J.R.R. Tolkien: „Die Versuchung zum ‚Unglauben‘ ist immer in uns“

J.R.R. Tolkien oder ausgeschrieben: John Ronald Reuel Tolkien ist den meisten bekannt als Autor von Der Herr der Ringe und Der Hobbit. Unbekannt ist den meisten jedoch, dass er neben seiner Passion für Fantasy-Geschichten noch eine andere Identität hatte: Tolkien war ein tiefreligiöser Katholik. Eine Auseinandersetzung mit seinem Glauben, seinen Zweifeln und Ratschlägen.

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Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0

Tolkiens traditionelle katholische Frömmigkeit

Traditionelle Vorstellungen von Kirche und Gesellschaft ziehen sich durch die gesamten veröffentlichten Briefe Tolkiens. Tolkien war ein Freund der Natur und des konservativen Lebensstils. Im kirchlichen Bereich lobte er Papst Pius X., der vor allem durch seinen Kampf gegen moderne theologische Ansätze bekannt ist und einen Eid gegen den „Modernismus“ einführte:

„Ich denke, die größte Reform unserer Zeit war die, die vom hl. Pius X. ausgeführt wurde. Sie überbietet alles, was das Zweite Vatikanische Konzil, mag es auch nötig sein, erreichen wird.“ (Brief an seinen Sohn Michael, Nr. 250, 1963)

Die Reformen Pius X., die Tolkien hier lobte, meinen wahrscheinlich die Einführung der Kinderkommunion durch Pius X. (1910) und die Empfehlung, täglich die Kommunion zu empfangen, wenn man im „Stand der Gnade“ sei. Über den Wandel nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil schrieb Tolkien:

„Die Kirche fühlte sich einst wie ein Zufluchtsort („refuge“) an, nun fühlt sie sich oft wie eine Falle („trap“) an. Wir können nirgendwo sonst hin […]. Wir können nichts tun als für die Kirche, den Papst („Vicar of Christ“) und uns zu beten.“ (Brief an seinen Sohn Michael, Nr. 306, 1967/68).

Des Weiteren empfahl Tolkien, die „Tugend der Loyalität“, die besonders dann eine Tugend sei, wenn man unter dem Druck stehe sie aufzugeben. Was er hier wohl vor allem meint, sind die liturgischen Reformen, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil überall durchgeführt wurden und 1970 zum neuen Messbuch Pauls VI. führten. In allen Bereichen wurde Tolkien sein Leben lang durch Erfahrungen des Verlustes von Menschen und Dingen begleitet. Tolkien kritisierte einen Rückgang der Kirche zu den Anfängen sowie eine zu starke Modernisierung. Stattdessen sprach er von der Kirche als einem lebenden Organismus, verglich sie mit einer Pflanze. Er sah im „Aggiornamento“ ernste Gefahren („grave dangers“), dies würde bereits die Geschichte zeigen. Ökumenismus begrüßte er auf der einen Seite, fand ihn aber auch verwirrend. Berücksichtigen muss man hier, dass Tolkien als Katholik in England ein religiöser Außenseiter war, da England mehrheitlich anglikanisch geprägt war und ist.

Kirchenskandale und Mittel gegen Glaubenszweifel

In dem Brief an seinen Sohn Michael kommt auch die Frage auf, wie man mit Skandalen bei Laien und Priestern umzugehen habe:

„Die Versuchung zum ‚Unglauben‘ […] ist immer in uns. Ein Teil von uns sucht nach Entschuldigungen, die von außen kommen. Je größer die innere Versuchung, desto eher und heftiger sind wir bereit von anderen ‚skandalisiert zu sein.‘ “ (Nr.250/1963)

Tolkien sagte weiterhin er habe schrecklich gelitten unter „dummen, müden, stumpfen und schlechten Priestern“. Doch Tolkien hat dennoch eine Gewissheit: „Ich kenne mich nun gut genug, um mir bewusst zu sein, dass ich nicht die Kirche verlassen soll“.

Würde Tolkien die Kirche verlassen, hieße das für ihn die „heilige Kommunion“ zu verleugnen und den Herrn einen Schwindler zu nennen. Tolkien schrieb jedoch, dass er an die Wahrheit der Evangelien glaube und daran, dass die Kommunion das einzige Heilmittel gegen das Nachlassen des Glaubens sei. Weiterhin glaubte Tolkien an die katholische Kirche:

„Ich selbst bin überzeugt von den petrinischen Ansprüchen („Petrine claims“), auch wenn man sich überall in der Welt umsieht, scheint es keinen großen Zweifel zu geben, welche (wenn das Christentum wahr ist) die wahre Kirche ist, der Tempel des Geistes, sterbend aber lebend, korrupt aber heilig, selbstreformierend und wiedererstehend.“

Die Hauptaufgabe der Kirche liege darin, diejenige zu sein, die die hl. Kommunion verteidigt.

Die große Kraft und Hoffnung, die der Glaube geben kann

Tolkien schrieb auch über die Gefahr des Zynismus und sagte, er neige weniger zum Zynismus, wenn er sich an seine eigenen Sünden und Torheiten erinnere (Nr. 250/1963). Seine Zeit jedoch sei geprägt von Hohn und Zynismus („sneer und cynicism“). Gleichzeitig gebe es aber eine „umgedrehte Heuchelei“, da Menschen sich schlechter darstellten als sie seien. In Christus sieht Tolkien denjenigen, der letzte Hoffnung und Heilung geben kann: „Der Heiler ( der Hailend wie der Erlöser üblicherweise auf Altenglisch genannt wurde) soll meine Fehler heilen und du sollst nie aufhören zu rufen: Benedictus qui venit in nomine Domini.“ – Gelobt, der da kommt im Namen des Herrn.

Josef Jung

Übersetzung der Zitate: Josef Jung

Quelle: Carpenter, Humphrey, Tolkien, Christopher (Hg.), The Letters of J.R.R. Tolkien, London 2006.

Bild: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0

Siehe auch: Moderne Romantik des Antimodernen: J.R.R. Tolkiens: „Der Herr der Ringe“

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