Die Digitalisierung der Freiheit

Fragt man einen Bürger dieses Landes, ob er Freiheit für ein hohes Gut hält, so wird man mit großer Sicherheit eine bejahende Antwort erhalten. Richtet man dieselbe Frage an einen Philosophen, wird die Antwort zurückhaltend und nur in Ansätzen eindeutig bejahend sein. So einfach ist das nämlich nicht. Man kann Freiheit als wichtig erachten, doch grundsätzlich kann gefragt werden, ob der Mensch überhaupt frei sei. Lenken das Handeln und Denken nicht die Triebe und Instinkte? Und wenn da doch so etwas wie Freiheit anzunehmen wäre, ist sie dann nur partiell? Kann der Mensch zwischen a) und b) entscheiden? Oder kann der Mensch nur zustimmen? Liegt die Freiheit des Menschen darin, dass er die vorhandene Alternative akzeptiert und die Freiheit nicht als Entscheidungsfreiheit definiert, sondern als Ja oder Nein und sich damit als frei in der Dimension des Bewusstseins bestimmt?

 

Close up business man using  a laptop and mobile phone

Fotlia, DigitalGenetics

Was ist Freiheit?

Wer sich sträubt, eine klare und spontane Antwort zu geben, macht deutlich, dass Freiheit keineswegs etwas ist, was man sich einfach nehmen könnte. Es ist eine Bürde. Freiheit zu denken, bedeutet eben auch, sich immer zu prüfen, ob eine Handlung begründet werden kann oder sich nur ergab. Es muss Rechenschaft gegeben werden können, wie eine Handlung zustande kam. Denn, wenn Freiheit als Gabe des Menschen oder ein hohes Gut postuliert wird, dann ergibt sich daraus quasi die Unfreiheit des Nachdenkenmüssens. Zwar besteht diese Forderung nicht für jede alltägliche Handlung, allerdings gilt es, auch ganz normale Routinehandlungen grundsätzlich nach ihren Freiheitsgraden zu befragen. Die Assoziation Freiheit – Leichtigkeit passt da nicht.

Erleichterungen im Alltag

Der wissenschaftliche und technische Fortschritt haben zumindest in den westlich geprägten Gesellschaften den Menschen viele Mühen abgenommen. Man muss sich um viele Dinge nicht mehr kümmern. Die Arbeit ist körperlich nicht mehr so anstrengend. Der Mensch ist nur noch wenige Stunden des Tages damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass er ein Dach über dem Kopf und Essen und Trinken hat. Der moderne Mensch ist frei von solchen Lasten. In der Landwirtschaft ist dies noch ein wenig anders, weil die Natur den Takt vorgibt. Da muss sich der Mensch anpassen. Zunächst liegt es nahe, die technischen Hilfsmittel positiv zu sehen, der Mensch ist frei für mehr als die Mühen des Broterwerbs. Gleichzeitig gab es mit der rasanten Entwicklung der Technik immer auch Vorbehalte. Es wurde befürchtet, dass die Geschwindigkeit des Zugfahrens ungesund sei. Menschen entwickelten Ängste vor einer Technik, die sie nicht mehr verstanden. Seitdem sich die User daran gewöhnt haben, dass die Oberfläche für sie wichtig ist, gilt es, den Gebrauch intuitiv zu verstehen. Das Innenleben der Technik wird bedeutungslos, was sich z. B. darin zeigt, dass Rechner immer dünner werden und fast nur noch aus der Benutzeroberfläche bestehen.

Wer lenkt denn da?

Die Bedienung eines Geräts verlangt vom User, dass er ständig Entscheidungen trifft. Er glaubt sich frei, da er a) oder b) bestimmt. Diese vermeintlichen Entscheidungen sind jedoch gar keine Wahl zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten, sondern die Hinführung zu einem Ziel, was vorgegeben ist. Wer schon einmal verzweifelt einem Fahrkartenautomaten eine bestimmte Fahrkarte abringen wollte und immer wieder zurückgeführt wurde oder einfach nicht zum nächsten Schritt gelangen konnte, hat sich vielleicht gefragt, ob da in dem Automaten jemand ist, der einfach nicht will, dass er nach A fährt. In den meisten Fällen dürfte es jedoch eher anders sein. Da wird die Technik unkritisch genutzt. Wie sehr Technik jedoch vom Ansatz her zielorientiert sein muss, wird beim Nutzen der Geräte nicht mitbedacht. Der Fahrkartenautomat soll mich zu meiner Fahrharte führen. Um die Anwendung möglichst anwenderfreundlich und intuitiv sicher zu machen, müssen Vorannahmen gemacht und Ausnahmewünsche ausgeschlossen werden, da sonst die Anzahl der Entscheidungspunkte zu groß und die Anwendung zu unübersichtlich wäre. Die Vorannahmen sind dann jedoch Entscheidungen, die für mich getroffen wurden. Je komplexer Technik und ihre Anwendung wird, desto mehr Vorgaben machen die Auftraggeber bei der Entwicklung eines technischen Geräts. Mittlerweile müssen sogar Entscheidungen miteinbezogen werden, die der Anwender treffen könnte. Google will z. B. ein Auto ohne Lenkrad bauen, damit der ‚Fahrer‘ nicht mehr in die Technik eingreifen kann. Selbst wenn die selbstfahrenden Autos doch mit einem Lenkrad ausgestattet sein werden, weil man die romantischen Bedürfnisse der Autofahrer erfüllen möchte, wird daran deutlich, dass das Steuer nur noch ein überflüssiges Detail ist.

Der digitale Gott

Die Algorithmen, die Facebook, Amazon u. a. nutzen, resultieren aus den Gewohnheiten der Käufer und Anwender, es werden Analysen gemacht und individuelle Profile entwickelt, sodass es möglich ist, treffsicher die nächste Kaufentscheidung oder auch Handlung vorauszusagen. Die Gewöhnung an diese Treffsicherheit führt dann dazu, dass der Anwender oder Käufer seine Freiheit aufgeben kann. Die Mühe der Entscheidung muss er oder sie gar nicht mehr aufbringen. Und vom Gefühl her stimmt es ja. Was von Amazon, Zalando usw. nach Hause gebracht wird, widerspricht nicht den Wünschen. Irgendwo im Datennetz sitzt ein digitaler Gott, der es gut mit einem meint und für Zufriedenheit sorgt. Und der große Vorteil des Deus digitalis ist, bei ihm wird sich die Theodizee-Frage nicht stellen. Denn, wenn ein Artikel falsch ist oder nicht gefällt, schickt man das Paket zurück und hat zudem noch das Gefühl von bedingungsloser Freiheit.

Thomas Holtbernd

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