Harmonie oder Leben

Die Warenwelt, die Schönheitschirurgen, die Architekten, die Schriftsteller, Journalisten u. a. sind mehr und mehr bestrebt, ihren Rezipienten oder Kunden etwas Perfektes anzubieten. Ecken werden abgeschliffen, die Dinge sollen rund und harmonisch sein. Ein Wein wird abgerundet gewünscht, er soll schmecken, keine Abenteuer. Die Aromen sollen in Harmonie sein. Wie beim Wein ist es mit anderen Lebensmitteln. Zwar gibt es unzählige Kochsendungen und Kochbücher verkaufen sich ausgezeichnet, doch im Alltag ist es die schnelle Küche, die sich die angeblichen Gourmets leisten. Im Supermarkt gibt es die Pizza, die schnell im Backofen warm gemacht werden kann. Fertiggerichte landen auf den Tischen und nicht die feine Küche. Der Konsument wird an einen Einheitsgeschmack gewöhnt und hält das für Harmonie.

Foto: BRAD / fotolia.com

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Am Beispiel der Hörgewohnheiten lässt sich sehr gut nachvollziehen, was sich im Aufnehmen und Beurteilen verändert hat. Die Digitalisierung macht es möglich, einzelne Teile neu aufzunehmen, alles zusammenzuschneiden, zu mastern und auf die CD zu pressen, was so nie in der Realität gespielt worden ist. Selbst angebliche Liveaufnahmen sind nachträglich bearbeitet worden. Der Rezipient hört ein perfektes Stück und macht dies zum Bezugspunkt beim Hören. Live kann jedoch kein Musiker so harmonisch und ohne Fehler spielen, wie dies auf einem Trägermedium zu hören ist. Der Musikliebhaber hat sich im Laufe der Jahre an diese perfekte Musik gewöhnt und empfindet kleine Abweichungen schon als störend. In anderen Bereichen ist es ähnlich, die technischen Möglichkeiten lassen Fehler kaum entstehen. Computergesteuert können Produkte hergestellt werden, die ein Mensch so nicht fertigen kann.

Wie die Ware so das Leben

Der Alltag wird mit ähnlichen Ansprüchen an Harmonie und Perfektion belegt. Auf der einen Seite steht die Selbstoptimierung, die dazu führen soll, dass sich das Individuum mit sich selbst harmonisch fühlt. Ansprüche werden mit einem Schönheitsideal verwechselt, das Ideal oder die utopische Vorstellung lassen sich zwar auch nicht ganz erreichen, doch kann die Selbstoptimierungsindustrie den Traum vom Wunsch nicht annähernd perfekt Wirklichkeit werden lassen. Die Werbung unterstützt die Illusion und verhindert den realistischen Blick auf das eigene Ich. Der Kunde bekommt das Gefühl, mit seinen Wünschen eine immer größer werdende Harmonie zu erreichen. Und auf der anderen Seite steht das Angebot des perfekten Alltags, den man durch die richtigen Techniken gewährleisten kann. Das Leben kann harmonisch und perfekt sein, wenn man nur die richtigen Fachleute beauftragt und das richtige Equipment kauft.

Der Stachel

In Krisensituationen wird der Auslöser oder die kritische Situation skandalisiert, weil im Gegensatz zum Traum der Harmonie die neue Situation extrem vom Gewohnten abweicht. In einer Welt, die ständige Fehler oder „Unglücke“ kennt, ist der Mensch an Krisen gewöhnt und wesentlich flexibler im Auffinden ungewöhnlicher Lösungen oder geduldiger im Ertragen solcher Situationen. Eine Notsituation wird nicht nur theoretisch in Relation zu einer anderen gestellt, die Bewertung einer Krise als ein Inbeziehung-Setzen zu anderen Krisen ist übliche Alltagserfahrung. Bei heutigen „Sensationen“, Skandalen, Problemen sollte daher nicht nur eine moralische Bewertung erfolgen, sondern auch die Denk- und Fühlgewohnheiten analysiert werden. In welchem Bezugssystem ist der Skandal ein Skandal, die Krise eine Krise? Bei dieser Analyse ergibt sich möglicherweise, dass die Flüchtlingskrise gar kein logistisches Problem darstellt oder einen gesellschaftlichen Unruhefaktor, sondern auch oder vor allem dem Harmoniewunsch widerspricht, die Denkgewohnheit der Selbstoptimierung durchkreuzt oder im System des Denkens, das sich auf Perfektion eingerichtet hat, keinen Platz hat. Moralische, wirtschaftliche Fragen stünden dann gar nicht im Fokus, sondern die Aufgabe der selbstkritischen Untersuchung, wie über das Phänomen nachgedacht wird und ob aufgrund des Strebens nach Perfektion und Harmonie eine konstruktive Lösung ausgeschlossen wird. Was als ein realistischer oder sachlicher Blick auf die Wirklichkeit angeführt wird, erweist sich dann als die vom Traum der Harmonie enttäuschte Sicht, die auf den zerplatzten Traum gerichtet ist und eben nicht auf das Phänomen selbst.

Thomas Holtbernd

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