellung).

Meister des Sinziger Kalvarienberges, Ars bene moriendi, um 1475, Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen © Foto Anne Gold, Aachen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s