Mental und digital: Was macht mich aus? (Teil 3)

Wonach richtet sich mein Gefühl, dass ich die Entscheidung, auf eine bestimmte Weise zu handeln, als meine Entscheidung getroffen habe? Der Philosoph und Psychologe Jürgen Schröder meint: Es hängt davon ab, ob ich die Gefühle und Gedanken als meine Gefühle und Gedanken empfinde. Das bedeutet: Damit ich überzeugt bin, dass etwas meine Entscheidung ist, muss mich mit der Entscheidung identifizieren. Das sei das „Gefühl der Urheberschaft“.

Ob mein Gefühl stimmt, dass tatsächlich ich die Entscheidung getroffen habe, ist abhängig davon, ob bestimmte semantische Bedingungen in der Beziehung zwischen dem Inhalt der Überlegungen und dem Inhalt der Entscheidung erfüllt sind.

Rishi Bandopadhay / flickr.com

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Beispiel: Lauf-Training mit App

Zur Veranschaulichung: Ich bin gelaufen, also schwitze ich, habe Durst: Semantische Bedingung erfüllt, ich kann mich gut fühlen, denn ich bin wirklich gelaufen. Das, was in der Lauf-App, in Facebook, Instagram, meiner Blutzucker-App, Sport-App usw. angezeigt wird, kann ich mir aber auch semantisch zuschreiben. Da steht mein Name, mein Gewicht, meine Größe, mein Foto ist dabei. Andere Leute kennen mein digitales Ich. Das sind ziemlich gute Bedingungen, um das, was da passiert, mir selbst zuzuschreiben.

Urheberschaft

Jürgen Schröder ersetzt den Begriff „Kausalität“ durch „Urheberschaft“. Die eigentliche Rolle der Urheberschaft besteht dann darin, Handlungen und Gedanken, Gefühle zu seinen eigenen zu machen und dass man sich mit ihnen identifiziert. Nicht Kausalität oder Determination machen das Gefühl zu einem rationalen oder angemessenen, sondern Beziehungen zwischen den Inhalten der Überlegungen und dem Inhalt der Entscheidung.

Nur Zuschreibung, keine echte Entscheidung?

Das ‚Selbst’ besteht laut Schröder aus Wünschen, Überzeugungen und den Urteils- und Gefühlsdispositionen. Auf meine Biographie bezogen müssten sich diese Elemente des ‚Selbst’ also aus meinen Erfahrungen, z.B. aus früheren Ereignissen gebildet haben. Wie haben sich die Elemente des ‚Selbst’ gebildet, wenn mein Selbst nur nachträglich und inhaltlich Übereinstimmung mit Ereignissen und Entscheidungen gegeben hat?

Mein Selbst ist aufgespalten

Ich könnte das aktive Posten und Dokumentieren meiner verschiedenen Aktivitäten auf ein Minimum reduzieren, mich online einschränken und zurückziehen. Doch meine Angst: Die Bedeutungslosigkeit. Wenn das alles „nur virtuell“ wäre, würde ich es ja nicht so ernst nehmen. Aber wenn ein Großteil meiner Identitätsbildung, meiner Person im Internet hängt, dann betrifft es eben auch mein reales, mein analoges Ich.

Es ist wie beim Bösewicht von Harry Potter: Seine Seele ist ein sieben Teile aufgespalten, sechs davon hat er in Artefakten versteckt. Wenn man die Artefakte zerstört, stirbt jedes Mal auch ein Teil von ihm und er wird geschwächt.

Teile meiner Identität sind irgendwie gespeichert in Beziehungen zu meinen Freunden, meiner Familie, in meinen Erinnerungen, Wünschen und ganz sicher in materiellen Dingen. Aber meine Wünsche, Sehnsüchte, Erinnerungen und Beziehungen sind eben auch in digital gespeichert. Was bleibt übrig, wenn das wegfällt? Antwort: Das Digitale Ich, denn es lässt sich nicht löschen oder wegwerfen.

Das Digitale kontrolliert alle Ebenen

Das Digitale sieht super aus, es ist nett zu mir. Es gibt mir die Illusion, dass es gut für mich ist. Ich bin sportlicher, gesünder, besser vernetzt, informierter, verliebter und beliebter. Nicht virtuell, sondern real, denn es wirkt ja auf mein analoges Ich. Es macht wirklich etwas mit mir, verändert mich. Die metaphysische Unterscheidung zwischen Körper und Geist ist mit dem Digitalen nicht mehr gültig. Das Digitale kontrolliert alle Ebenen. Auch die Annahme, Mensch und Maschine seien unterscheidbar, ist kaum noch zu rechtfertigen.

Im Digitalismus bin ich erklärt und beschrieben durch meine digitalen Spuren. Das was ich hineingebe, kommt zu mir, zu meinem Selbst, meiner Person zurück. Die Likes, die Shares und Kommentare, auch und gerade die Nicht-Reaktionen der anderen. Das alles macht mich aus.

Das Internet – ein naturalistisches Phänomen

Kommt eine App, kommt mein digitales Abbild auf Facebook als mental-subjektive Größe infrage? Der höchst subjektive Charakter des Mentalen lässt uns das Mentale überhaupt erst als solches benennen und beschreiben. Die entscheidenden Merkmale des Mentalen sind objektiv nicht erfassbar und nicht durch physikalisches Vokabular beschreibbar.

Kann mein digitales Ich darüber entscheiden, wie es mir, meinem analogen Ich geht? Wie sehr wirkt mein Digital-Ich auf mich?

Der Materialist muss immer reduktionistisch vorgehen, objektivierend beschreiben und deshalb die für die Vertreter eines Geist-Körper-Dualismus wichtigen subjektiven Erlebnisqualitäten vernachlässigen. Das Internet scheint in diesem Sinn ein naturalistisches Phänomen zu sein. Der Mensch kann reduktionistisch erklärt werden durch sein digitales Abbild.

© Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

Ein Gedanke zu “Mental und digital: Was macht mich aus? (Teil 3)

  1. Die Macht und die Seele: ratio vs. emotio-
    Gefahr erkannt,Gefahr gebannt.
    Hier hat jemand die ( bisherigen) Ergebnisse aus jahrhundertelanger Hirnforschung verpennt.., !

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