Demographie, nicht Religion ist Quelle der Gewalt

Wenn es im Nahen Osten oder Afrika zu Gewalt kommt, wird oft der Islam als Grund der Konflikte genannt. Der Soziologe Heinsohn hat einen anderen Ansatz. Wenn man auf die Demographie dieser Länder schaue, gehe es nicht um Religion, nicht um dogmatische Fragen, sondern um einen Konkurrenzkampf junger Männer. Eine Auseinandersetzung mit Heinsohns „Kriegsindex“.

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Foto: JiSIGN / Fotolia.com

Der Kriegsindex in Deutschland und in Gaza

Der Kern der Theorie Heinsohns lautet, dass eine hohe Geburtenzahl an jungen Männern die Hauptursache für Gewalt ist:

„Deutschland hat einen Kriegsindex von 0,66. Auf 1000 alte folgen 666 junge Männer. Der Kriegsindex im Gazastreifen ist zehnmal so hoch. Auf 1000 alte folgen über 6000 junge Männer. In Afghanistan ist es genauso. In Nigeria steht der Kriegsindex bei knapp 5. Europa hatte eine ähnliche Situation vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Immer gab es Personal ohne Ende für Krieg, Völkermord, Welteroberung und Auswanderung. In den dreißiger Jahren wurde der erste Jahrgang wehrfähig, in dem nachgeborene und deshalb als „Kanonenfutter“ begehrte dritte oder vierte Brüder rar waren.“ – Heinsohn, Interview mit „DIE ZEIT“ vom 21. November 2015

Damit spielen religiöse oder ideologische Fragen im Grunde keine Rolle mehr. Für Heinsohn handelt es sich daher bei der Gewalt im Nahen Osten um einen evolutionären Kampf. Es gehe im Kern um die Durchsetzung der eigenen Interessen im Kampf mit zu vielen Konkurrenten, bei denen nicht alle siegen können. Die Demographie scheint bei Heinsohn tatsächlich die einzig relevante Größe zu sein, im selben Interview sagt er dementsprechend:

„In Bezug auf Europa sagte man: 500 Jahre Krieg waren genug. Hätten nicht auch 100 Jahre gereicht, um müde zu werden? Tatsache ist: In Algerien gingen während der Massaker die Kinderzahlen von 7 bis 8 runter auf 2 bis 3. 1990 gab es den ersten Jahrgang mit nur noch eineinhalb Söhnen pro Frau.“

Kritische Reflexion

Im Interview  wird bereits gefragt, ob Heinsohn nicht „monokausal“ argumentiere,  d.h. nur einen Grund für relevant halte und andere ausklammere. Die Demographiethese Heinsohns ist im Grunde eine Art sozialevolutionistische Erklärung für Gewalt und Völkermord. Anstatt ideologische oder religöse Gründe gibt es bei ihm nur noch den Konkurrenzkampf der Zuvielgeborenen. Das entspricht ziemlich genau dem, was Darwin aus Beobachtungen als biologische Gesetze  in „Die Entstehung der Arten“ aufstellte, nach der heute noch Vorgänge – vor allem im Tierreich – erklärt werden. Vereinfacht kann man die Theorie Darwins („On the Origin of Species“) so zusammenfassen, dass mehr Nachkommen geboren werden, als überleben könnten. Sei es aus Nahrungsmangel oder anderen Gründen. Daher entstehe ein Konkurrenzkampf, bzw. eine natürliche Auslese („natural selection“). Diese führe dann dazu, dass die Passendsten überleben würden („survival of the fittest“). Im Ganzen nennt Darwin diesen Prozess dann: Kampf ums Dasein („struggle for life“). Bei Darwin ist dieser Prozess jedoch passiv. Es wird „natural“. d.h. natürlich selektiert. Die Natur steuert den Prozess, nicht die einzelne Tierart.

Es sieht also danach aus, dass eine darwinistische Theorie bei Heinsohn die Erklärung für menschliche Konflikte ist. Allerdings wird das passive Element nun ins Aktive geändert, indem die „jungen Männer“ zu aktiven und sozialen Daseinskämpfern werden.  Auf den Vorwurf des „Sozialdarwinismus“ im Interview angesprochen, antwortet Heinsohn kühl: „Der Eindruck trügt nicht“.

Aber kann man eine Theorie aus passiven Vorgängen im Tierreich einfach so auf den Menschen übertragen? Der Mensch wird hier im Grunde nur reduziert auf eine Art Evolutionsmaschine. Die Demographie ist sicherlich ein wichtiger Faktor in Fragen der Gewalt, aber spielen Überzeugungen, Erziehung und Werte überhaupt keine Rolle? Sind diese Faktoren wirklich so unwichtig? Ideen- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte können  nicht unberücksichtigt bleiben, wenn man gesellschaftliche Aspekte umfassend verstehen will.

Josef Jung

Link zum Interview: http://www.zeit.de/2015/45/bevoelkerungsentwicklung-einwanderung-buergerkrieg-fluechtlinge-maenner/komplettansicht

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