Mein digitales Ich – gibt es mich auch nicht-digital? (Teil 1)

Guter Wert, das Diabetes-Monster lacht. (Bild: aus der App des Autors)

Guter Wert, das Diabetes-Monster lacht. (Bild: aus der Diabetes-App des Autors)

Damit etwas mein freier Wille ist und zu meinem Selbst gehört, muss ich es mir selbst zuschreiben können. Mein Alltag, mein Ich, mein Selbst: Sie sind vollständig durch-digitalisiert: Ergebnis: Ich fühle mich unfrei und machtlos. Ist jemand anderes dafür verantwortlich – mein Digitales Ich? Bin ich das etwa nicht?

Mein Smartphone-Wecker klingelt, ich wache auf, schaue auf den Bildschirm: 7:30 Uhr. Ich stecke mein Blutglukose-Messgerät an das iPhone an, messe meine Blutglukose, 134 mg/dL, der Wert wird direkt in die Blutzucker-App geladen. Ein guter Wert, die App zeigt ihn in grün an, das kleine Diabetes-Monster in der App lacht.

Diabetes digital

Wäre der Wert zu hoch oder zu niedrig, würde er gelb oder sogar rot. Ich spritze meine morgendliche Dosis an langsam wirkenden Insulin, protokolliere sie in der Blutzucker-App. Die App belohnt mich mit 2 Punkten. Je nachdem, was ich eintrage, bekomme ich eine bestimmte Punktzahl, wenn ich 50 Punkte am Tag schaffe, habe ich das kleine Diabetes-Monster in der App besiegt, eine wöchentliche E-Mail zeigt, wie oft ich das geschafft habe, und: Wie ich im Vergleich mit anderen Nutzern derselben App abgeschnitten habe.

Früher hätte man ein handschriftliches Diabetes-Tagebuch geführt, dieses alle paar Monate mit in die Sprechstunde gebracht. Das habe nicht einmal eine Woche lang nach meiner Diagnose gemacht. Danach hatte ich die App. Ich maile mein digitales Zucker-Tagebuch direkt aus der App an meinen Diabetologen.

Mein Körper ist online – Sport digital

Heute sind meine Körperfunktionen und medizinischen Werte fast unmittelbar mit dem Smartphone verbunden. Ganz normal. Mein Körper ist online. Es gibt Echtzeit-Blutzucker-Sensoren, die man unter der Haut trägt, sie verbinden sich via Bluetooth direkt mit einer Smartwatch. Die Daten ließen sich auch auf Smart-Glasses anzeigen.

Ich stecke mein iPhone in die Sporthülle, befestige sie am Oberarm. Ich ziehe meine Laufschuhe an. In der Küche esse ich hastig eine halbe Banane, gebe in der App ein, dass ich gerade etwa 12 g Kohlehydrate, 1 Kohlehydrateinheit (KE) zu mir genommen habe und markiere dies als „Snack“ und mit dem Etikett „Vor dem Sport“. An der Haustür öffne ich die Lauf-App auf meinem iPhone, drücke auf „Lauf starten“ und laufe los.

Während der nächsten 90 Minuten zeichnet die App mittels GPS den Streckenverlauf und meine Geschwindigkeit auf, außerdem meine Pulsfrequenz während des Laufs. Da meine Größe und mein Gewicht in der App gespeichert sind, wird auch berechnet, dass ich während des Laufs etwa 1000 Kcal verbrannt haben werde.

Gleich gibt’s Dopamin!

9:15 Uhr, ich bin zurück von meinem Lauf, nehme das iPhone aus der Sporthülle, entsperre den Bildschirm: Ich freue mich, denn gleich wird mir die App zu meinem absolvierten Training gratulieren, mir anzeigen wie schnell und wie weit genau ich gelaufen bin und wieviel Energie ich dabei verbraucht habe.

Schon kurz bevor ich über den Bildschirm wische, um den Bildschirm zu entsperren, schüttet mein Körper das Glückshormon Dopamin aus, in der Erwartung, dass ich gleich etwas Positives erleben werde. Ich schaue auf den Bildschirm und traue meinen Augen nicht: 0,00 km, Zeit: 10 Minuten – oh nein, irgendetwas ist schief gelaufen, die App ist während des Laufs abgestürzt, hat nicht richtig funktioniert. Das wohlige Glücksgefühl über den absolvierten Lauf will sich partout richtig einstellen, ich bin sogar etwas frustriert, ärgere mich über die blöde Technik.

Belohnungszentrum überfordert

Lauf-App-Ergebnis, wenn es richtig funktioniert – doch: Bin ich diese Daten? (Bild: aus der Lauf-App des Autors)

Auf diesen Fehler war das Belohnungszentrum meines Gehirns nicht vorbereitet. Obwohl ich früh aufgestanden, 90 Minuten durch die Natur gelaufen bin, mir etwas Gutes getan habe, kann ich mich nicht richtig freuen. Wenn die App es nicht aufgezeichnet hat, wenn es nicht digital nachweisbar ist, fühlt es sich so an, als hätte es gar nicht stattgefunden. Ich trage die ungefähre Kilometerzahl gerundet manuell in die App ein, ich bin die Strecke schon öfter gelaufen und weiß, dass es etwa 12 km sind. Aber es ist nicht dasselbe.

Obwohl ich weiß, wie lange und wie weit ich gelaufen bin, fühlt es sich falsch an, eine so ungenaue, weil nicht vom Gerät selbst aufgezeichnete Angabe zu veröffentlichen. Auch meine eigene Laufstatistik in der App bringt es – scheinbar – durcheinander. In ein paar Tagen werde ich vergessen haben, welchen Lauf die App „richtig“ aufgezeichnet hat und welche Werte ich selbst manuell nachgetragen habe.

Nach einem guten Lauf – besonders weit, schnell oder an einem außergewöhnlichen Ort– poste ich das Resultat manchmal direkt bei Facebook. Das setzt einem guten Lauf noch das i-Tüpfelchen auf. Und so richtig gut fühlt es sich dann an, wenn das meinen Facebook-Freunden gefällt. Das kann ich mit so einem manuell eingetragenen Ergebnis natürlich nicht machen. Warum nicht? Es käme mir unehrlich vor – und das bei Facebook. Absurde Einstellung.

Im zweiten Teil dieser Reihe: Nicht virtuell, sondern real – Person und digitales Selbstbild

© Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

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