Eine säkulare Gesellschaft: Lebenswelten in einer postreligiösen Zeit

Die Zeit der Religion in Europa scheint zu Ende. Die nachfolgenden Generationen, sofern sie nicht aus islamischen Ländern kommen, sind meist nicht mehr religiös. Aber was sind sie? Welche Bewegungen gibt es in der postreligiösen Zeit?

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Foto: Atheist Bus Canada. Quelle: flickr.com. Lizenz: CC BY 2.0

Der gegenwärtige Zustand des Christentums in Europa

Wie konnte es dazu kommen, dass das Christentum in Europa fast vollständig verschwunden ist? Natürlich sieht man noch Kirchen, es gibt noch Religionsunterricht und der Staat treibt weiterhin Kirchensteuer ein. Ein Blick hinter die Formalitäten offenbart jedoch: Inhaltlich und missionarisch ist das Christentum, sind die Kirchen, am Ende. Es gibt kaum noch Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit. Jenseits kleiner Gruppen und Gemeinschaften gibt es anscheinend keine Ausstrahlungskraft des Christentums mehr. Dabei können folgende zwei Protagonisten als Paradebeispiel der gescheiterten Evangelisierungsversuche gelten:

„Ratzinger und Kamphaus [stehen] für zwei Wege der Kirche in Deutschland, die man nicht mit rechts und links beschreiben muss, die aber doch sehr gegensätzlich waren. Beide versuchten, das Christentum unter veränderten Bedingungen neu zu verkünden und irgendwie in die moderne Welt hinüberzuretten […] Aber jetzt, am Lebensende, verbindet die beiden über alle Distanzen hinweg eine gemeinsame Bilanz des Scheiterns: Das Christentum in Deutschland ist ideell bankrott.“ – Markus Günther, FAZ online vom 29.12.2014

Die Versuche, das Christentum erfolgreich in die heutige moderne bzw. postmoderne Zeit zu retten, sind gescheitert. Wir bewegen uns nun in einer postreligiösen, säkularen Gesellschaft. Man kann diese Gesellschaft auch als „pluralistisch“ bezeichnen, wenn man damit ausdrücken will, dass viele Lebens- und Religionsformen nebeneinander existieren. Wenn man jedoch über das Christentum in Europa spricht, wird der Begriff „Pluralismus“ nichts an der geringen Relevanz des Christentums in der heutigen Gesellschaft ändern.

Die Gründe für den Status quo

Warum ist es so, wie es ist? Eine einfache Theorie besagt: Je moderner und entwickelter eine Gesellschaft sei, je weniger religiös, je mehr säkular sei sie. Dem liegt eine Art Aufklärungstheorie zugrunde, nach der Religion und Glaube vor allem ein Anzeichen für Rückschritt und Primitivität sei, aus der dann Bildung und Wohlstand hinausführten, da man Religion nicht mehr bräuchte. Wohlgemerkt wird hier Religion schon von vornherein, ähnlich wie im Kommunismus, als eine Art Vertröstungsinstanz gesehen, von der man sich lösen wird, wenn man sie nicht mehr braucht. Vor allem atheistische Gruppen, wie die „Giordano Bruno Stiftung“, vertreten diese Theorie.

Die andere Theorie geht eher in die Richtung einer Dekadenztheorie: Es gehe der heutigen Gesellschaft schlicht zu gut, sie habe den Sinn und die Wahrheit der Wirklichkeit im Konsum, Wohlstand und Hedonismus verloren. Die Lösung liege in einer „Restauration zur „Wahrheit“, das heißt einer Rückwendung zu Gott, Glauben und Kirche. Der Mensch müsse umkehren. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. und konservativ-katholische Gruppen stehen dieser Theorie nahe.

Es gibt keine monokausalen Gründe, sondern ein ganzes Amalgam von Gründen. Niemand kann ernsthaft sagen, dass die moderne Wissenschaft einfach christlich getauft werden kann. Ebenso falsch ist es jedoch, dass Evolution, Hirnforschung und Medizin von vornherein die Religionen als „falsch“ ansehen müssen. Auch die Angriffe der Philosophie auf die Religion sind nicht ein unausweichlicher Weg zum Ende des Christentums. Des Weiteren führt Wohlstand nicht per se in den Atheismus. Doch alle diese Ereignisse und Denkweisen haben Spuren und Risse hinterlassen. Fundamente scheinen eingestürzt und im Regen stellt man sich unter die Säkularbauten von heute und verbündet sich mit populären Gender- und Ökotheorien, um gesellschaftlich nicht ausgeschlossen zu werden.

Wie die Gesellschaft die postreligiöse Zeit umsetzt

Die Gesellschaft ist hingegen schon viel weiter, als es theologische Rettungsboote sind. Sie hat das sinkende Schiff längst verlassen und ist ohne Beiboot aus eigener Kraft zu neuen Ufern geschwommen. Es scheint drei Hauptrichtungen zu geben, die für die postreligiöse Gesellschaft kennzeichnend sind: Hedonismus, Überlebensstrategien und Säkularhumanismus.

Die erste Hauptrichtung, also der Hedonismus, sieht im Ende der Religion eine Art Befreiung zur Lustmaximierung gegeben. Es gilt, was Brecht Galileo im gleichnamigen Theaterstück sagen lässt: „Eine neue Zeit ist angebrochen, ein großes Zeitalter, in dem zu leben eine Lust ist.“ Dies ist die Interpretation, die auch in vielen Serien Filmen und Zeitschriften vertreten wird, vor allem in Telenovelas, Soaps und Sitcoms. Es gibt eine Art Pädagogik zum Hedonistischen, die daran glaubt, dass es eine Art optimistische Selbsterlösung durch mehr Selbstentfaltung gibt. Wichtig für diese Richtung ist auch die sexuelle Befreiung und dass aus individuellen Bedürfnissen „Rechte“ werden, da nur so die selbsterlösende Selbstverwirklichung vollends garantiert werden kann. An die Stelle einer Religion treten eigene Gefühle und Bedürfnisse.

Die andere Richtung, in der Überlebensstrategien im Vordergrund stehen, kommt weniger von den Massenmedien her, als mehr von der Philosophie. Sie kann als eine Zwischenstufe von der angenommen Gottlosigkeit zum neuen „Säkularhumanismus“ gesehen werden, muss sie aber nicht. Seit einiger Zeit ist diese Richtung auch medial vertreten. Als philosophische Beispiele können Nietzsche und Camus gelten. Nietzsche sah den Gottestod für unausweichlich, ihm war jedoch auch klar, welch Heil und Hoffnung damit unumkehrbar zerbrechen. Als Ausweg gilt der Übermensch, der jenseits aller Hoffnungslosigkeit das Leben bejahend besingt. Einige der heutigen populären Serien sehen in dem Gottestod vor allem die letzte Möglichkeit einer Heilsgeschichte verloren gegangen und setzen diesen neuen Zustand der Heillosigkeit kreativ um, in dem sie eine Welt voller Horror, Verzweiflung und Gefahren zeigen. Dies wird verwirklicht in Zombieserien oder Computerspielen wie THE WALKIND DEAD, RESIDENT EVIL oder THE LAST OF US. Camus befasst sich auch mit einer Seuche. Diese ist, wie der Titel des Romans offenbart: „Die Pest“. Am Ende, nachdem die Seuche vorüber ist, steht die Bilanz der letzten Hoffnungslosigkeit:

„Dem Arzt selbst ist nämlich bewusst, dass der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, „dass er jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“ – Albert Camus, Die Pest

Camus öffnet gleichzeitig aber auch schon den Weg hin zur dritten Richtung, dem so genannten „Säkularhumanismus“, denn es heißt gleichzeitig am Ende des Romans, dass der Arzt einen Bericht anfertigte, „um für diese Pestkranken Zeugnis abzulegen, damit wenigstens eine Erinnerung an die Ungerechtigkeit und Gewalt blieb, die ihnen angetan worden war, und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“

Der Säkularhumanismus ist sich darüber im Klaren, dass die letzte Tragik des Lebens nicht besiegt werden, aber, dass man – wie der Arzt in Camus‘ „Die Pest“ – dafür sorgen kann, dass es wenigstens etwas menschlicher wird. Passend dazu sagt auch Michael Schmidt-Salomon, Sprecher der säkularhumanistischen Giordano Bruno Stiftung, wir seien nur eine „zufällig entstandene affenartige Spezies auf einem Staubkorn im Weltall“, deren Existenz tragisch sei. Helfen würde uns jedoch Mitmenschlichkeit. Außerdem könne man dabei noch einen „Heidenspaß“ haben (Himmel hilf! – Woran glauben wir?, Hessischer Rundfunk ).

Wird die Religion eine Renaissance erleben?

Von einer Rückkehr des Christentums ist in Europa wenig zu spüren. Die einzigen, die Religion – sei es das Christentum oder den Islam – nach Europa zurückbringen, scheinen Flüchtlinge und Einwanderer aus anderen Kontinenten zu sein. Die religiöse Zukunft Europas liegt also nicht in den eigenen Händen, sondern kommt von außen her. Die spannende Frage ist, ob der religiöse Zuwachs von der säkularen Kultur einverleibt wird oder ob die neuen Europäer die säkulare Ausprägung Europas verringern.

Josef Jung

Vgl. auch:

10 Gedanken zu “Eine säkulare Gesellschaft: Lebenswelten in einer postreligiösen Zeit

  1. hat sich die Religiosität nicht immer schon und immer wieder erschöpft in der Unabänderlichkeit der menschlichen Tragödie ? Und war es nicht „das Gesetz“ ( das Geld ) , das zu allen Zeiten den Untergang besiegelte ?
    „… die religiöse Zukunft …kommt von aussen her “ und hat Bestand, wenn sie sich der Reflexion unterwirft:
    da braucht es „Sokratiker “ und – Kinder…!

  2. Ich danke Herrn Jung für die deutliche, ehrliche und realistische Sprache. Da wird vieles klar formuliert, was man sonst in der Kirche nicht sehen will.
    Aber über die Ursachen dieser Situation und über sinnvolle Reaktionen habe ich eine andere Überzeugung.

    Wer die letzten Jahrzehnte den Umgang der Kirchenleitung mit den innerkirchlichen und außerkirchlichen Kritikern bedenkt, wundert sich nicht mehr über diese Entwicklung.
    Meine gesammelten Zeitungsausschnitte aus den Jahren zwischen 1980 und 2000 über den Umgang der deutschen Kirchenleitung mit dem ZdK, mit den kirchlichen Laien-Organisationen, wie z.B. dem BDKJ, mit „Wir sind Kirche“ und mit kritischen Professoren, … sprechen eine sehr frustrierende Sprache!
    Dass Anfang der 90er Jahre ein Dokument des ZdK mit dem Titel „Dialog statt Dialogverweigerung“ formuliert und viel diskutiert wurde aber nichts bewegte, ist ein haarsträubendes Symptom für eine geistig gelähmte Kirchenleitung.
    Ich habe mich vor 25 Jahren schon immer gewundert, warum die Leute immer noch in so großer Zahl der Kirchedie Treue halten. Aber jetzt- mit etwas Verspätung – zeigen sich die Früchte für mannigfaltige Versäumnisse und geistige Blockaden. Es musste erst der verheerende Missbrauchsskandal kommen, damit das innerkirchliche Gespräch wieder möglich wurde.
    Auch wenn man die Fragen der Kinder und Jugendlichen seit Jahrzehnten aufmerksam gehört und bedacht hat, merkte man die Defizite der Kirche:
    Fragen zu den biblischen Schöpfungstexten, zu den biblischen Geschichten von der Sintflutgeschichte, der Abrahams-Isaaks-Erzählung, der Exoduserzählung mit den ertrunkenen Pferden, dem Opfertod Jesu am Kreuz, den Wunder-Erzählungen, …
    Die meisten Kinderbibeln sind diesbezüglich eher glaubenszerstörend als glaubensfördernd!
    Wir haben keine zeitgemäße Glaubenslehre im Bereich „naturwissenschaftliches Weltbild und biblische Schöpfungstexte“. Das Wort „Evolution“ kommt im ganzen Katholischen Weltkatechismus nicht vor. Wir haben keine zeitgemäße Glaubenslehre im Bereich „Der christliche Glaube und die Welt der Gefühle“. Wir haben keine zeitgemäße Gebetskultur. Aktualisierte und zeitgemäße Glaubensformulierungen wie z.B. in der Erlösungsenzyklika von 1979 haben nie Eingang gefunden in die Gebets- und Gottesdienstkultur der Kirche. In einer Bischofssynode über Ehe und Familie gibt es keine einzige stimmberechtigte Frau!
    Es ist traurig und schmerzhaft, wenn man mit vielen engagierten und kritischen Menschen Kontakt hat und deren Enttäuschungen und nicht selten auch sarkastischen Spott über die Kirche sich anhören muss. Meine Reaktion: Ich versuche über das Internet zeitgemäße Gebete, Segenswort, Glaubensimpulse, pädagogische und therapeutische Hilfen anzubieten – und sehe, dass die Nachfrage dafür riesengroß ist. Außerdem schreibe ich Briefe an wichtige Personen der Kirchenleitung mit sehr konkreten Handlungsvorschlägen – in der Hoffnung, dass diese vielleicht sich doch einmal als hilfreich erweisen werden.
    Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

  3. Nicht säkular – göttlich! Diese Analyse der Gesellschaft ist zu sehr von religiösem und theologischen Pessimismus vernebelt auch in den bisherigen Antworten. Die Religion darf nicht das alte Hemd sein, das ein vermeintlich moderner Mensch wegwirft. Sagen wir mit biblischem Realismus: nur in der Religio in der Rückbindung an Gotteserfahrung kann menschliches Miteinander gelingen. Deswegen ist Religion niemals nur Privatsache; sie ist immer auf Öffentliche Wirksamkeit angelegt, sie bestimmt Mitmenschlichkeit und die Moral des Miteinanders!
    Wenn Wissenschaftler der G.Bruno Stiftung nur den utilitaristischen Mißbrauch der Religion beschreiben, zeigen sie nur Einseitigkeit und schlechte Ausbildung: schön nützlich dem privaten Egoismus, wenn hinderlich dann abgelehnt. Postreligiösen Sekularismus sollten die Kirchen nicht im Geschrei des Pluralismus nachplappern. Kirchen sollten Religion als Miteinansder von Gott und Mensch verstehen und verständlich machen, sonst verlassen sie ihren Verkündigungsauftrag: in Jesus hat Gott Welt und Mensch zu sich geholt. Die Welt ist nicht dem wissenschaftlichen Durcheinander eines Säkularhumanismus ausgeliefert; die Welt und Weltall sind Ort der Gottesgegenwart. Dies zu veröffentlichen ist Antwort auf alle menschlichen Fragen der Vergangenheit, unserer vielfältigen Gegenwart und der Zukunft.
    Weil die Welt so wie der Mensch Ebenbild Gottes sein kann, sind alle Jahre menschlichen Lebens und Leidens Jahre des Heiles: ob 1348-1648-1948 oder 2048. Religion bleibt lebensnotwendig auch 2016!

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