Und wenn es Gott doch gibt?

(c) quapan / flickr.com, CC BY 2.0

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„Etsi Deus non daretur“ – auch wenn es Gott nicht gäbe. Welche Aussagen über Mensch und Welt sind auch dann wahr, wenn man annimmt, dass es keinen Gott gibt? In der heute bis in den letzten Winkel aufgeklärten und naturwissenschaftlich erklärten Welt bräuchte man eigentlich diese Frage nicht zu stellen.Oder erklärt die Wissenschaft, die keine Wunder als Erklärung von Natur gelten lässt, eben nur die Natur und nicht den ganzen Menschen als „Ort der Religion“ in dieser Welt?

Methodischer Atheismus

Dass es Phänomene gibt, die ohne Gott überhaupt keinen Sinn ergeben, ist heute nicht mehr vorstellbar. Die modernen Wissenschaften brauchen kein Gottespostulat. Es gibt eine Art methodischen Atheismus, der alles erklärt. Die Schlussfolgerung ziehen die Naturalisten: Alles, was die Wissenschaft nicht erfassen kann, gibt es dann eben nicht. Die Gotthypothese ist unnütz. Es gibt Neurowissenschaften, Biologie, Psychologie, die erklären das menschliche Verhalten ausreichend. Jedoch, die naturwissenschaftlichen Antworten reichen nicht aus bei der Frage nach den Gründen für religiöse Gewalt. Warum?

Woher kommt Gewalt im Namen der Religion?

Man kann behaupten, religiöse Gewalt habe nichts mit Gott zu tun. Dagegen spricht, dass es Phänomene gibt, die man erst verstehen kann, wenn man Gott gedanklich mit ins Boot holt. Dazu zählt religiöse Gewalt. Es gleicht allerdings einem Tabubruch, so etwas zu behaupten. Gewalt als menschliches Phänomen muss entsprechend den Prinzipien des Naturalismus mit den Humanwissenschaften Psychologie, Soziologie, Politologie erklärbar sein. Aber warum dann Scheiterhaufen und Konfessionskriege?

Es gibt zwei postreligiöse, säkular akzeptierte Antworten auf die Frage, warum Gewalt im Namen von Religion ausgeübt wird. Beide haben nichts mit Gott oder Religion zu tun. Die Frage nach Gott und Religion wird dabei ausgeklammert, eben tabuisiert:

Religiöse Gewalt hat soziale, politische Gründe

Die erste Antwort lautet: die terroristische Gewalt hat sehr vielfältige Ursachen, vor allem soziale, politische und ökonomische. Arme, ausgegrenzte, kaum gebildete junge Männer ohne Zukunftsperspektiven sind ein gefundenes Fressen für Radikale, lassen sich radikalisieren und laufen dann Amok, rasten aus gegen eine Gesellschaft, die ihnen keine Chancen geboten hat. Sicherlich spielen diese Aspekte eine Rolle.

Die Behauptung, mit Religion habe das alles überhaupt nichts zu tun, verkürzt jedoch das Problem. Wer das behauptet, nimmt die Attentäter nicht ernst. Bildung und Perspektivlosigkeit sind oft nicht die Gründe, die Attentäter von 9/11 sowie die meisten Führer von Terrornetzwerken waren oder sind hoch gebildet.

Religiös denken verlernt

Die zweite Antwort lautet: Die Attentäter haben keine religiösen Motive: Aber sie beziehen sich doch ausdrücklich auf Gott. Wir haben jedoch verlernt, zu denken, dass überhaupt irgendetwas in dieser Welt mit Gott zu tun haben könnte. Als Motivation für menschliches Handeln kommt Gott nicht mehr infrage. Der postreligiöse, säkulare Antwort-Reflex verbietet die Frage nach einer religiösen Motivation. Aber die Attentäter töten Menschen im Namen des Islams, im Namen ihrer Religion. Warum töten nicht auch Christen im Namen ihrer Religion? Wenn es die sozialen Beweggründe sein sollen: Diskriminierte, gefolterte und verfolgte Christen gibt es genug. Zudem lehnt der Großteil der Muslime die Gewalt der Islamisten ab, d.h. Religion ist nicht per se gewalttätig.

Gott ist politisch inkorrekt

Würde man die Frage nach der religiösen Motivation beantworten, müsste man alle religiösen Menschen in die Gewaltecke stellen. Was macht man aber mit denen, die aus religiöser Motivation, ob im Christentum oder im Islam, für Gewaltlosigkeit eintreten?

Im Islam gibt es ja die Sufis, im Christentum von Anfang an eine Friedensbewegung. Das kann und darf aber nicht sein. Daher gibt es eine weitere postsäkulare, besonders unter sogenannten „Humanisten“, verbreitete Antwort-Strategie. Sie sind überzeugt, der Glaube an Gott und Religion seien das Gegenteil von Vernunft und Aufklärung. Aufklärung und Vernunft seien wahr und klar, Religion und Glaube falsch und undurchsichtig.

Über Religion bloß nicht reden

Die intellektuell Aufgeklärten wollen aber auf keinen Fall in eine bestimmte Schublade geraten, jedenfalls nicht öffentlich. Es soll nicht heißen, sie hätten jemanden in seinen sogenannten ‚religiösen Gefühlen‘ verletzen. Wer das tut, wird moralisch in die Ecke gestellt und ausgegrenzt, denn es wäre – ganz schlimm – politisch inkorrekt. Über Religion zu reden, wird für politisch inkorrekt gehalten, man könnte ja jemanden verletzen. Man lässt also besser die Finger davon, so das Mantra. Auf Facebook und in Talksendungen kriegt man davon allerdings nicht genug. Es fliegen viele Puzzleteile in der antireligiösen Social Media-Kiste herum.

Bloß unaufgeklärte Spinner?

Das seien alles religiöse Spinner, und zwar nicht nur die Islamisten, sondern der ganze Islam – ach was, alle Religionen! Religion sei schon immer die Quelle von Gewalt gewesen, das sehe man durch die Jahrhunderte, Christen genauso schlimm wie Muslime und wenn es nicht die islamistischen Terroranschläge sind, dann sind es die Kreuzzüge oder sexuelle Gewalt in der Kirche. Die glaubten alles, was religiöse Verantwortungsträger sagen oder sie spönnen sich in ihrem religiösen Wahn etwas zusammen. Die Giordano-Bruno-Stiftung und Michael Schmidt-Salomon nennen diese Leute „Religioten“.

Religion wird als Gewaltphänomen hingestellt

Mit denen brauche man gar nicht zu diskutieren, denn sie seien Argumenten überhaupt nicht zugänglich – die hörten nur auf den Papst, die Kirche, Mohammed und glaubten alles, was in ihren Büchern steht. Da stehe schließlich überall, dass Gott Gewalt ausübt, dass man kämpfen soll.

Religion bringe nur Unheil, man sollte das alles verbieten. Wer heute religiös denkt, sei dumm und unverantwortlich oder geisteskrank. Religiöse Institutionen wollten uns alle nur unterdrücken und kleine Jungs oder Mädchen misshandeln, ob Messdiener oder Mädchen mit Kopftuch.

Tun wir doch einmal so, als hätten Religion und religiöse Kultur etwas mit Gott zu tun: „Etsi Deus daretur“ – nehmen wir für die restlichen Zeilen dieses Artikels an, es gebe Gott doch. Damit entschuldigen wir weder die Gewalt noch werden wir ihre Gründe abschließend erfassen können. Aber wir erweitern unseren Verständnishorizont.

Gott als ernsthafte Lebensoption

Um die Frage nach der religiösen Motivation zu beantworten, muss man anerkennen, dass es Menschen gibt, die tatsächlich den Glauben an einen Gott als ernsthafte, ihr ganzes Leben bestimmende Option begreifen. Sie handeln nicht aus praktischen Gründen, ihre Motivation lässt sich nicht einfach psychologisieren, nach dem Motto: Der geht ins Kloster, der will nur seiner Sexualität ausweichen, der will nur materiell abgesichert sein usw.

Mehr verstehen mit Gott

Kann man nicht wenigstens in Betracht ziehen, dass jemand sein ganzes Leben der Frage nach Gott widmen will, weil es gut ist, Gott nahe zu sein. Erweitert es nicht unseren Verständnishorizont, wenn wir Gott als weitere Erklärungsmöglichkeit zulassen? Kann Religion mehr als eine kulturelle Größe sein? Nehmen wir Gott doch einmal versuchsweise mit in die Gleichung und schauen wir, was passiert. Was ist, wenn es ihn doch gibt?

© Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

2 Gedanken zu “Und wenn es Gott doch gibt?

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