72 Jungfrauen – über feministische Leerstellen

Wir nehmen den Islam mit seinen Bildern nicht ernst. Gleiches tun wir mit den Bildern unserer Kultur nicht. Wenn sich dann noch Attentäter auf den Islam berufen, lautet die Diagnose: das ist nicht der wahre Islam. Wenn ein Imam einer Ministerpräsidentin keine Hand gibt, dann muss man die kulturelle Eigenart achten. Aber wo finden muslimische Frauen, die sexuell bedrängt und die zwangsverheiratet werden, Unterstützung und Solidarität? Warum muss eine Frau jungfräulich in die Ehe gehen, ihr Mann aber nicht? Und was hat das Versprechen für eine Wirkung, dass dem Jihadisten 72 Jungfrauen im Himmel entgegenkommen? Diesem Bild wird seine Wirkmächtigkeit mit dem Hinweis abgesprochen: „Das kann man doch nicht ernst nehmen.“ Aber was ist mit der Reaktion der jungen muslimischen Männer, die in der Silvesternacht auf sich aufmerksam gemacht haben. Haben sie nicht einfach, vor dem Durchschreiten der Himmelstür, nicht das in Anspruch genommen, was ihnen zusteht. Zudem sind westliche Frauen für sie Huren und daher schutzlos sexuellen Belästigungen ausgeliefert. Wenn sexuelle Freizügigkeit auf religiös fundierte Normen trifft, dann entsteht eine explosive Mischung. Sie konnte in Köln so spektakulär gezündet werden, weil die kulturellen Praktiken des Islam bisher als unantastbar gelten.

Desparate (House-) Wives

Foto: dpa/picture-alliance

Frauen in islamisch geprägten Ländern ergeht es nicht anders

Es sind nicht die Feministinnen, die auf die Situation der Frau in islamischen Urlaubsländern aufmerksam machen, sondern die konservativen Medien. Die FAZ widmet der Frage, wie Frauen in den Herkunftsländern der jungen Männer behandelt werden, einen ausführlichen Beitrag. Samuel Schirmbeck zitiert die ägyptische Schriftstellerin Mona Eltahawy: „ Nennen Sie mir den Namen arabischer Länder, und ich werde Ihnen eine Litanei an Beispielen für den schlimmen Umgang – er ist tausendmal schlimmer, als Sie denken – mit Frauen rezitieren, der von einer giftigen Mischung aus Kultur und Religion angefacht wird, mit der sich anscheinend nur wenige auseinandersetzen wollen, aus Angst, der Blasphemie beschuldigt zu werden oder zu schockieren.“  Seine Erfahrungen als Nordafrikakorrespondent während der neunziger Jahre fasst Schirmbeck  so zusammen: „Was in der Silvesternacht in Köln passierte, passiert jetzt, in diesem Moment und wie selbstverständlich, am helllichten Tag hunderttausendfach in Nordafrika und in der arabischen Welt: Frauen werden sexuell belästigt, gedemütigt und, so sie es wagen, sich den Übergriffen zu widersetzen, als „Schlampen“ oder „Huren“ beschimpft.“ Der Beitrag „Sie hassen uns“ in der FAZ vom 15.1. sei der Lektüre empfohlen. Der Titel „Sie hassen uns“, meint diesmal nicht den Westen als Objekt des Hasses, sondern die Frauen in islamischen Ländern.

Warum musste es erst zu den Ausschreitungen wie in Köln kommen, damit Informationen über die Situation der Frauen in deren Herkunftsländern bekannt werden. Und warum macht die Solidarität der hiesigen Feministinnen an der Grenze der arabischen Kultur Halt? Es sei die Ausgabe  Nr.3 der „Zeit“ empfohlen. Hier behauptet der persischstämmige Armin Nassehi, Soziologieprofessor in München, dass die Herkunftskultur die Vorfälle in Köln nicht erkläre. Dafür schafft er den Begriff der kulturellen Identität gleich mit ab: „Aber nur, wenn wir diesen Identitätsmechanismus loswerden, werden wir Ausschreitungen wie in Köln als das wahrnehmen, was sie sind: Taten von konkreten Menschen die nicht repräsentativ für kulturelle Kollektive sind.“ S. 39 in der Ausgabe vom 14.1.16.  Man fragt sich, für was eigentlich Soziologie da ist, wenn sie nicht erklären kann, wie soziale Normen Verhalten beeinflussen. Der Soziologieprofessor müsste nämlich erklären, warum indische Männer, deren Kultur doch auch nicht von einer Hochachtung für Frauen bestimmt ist, nicht beteiligt waren. Es muss an den Bildern liegen, die diese Kultur prägen. Zumindest könnte die hiesigen Feministinnen die Prügelerlaubnis diskutieren, die dem muslimischen Ehemann zugesprochen wird. Die Vorfälle in Köln könnte wahrscheinlich noch besser der „Identitätsmechanismus“ der islamischen Bilder vom Paradies verständlich machen.

72 Jungfrauen – welches Männerbild

Jede Kultur erzeugt sexuelle Bilder. Diese bevölkern nicht nur die Phantasien vor allem junger Männer, sie werden auch in deren Verhalten wirksam. Die Quelle für diese Vorstellungen ist nur mittelbar der Koran, die wirkmächtigen finden sich in Hadith-Sammlungen, in die Berichte vom Handeln und Sprechen des Propheten eingegangen sind. Während der Koran in 44,54 nur sagt „Und wir werden sie verheiraten mit Schöne,  mit breiten, hübschen Augen.„, es sind Huri,  Jungfrauen, wird in den Hadithen die Zahl 72 genannt. Für die Frauen gilt, dass sie im Himmel nur einen Mann haben werden, den, mit dem sie verheiratet waren. Die sexuelle Ausmalung des Paradieses ist in der islamischen Tradition über viele Jahrhunderte hinweg belegt, also keine neue Auslegung. Die Bilder mit ihrer langen Tradition bestimmen das Selbstbild der Männer. Denn wenn dem Jihadisten im Himmel so viele Frauen entgegengeführt werden, dann sind diese Männer doch sexuell ungemein gefordert. Und wie kann ein solcher Mann der einzelnen Frau noch gerecht werden? Überträgt sich diese Vorstellung nicht auch auf das Verhalten hier ein Mann wird sich kaum auf eine einzige Frau einlassen, in seinem Kopf sind ja weitere 71 präsent. Und wie sollen muslimische Frauen mit dem Bild umgehen, wenn im Himmel eine solche Rolle auf sie wartet?

Ist im Himmel Sexualität noch ein mögliches Thema?

In der islamischen Tradition wird sogar gelehrt, dass der Mann im Himmel ständig sexuell erregt ist. Das bedeutet, dass der Himmel nicht nur die Fortsetzung der irdischen Gegebenheiten ist, sondern dass dort alle irdischen Wünsche im Übermaß erfüllt werden. Sollte man nicht mit Muslimen über diese Vorstellung ins Gespräch kommen? Auch muslimische Männer durchlaufen im Sexuellen eine Entwicklung und werden im Alter nicht die gleichen Wünsche wie in jungen Jahren haben. Es gibt dann noch eine entscheidende theologische Frage: Sollte das Glück im Himmel nicht darin bestehen, dass der Mensch Gott endlich näher ist, dass ihn die Sinnfrage, das persönliche Scheitern, das Unrecht, das ihm, das ihr angetan wurde, nicht mehr bedrückt? Was hindert den Westen, diese Fragen endlich zu thematisieren. Jungfräulichkeit hat in der westlichen Tradition eine ganz andere Bedeutung als dass der Mann ein Recht darauf hat, mit einer jungfräulich gebliebenen Frau sexuell zusammenzukommen.

Ablehnung der jungfräulichen Enthaltsamkeit

Jesus hat nicht nur schroff erklärt, im Himmel setze sich das Heiraten und Geheiratet-Werden nicht weiter fort. Das Christentum hat von ihm auch die Inspiration, mit sexueller Enthaltsamkeit Gott näher zu kommen, eine Lebensperspektive, die auch für die den asiatischen spirituellen Schulen selbstverständlich ist. Jungfräulichkeit als Lebenswahl  in diesem „konservativen“ Sinn, steht wohl quer zum Frauenbild der meisten feministischen Richtungen. Eine Frau, die sich bewusst für sexuelle Enthaltsamkeit entscheidet, wird ihre persönliche Reife nicht erreichen und auf ein erfülltes Leben versäumen. Es sind diese inneren Widersprüche der westlichen Kultur, die daran hindern, mit dem Islam über tieferliegende Vorstellungen und Wünsche ins Gespräch zu kommen.  Thomas Holtbernd hat darauf hingewiesen, dass die Verurteilung der sexuellen Übergriffe in einen Widerspruch gerät, wenn gleichzeitig Pornographie gesellschaftlich anerkannt wird.
Es sei empfohlen, bei Wikipedia die Zitate nachzulesen, die im Beitrag „72 Jungfrauen“ zu finden sind. Die Lektüre müsste auf jeden Fall beunruhigen, denn die Texte können von muslimischen Männern nicht einfach abgelehnt werden, ohne in Widerspruch zur eigenen Religion zu geraten.
Es besteht im Westen also wegen der Zwiespältigkeit der liberalisierten Umgangsformen kein Anlass zu Überheblichkeit, auch im Blick auf die Geschichte. Im frühen Mittelalter wurden die Frauen auch in adeligen Kreisen nicht anders behandelt als wie es an Silvester zu beobachten war. Ehe die Troubadoure und Minnesänger ein anderes Frauenbild im Abendland durchsetzen, flohen fränkische Frauen in der Merowingerzeit vor ihren gewalttätigen Männern in die Klöster. Klöster gelten heute als vormoderne Einrichtungen, in denen die Frauen unterdrückt werden. Immerhin werden sie nicht von Männern geleitet. Muslimische Frauen haben bis heute eine solche Lebensalternative nicht. In ihrer Tradition gibt es auch keine Lioba, die von England kommend nicht nur einem Kloster vorstand, sondern sich der Bildung der Frauen widmete – weil die Frauen eben Jesus besser verstanden haben und verstehen als seine Jünger und heutigen Apostelnachfolger. Deshalb zum Schluss die Frage an die katholischen und evangelischen Frauenverbände, warum sie nicht die Lücke füllen, die die Feministinnen ihnen so großzügig überlassen.

Eckhard Bieger S.J.

Zitat aus Abu Umama erzählte: „Der Botschafter von Gott sagte, ‚Jeder, den Gott ins Paradies einlässt, wird mit 72 Ehefrauen verheiratet; zwei davon sind Houris und siebzig sind aus seiner Erbschaft der [weiblichen] Bewohner der Hölle. Alle werden libidinöse Geschlechtsteile haben und er wird einen immer-erigierten Penis haben.‘ “  Sunan Ibn Majah, Zuhd (Buch der Abstinenz) 39

Foto: dpa/picture-alliance

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