Die Banalität des Verbotenen

Ein Verbot, das könnte man vom Wort her zunächst so verstehen, heißt, dass eine bestimmte Tat nicht gestattet ist und eine Strafe oder zumindest eine Ermahnung nach sich zieht. Eine solche Regelung oder Strafordnung wurde geschaffen, damit das, was als schützenswert von einer Gesellschaft erachtet wurde, auch zeitlichen Bestand hat. Eine Gemeinschaft kann sich z. B. entschließen, Schwache zu schützen, weil die gemeinsame Wertvorstellung dies als logische Folge bedingt. Was aber geschieht, wenn das Zusammenleben durch eine immer größere werdende Menge an Verboten und Geboten geregelt wird? Lässt sich vor lauter Paragraphen da noch das erkennen, was eigentlich einmal beschützt und damit als wichtig angenommen wurde? Ein Verbot verkommt zu einer Banalität, wenn quasi jeder Schritt mit einem Gebot oder Verbot geregelt ist. Tabus verlieren damit an Bedeutung, denn es ist ja alles geregelt und etwas einfach nur als unantastbar zu definieren, hat in dieser komplex geregelten Welt keinen Platz mehr.

Die meisten Dinge, Vorgänge und Prozesse sind geregelt. Es gibt zahlreiche Gesetzeswerke, die das Handeln in der Gesellschaft genauestens in Vorschriften umsetzen. Kaum ein Bereich in der modernen Gesellschaft unterliegt nicht irgendwie einer vorgeschriebenen Norm. Dienstleistungen sowie die Erzeugung von Produkten werden durch Verfahrensvorschriften genormt. Die Abläufe eines Gesprächs oder einer Beratung, die gegen eine finanzielle Gegenleistung erbracht werden, sind in einem Qualitätshandbuch exakt festgelegt. Jede Abweichung führt zu einer Ermahnung oder einem finanziellen Obolus. Im offiziellen Wortgebrauch wird ein solches Vorgehen zwar nicht als Verbot gekennzeichnet, inhaltlich handelt es sich jedoch um ein solches. Die Überhöhung solcher Abweichungsverbote findet sich dann in der Normierung des allgemeinen Kommunikationsstils. Bestimmte Formulierungen gelten als unangebracht, rassistisch, frauenfeindlich u. ä. Eine politisch korrekte Sprache ordnet den sprachlichen Ausdruck. Verbote werden als Abweichen von den Geboten oder Verfahrensvorschriften verstanden und nicht mehr als etwas erlebt, was zum Schutz einer wichtigen Angelegenheit besteht.

Foto: dpa / picture-alliance

Tabu

Tabu bedeutet übersetzt Berührungsverbot. Mit einem solchen Verbot ist der Schutz von etwas Heiligem gemeint. Das, was nicht berührt werden darf, ist schützenswert und von daher mit einer Bannmeile umgeben, die nicht überschritten werden darf. Wenn es im Grundgesetz heißt: Die Würde des Menschen ist unantastbar, so ist die Integrität des einzelnen Menschen durch mehr als ein Verbot geschützt. Der einzelne Mensch wird geadelt, seine Würde ist durch mehr als eine Ansammlung von Verboten und Geboten abgesichert. Es ist zu vermuten, dass diese Auffassung vom Schutz des menschlichen Lebens einem maßgeblichen Wandel unterlegen ist, wenn bis ins Detail durch Vorschriften und Gesetze die Würde und damit das Tabu, einen anderen Menschen zu entwürdigen, geregelt ist. Das Heilige oder Schützenswerte wird zu einem Objekt, bei dem der Umgang mit ihm exakt vorgeschrieben, aber der schaurige Blick auf das Heilige verstellt ist. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Befolgung der Regeln und nicht auf das Objekt selbst.

Respekt

Der Ruf nach mehr Respekt könnte als eine Reaktion verstanden werden, das Wichtige wieder in den Blick zu bekommen. Respekt allerdings ist schon vom Wort her kein Ausrichten nach vorne, sondern ein Zurückschauen oder erneutes Schauen. Es ist der Ruf nach Wertschätzung und Aufmerksamkeit, setzt damit voraus, dass die zu achtende Person oder Gegenstand als zu achtender bereits erkannt wurde. Hat sich die Gesellschaft jedoch auf ihrem Weg der Institutionalisierung und Bürokratisierung bereits so weit entwickelt, dass die Einhaltung von Vorschriften die beste Gewähr dafür bietet, anerkannt zu sein und sich ohne große Schwierigkeit erfolgreich bewegen zu können, dann wird Respekt zu einem Stolperstein, weil die Sache im Vordergrund stünde und man sich gerade deswegen unkorrekt verhalten könnte, da der Zugang zum zu Respektierenden durch eine bestimmte Vorschrift erschwert oder verhindert werden könnte. An der Sache orientiert zu sein, hätte zur Folge, dass die Wertigkeit von Regelungen und Gesetzen herabgestuft wird. Das Unantastbare könnte einen solchen heiligen Schauder auslösen, dass ein anarchischer Impuls entsteht und das innere Entflammtsein zu einem unkontrollierten Handeln führt. Eine Gesellschaft, die in ihr Grundgesetz schreibt, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, hat daher im Ansatz bereits eine Dialektik zum geordneten Staat festgeschrieben. Es wäre daher eine Bürgerpflicht, nicht nur mehr Demokratie, sondern auch mehr Anarchie zu wagen, um die Ordnung zu erhalten, die das Schützenswerte bewahrt.

Thomas Holtbernd

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