Alles nicht mehr Roger

Roger Willemsen ist gestorben und das lässt mal darüber nachdenken, was ein Intellektueller im 21. Jahrhundert sein könnte. Dabei gilt es sicherlich, einer Glorifizierung entgegen zu treten. Einen universal gebildeten Menschen dürfte es heute kaum geben, dazu sind die einzelnen Wissenschaftsfelder zu differenziert und zu unübersichtlich, um sich nur kurz einzulesen. Doch einen Intellektuellen macht auch nicht aus, dass er sich in jedem Wissensgebiet auskennt. Es ist eine Haltung und die lockere Art, über ein vorgegebenes Thema voller Begeisterung, neugierig und gelehrt nachzudenken. Ein Ergebnis ist dabei nicht das Ziel des Denkens, sondern die manchmal schmerzvolle Offenheit für eine andere Möglichkeit. Der Intellektuelle ist der Leidende, der mit dem Leid humorvoll-heiter umgehen kann. Und vielleicht ist der heutige Intellektuelle gerade deshalb ein Flüchtling aus den diktatorisch anmutenden Unterhaltungssektoren, die lustig und unbekümmert daher kommen.

(c) Mathias Wosczyna

Vielleicht kann man einen Intellektuellen daran erkennen, dass er viel liest, seien es Bücher, Zeitungen und Zeitschriften. Einer, der nur eigene Gedanken spinnt, ist vielleicht ein Entdecker, Erfinder o. ä., was nicht ausschließt, dass ein Erfinder nicht auch ein Intellektueller sein könnte. Ein Intellektueller konfrontiert sich mit Lektüre, mit den Kulturgütern dieser Welt. Und er ist politisch nicht eindeutig festzulegen. So kann es rechte und linke Intellektuelle geben, aber wohl nie politisch völlig Uninteressierte. Die Erkenntnis, der sich ein Intellektueller verschrieben hat, lässt sich nicht in eine bestimmte ideologische Richtung drängen.

Der Stand der Nichtfestgelegten

Um intellektuell redlich zu sein, besteht vielleicht die einzige Festlegung darin, sich nicht festlegen zu wollen. Dies ist nicht durch Opportunismus bedingt, sondern durch die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Dabei wird ein Gedanke durchgespielt, der auch gegen die eigene Einstellung gerichtet sein kann. Der rechte Intellektuelle wirkt für manche wie ein Verräter, wenn er einen bestimmten Gedanken konsequent weiterdenkt und damit beim ideologischen Gedankengebäude eines Linken einziehen könnte. Und ein linker Intellektueller kann als Reaktionär gelten, weil er vielleicht Gedanken wieder einfängt, die sich gar nicht begründen lassen. Der Intellektuelle ist sich selbst verpflichtet und nicht einer Partei oder Weltanschauungsgruppierung. Damit umwehen ihn stets ein Geruch von Einsamkeit und ebenso der Duft von Feuer, Ruß und Asche, weil er als sicher gegoltene Überzeugungen in die Flammen des Vergessens geworfen hat.

Die Kunst des hochgeistigen Plauderns

Am Stammtisch werden Parolen gedroschen, auf der Bühne des Intellektuellen finden Aufführungen der Kultur- und Geistesgeschichte statt. Stets gibt es Anspielungen, Zitate, Paraphrasen, ebenso Karikaturen und Possen. Der Zuschauer, der nicht unbedingt jeden Verweis erkennen muss, kann sich daran ergötzen, wie leicht die Geisteswelt als appetitliche Häppchen bereitet werden kann. Roger Willemsen beherrschte ein solches Plaudern, so banal auch scheinbar war, was er erzählte, er tat es auf einem sehr hohen Niveau. Er tat es auch stets mit einer Leichtigkeit, die Esprit enthielt, also einen Witz. Hierfür gibt es kaum ein deutsches Wort. Das macht die deutschen Intellektuellen vielleicht so anstrengend. Ernste Dinge muss man auch heiter sagen können. Denn hinter jeder Erkenntnis steht das Wissen, dass der nächste Gedanke ein kognitives Feuerwerk entzünden kann, wodurch nicht nur eine schöne frühere Erkenntnis ihre Bedeutung verloren hat. Möglicherweise muss gar das sicher Gewusste als Konstrukt verlassen werden. Die Übung des Endlichen fördert die Leichtigkeit des Denkens und die Hoffnung, dass hinter jedem intellektuellen Abgrund eine Pointe auftaucht, die über das Alte lachen lässt.

Der postmoderne Intellektuelle

In Zeiten von Schnelligkeit und digitaler Hyperinformation zeichnet sich der Intellektuelle wohl dadurch am meisten aus, dass er langsam ist. Ihm ist eine gewisse Weltfremdheit eigen, die sich als Kulturpessimismus äußern kann, doch eigentlich eine Vorsichtsmaßnahme ist, um die Menge an Informationen nicht mit der Wertigkeit einer Sache zu verwechseln. Er hat der Technik gegenüber Vorbehalte, er fragt eher, was eine Erkenntnis bringen könnte. Es geht ihm um die Nutzung moderner Medien, nicht um Unterhaltung. Pure Unterhaltung ist ihm ein Graus, sein Geist sucht in allem eine wertvolle Frage, die wäre im „Dschungelcamp“ u. ä. nur als Metafrage zu finden. Die Heiterkeit des Intellektuellen lässt ihn erschrecken, wenn moderne Unterhaltung nur unterhalten will und dem reinen Zeitvertreib dient. Von daher lassen sich nur wenige Intellektuelle in den Medien zur Unterhaltungsmarionette machen. Und genau deswegen sind viele Intellektuelle dem gewöhnlichen Medienrezipienten gar nicht bekannt.

Thomas Holtbernd

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