Von der Unerträglichkeit des Soforts

Die Menschen wollen etwas jetzt sofort haben oder gar nicht. Ein Kind quengelt im Supermarkt und die Eltern bezahlen die Süßigkeit, die sich das Kind gegrapscht hat, um jedes weitere Aufsehen zu vermeiden. Ein Wunsch kommt dem Käufer in den Sinn und es wird stante pede im Netz bestellt. Zwei Menschen treffen sich, verlieben sich und gehen gleich aufs Ganze. Der Wein ist gerade gelesen und schon wollen die Weinkäufer den frischen Jahrgang köpfen. Die Geduld, auf etwas warten zu können, ist abgelöst von den Möglichkeiten, Reifungsvorgänge abkürzen zu können und ein Delay of Gratification wird ersetzt durch ein jederzeit verfügbares Objekt der Begierde.

Die Möglichkeit, einen Wunsch sofort in eine Handlung des Kaufens umsetzen und innerhalb weniger Stunden das Gewünschte auch bekommen zu können, prägt das Kaufverhalten der Menschen im Internetzeitalter. Und wahrscheinlich ist diese Art der Wunscherfüllung insgesamt kennzeichnend für das Verhalten der Menschen, die ihr Smartphone ständig dabei haben und damit sofort jede Information abrufen oder ihre Bestelloption ohne Verzögerung abgeben können. Die Fähigkeit des Wartens scheint weniger gegeben zu sein, außer es handelt sich um das Erhaschen des neuesten iPhones, für das sich manche in aller Frühe in die Schlange vor den Store stellen.

 
foto: hinsehen.net

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Gut Ding will Weile haben

Es mag zwar sein, dass es z. B. einen akzeptablen Wein wenige Monate nach der Lese geben kann. Wahrscheinlich ist es auch so, dass geübte Weintrinker nicht wirklich herausschmecken können, ob der Winzer quasi gerade erst die Kelter abgestellt hat, doch das Auge des Chronos und nicht nur des Kairos trinkt mit. Manche Dinge werden in ihrer Gesamtheit erst dadurch gut, dass nicht nur der richtige Augenblick abgewartet wird, sondern dass Zeit ins Land gegangen ist, viel Wasser den Rhein hinabgeflossen ist. Das heißersehnte Wunschobjekt muss erst aus der Erinnerung herausgetreten sein, sich dem Bewusstsein entwunden haben, um dann wie neugeboren oder wiedergefunden in die eigene Zeit einzutreten. Der Wein, der z. B. für drei Jahre erstmal in den Keller gelegt wird, damit er reifen kann, wird ein anderes Gegenüber sein als das, was man gekauft hat. Dem Anderen Zeit zu geben, damit es zu dem werden kann, was es von seinem Potenzial her ist, verhindert ein vorschnelles Urteil. Wie oft erlebt man es, dass Kinder sich erst nach der Schule zu klugen und wissbegierigen Köpfen entwickeln. Und ein Wein, der zu früh getrunken wird, bestraft den Ungeduldigen mit unentfalteten Aromen oder einem zu vordergründigen Barriquegeschmack.

Die Kartoffelkiste bleibt leer

Just in time ist heute die Devise, es wird nichts mehr gelagert, sondern so beim Lieferanten bestellt, dass es genau dann eintrifft, wenn es im Fertigungsprozess benötigt wird. Lebensmittel werden nicht im Keller gelagert, sondern im Supermarkt gekauft, der fast rund um die Uhr geöffnet hat. Kartoffeln kommen nicht mehr in die Kartoffelkiste, nur noch wenige kochen Obst und Gemüse ein und stellen die Weckgläser ins Kellerregal. Vorratshaltung bezieht sich vielleicht auf den Zeitraum von einer Woche, wohl nur noch in Ausnahmefällen auf ein ganzes Jahr. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass nicht mehr sie selbst für die Planung verantwortlich sind. Die Dinge des Lebens sind jederzeit verfügbar und niemand muss Sorge dafür tragen, dass die Kartoffeln, die im Herbst gekauft werden, auch bis zur neuen Ernte reichen.

Der Geschmack der Zeit

Je älter der Wein, desto besser und die Alten sangen ‚Alt muss der Wein und jung das Mädel sein‘. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die verstrichene Zeit aus einem schlechten Wein einen guten Wein machen könnte. Was von der Anlage her nichts aufzuweisen hat, das wird auch im Alter nicht zu einem Lafite Rothschild. Es bedarf des Unterscheidungssinns. Der Kenner muss wissen, was ein Ausbaupotenzial hat und daher eine lange Zeit weggelegt werden kann oder wo es sich nicht lohnt und der Wein daher gleich getrunken werden kann. Die Zeit bzw. die Dauer hat keinen eigenen Geschmack. Ein gereifter und zur richtigen Zeit getrunkener Wein lässt den Eindruck zurück, besser geht es nicht, der Höhepunkt der Geschmacksvielfalt, Ausgewogenheit und Persönlichkeit ist erreicht. Der Schluck wird zu einer Offenbarung, das Warten hat sich gelohnt, tritt jedoch vollständig in den Hintergrund, weil die Vollkommenheit des Geschmacks das Bewusstsein für diesen Augenblick aus dem Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herauslöst. Der Genuss wird zu einer Ewigkeitserfahrung und daher ist es nur verständlich, wenn der Wein als Göttertrank gilt und Dionysos zum Weingott wurde. Dass die Christen Anleihen bei diesem Gott nahmen und der Wein das Medium für die Botschaft der Wandlung wurde, wundert nicht. Damit ist jedoch auch deutlich gemacht, dass christliche Religion nicht ein Sofort der Wunscherfüllung kennt, sondern nur einen Rausch im Augenblick, in dem sich alles verbindet, was durch ein Vorher und Nachher getrennt ist.

Thomas Holtbernd

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