Karneval ja, aber nicht in der Kirche

Nicht weil die Kirche gegen den Karneval wäre. Er kommt aus den Klöstern und hat sich dann reich entfaltet. Die Klöster begannen damit, vor dem Aschermittwoch alles Fleisch aufzuessen. Dann gab es Bräuche zum Austrieb des Winters. Schließlich kamen Volkskundler auf die Idee, das könne alles germanisches Brauchtum sein, welches das Christentum zugedeckt habe. Bis in die sechziger Jahre vermuteten dann auch Pfarrer den Teufel am Werk und versammelten als Gegenmaßnahme die Gläubigen während der Karnevalstage zum Ewigen Gebet vor der Monstranz. Als es dann liberaler wurde, hielten Pfarrer von der Kanzel Büttenreden und luden die Kostümierten in die Kirche ein. Diese Anbiederung schmeckte jedoch schal und hat sich nicht durchgesetzt. Und warum ist der Karneval dann doch christlich?

Foto: Helmut Zimmermann

Der Narr im Gebälk der Nikolauskirche in Dorchheim mit Eselsohren und hängender Zunge. Foto: Helmut Zimmermann

Schauspiel des Teufels

Der Karneval zeigt ein anderes Gesicht als das Schützenfest, die Kirmes und die verschiedenen Sommerfeste. Er stellt eine verkehrte Welt dar. Der Narr wird auch Tölpel oder Depp genannt. Seine Kopfbedeckung, die Narrenkappe oder Gugel, ist nicht die der heutigen Karnevalspräsidien, sondern eine Mütze mit Eselsohren, Hahnenkamm und Schellen. Der Narr im Sinne des Deppen ist der, der nicht über die richtigen Erkenntnisse und Einsichten verfügt, der vom Weg abgekommen ist, der Gott nicht als Heil erkennt. Manche Narren tragen einen Stock mit Narrengesicht, das Narrenzepter, das die eitle Selbstbezogenheit zum Ausdruck bringt. Der Stock hieß früher Marotte, was sich im heutigen Wortgebrauch für „Schrulle“ noch erhalten hat.

Das Wort „Maske“ kommt aus dem Arabischen und bedeutet Verspottung und Scherz. Die Masken stellen die Laster dar. Für die Hoffart stehen der Pfau oder das Pferd, der Neid wird durch den Drachen, der Zorn durch den Löwen, der Geiz durch den Fuchs, die Unkeuschheit durch Bock und Hahn, die Unmäßigkeit durch den Bär oder das Schwein und die Acedia, die Trägheit des Herzens, durch den Esel dargestellt. Ein geflecktes Kostüm weist auf die „Befleckung“ durch die Sünde hin. Ein in zwei Farben geteiltes Kostüm bezeichnet die Verkehrtheit des Narren.

Büttenreden sind Bußpredigten

Karneval und Fastnacht werden als Zeit der Freude verkauft, sie sind jedoch mindesten so ernst wie die Fastenzeit. Auf den Karnevalswagen werden die Narrheiten der prominenten karikiert. Gleiches Ziel haben die Büttenreden. Hier kommen die Hofnarren wieder auf die Bühne. Im Mainzer Karneval oder in Veitshöchheim sitzt die politische Prominenz und lässt sich von den Büttenrednern verspotten, so wie es die Rolle des Narren im fürstlichen Hofstaat war. Prinzen oder das Kölner Dreigestirn sind der närrische Hofstaat, dem im Karneval die Macht gehört. Dass die, die sich sonst wichtig nehmen, im Karneval für eine Zeitlang entthront werden, ist auch ein christlicher Gedanke.

Die Narrenschiffe

Auch die Karnevalswagen dienen dem Spott. Sie sind die Narrenschiffe, die ohne Mast und Segel über das Meer des Lebens getrieben werden. 1494 wurde das „Narrenschiff“ von Sebastian Brant in Basel gedruckt. In 112 Kapiteln beschreibt er Laster, Dummheiten und Tölpelhaftigkeit. Närrische Ausgelassenheit hat im 19. Jahrhundert eine andere Akzentsetzung erfahren. Da die Wiederbelebung des Karnevals gerade im Rheinland im Widerstreit gegen die französische und dann preußische Herrschaft geschah, haben die von den Karnevalskomitees organisierten Sitzungen einen obrigkeitskritischen Grundton.

Das Reich des Teufels wird dem Reich Jesu entgegengestellt

Wer die Exerzitien des Ignatius macht, bekommt in der Betrachtung von den Zwei Bannern einmal das Reich des Bösen vorgestellt. Dort geht es laut und ordinär zu. Im Reich Jesu herrschen dagegen ein liebevoller Ton, Hilfsbereitschaft und höfliche Umgangsformen. Dietz-Rüdiger Moser hat in einer Studie 1986 diesen Ursprungsgedanken freigelegt. Augustinus hat in seinem Gottesstaat die Lehre von den Zwei Reichen dargestellt. Das Mittelalter konnte sich die Welt nur in Gegensätzen denken. Wie zum guten Nikolaus der böse Krampus hinzugefügt wurde, so wurde der Fastenzeit das Reich des Satans entgegengestellt.

Diese Spannung wird aufgelöst, wenn Karnevalskostüme in die Kirche geholt und Büttenreden von der Kanzel gehalten werden. Die gehören zum Kirchenjahr, aber in andere Räume. Wenn dort mit den Masken die Laster dargestellt werden, dann sind sie ein Vorspiel für die Fastenzeit, in der es um die Reinigung von den Sünden und eine vertiefte Distanz gegenüber dem Bösen geht. Im Karneval wird die Welt auf den Kopf gestellt, Wichtigtuerei und Überheblichkeit karikiert. Das als eine sinnvolle Einstimmung in die Bußzeit vor Ostern. Deshalb funktionier Karneval auch nur, wenn Aschermittwoch Schluss ist.

Eckhard Bieger S.J.

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