Die eine Wahrheit besteht aus vielen Wahrheiten

Religionen, vor allem die monotheistischen, gehen davon aus, dass es die eine Wahrheit gibt. Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, wie es die Christen formuliert haben. Von dieser Wahrheit aus lassen sich dann Richtigkeiten ableiten. Die Geschehnisse in Köln am Hauptbahnhof sowie in Stuttgart, Hamburg oder Düsseldorf müssen zum Überdenken eines schlichten Wahrheitsbegriffes führen. Erklärungen für die Vorfälle werden schnell gefunden, doch es bleiben Erklärungen, die möglicherweise mehr verklären als aufdecken. In den Taten selbst zeigt sich eine Wahrheit. Oder wie es christlich formuliert heißt: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. (Mt 7,16)

Foto: explizit.net

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Die Perspektive der Tat bedeutet zunächst, dass es nicht um irgendwelche Deutungen gehen kann, durch die dann die eine Wahrheit schimmert. Die Tat ist eine Wahrheit. Wenn man für Terroranschläge, sexuelle Übergriffe u. ä. Begründungen sucht, hat man die Wahrheit in der Tat schon verraten. In der modernen Gesellschaft haben sich Tabus etabliert, die den Zugang zu den Wahrheiten in den Taten verhindern. Der Philosoph Norbert Bolz wurde von den Intellektuellen angefeindet und quasi zum Verräter gemacht, weil er die linke Vorherrschaft der Denker kritisierte: Wer nicht links ist, kann kein Intellektueller sein. Das enfant terrible der internationalen Philosophie Slavoj Zizek räumt nun gar als Linker mit den Linken auf. In seinem neuesten Buch, „Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror“ fordert er, endlich mit den Tabus der Linken zu brechen.

Verständnis führt zum Terror

Es ist eine Dummheit, wie es Zizek formuliert, die Geschichte des Feindes hören und damit Rettung erreichen zu wollen. Lässt man bspw. die Täter von Köln reden, so werden sie ihre Geschichte erzählen und das wird eine Lüge sein, es kann nur eine Lüge sein. Die Tat bleibt eine Tat und wer die Täter sich zu Opfern machen lässt, hat keine Chance mehr, den Täter nicht als Feind zu sehen. Je mehr ich jemanden kenne und verstehe, desto mehr kann er mich auch zu Taten beeinflussen, zu denen ich ursprünglich nicht bereit war. Die meisten kriminellen Handlungen sind Effekte einer Gruppe. Nur selten gibt es Einzeltäter. Das bandenmäßige Auftreten in Köln und anderswo zeigt dies überdeutlich. Es ist eine ‚hermeneutische Versuchung‘, den Taten irgendeine tiefere Bedeutung zuschreiben zu wollen. Es ist ein Akt, der sich aus einer bestimmten Gemengelage ergibt und als passage à l’acte im Sinne Lacans beschrieben werden kann. Weder liegt ein kognitives Konzept vor, noch haben die Terroristen das Vermögen, Ziele in geplante Handlungen umzusetzen. Das Ganze lässt sich nicht sinnvoll bestimmen.

Das Gute muss nicht schlecht sein

Die Europäer haben ein Problem damit, ihre Werte, die erreichte Aufklärung, die Freiheit im Umgang mit sexueller Orientierung usw. unabhängig vom europäischen Imperialismus zu sehen. Schnell wird ein Eurozentrismus als Tabu herangezogen und damit gleichzeitig die Wertigkeit der Werte herabgesetzt. Eine der Wahrheiten, die sich z. B. als Wert der Gleichberechtigung von Mann und Frau etabliert hat, kann nicht dadurch aufgehoben werden, dass andere Kulturen traditionsgemäß Frauen als minderwertig ansehen. Umgekehrt wäre es überheblich, wenn die Ansicht vertreten würde, dass sich die Wahrheit schon durchsetzen wird. Die Gleichberechtigung ist eine Wahrheit und nicht nur Teil der einen Wahrheit.

Absurde Feinde

Der Glaube, dass es die eine Wahrheit gibt, führt auch dazu, dass Gegensätzlichkeiten aufgebaut werden und die daraus folgenden Forderungen sowie Handlungen zu paradoxen Ergebnissen führen. Wer kleine Händler zu mehr Wohlstand führen will und daher Regelungen lockert, erreicht lediglich, dass die großen Konzerne mehr Freiheiten bekommen und damit den Markt für die kleinen Händler völlig zerstören. Wer Flüchtlinge aufnimmt und Dankbarkeit erwartet, muss enttäuscht werden. Denn der Grund, warum es überhaupt zum Flüchtlingsproblem gekommen ist, liegt in der europäischen Wirtschaft und Politik. Der Gegensatz armer Flüchtling und reicher Europäer verdeckt die Wahrheit, dass es eine Dynamik gibt, die zu dieser Situation geführt hat. Peter Sloterdijk hat in seinem Buch „Im Weltinnenraum des Kapitals“ das Phänomen bereits beschrieben. Das kapitalistische Wirtschaftssystem führt zu einem Innenraum, in dem sich die Wohlhabenden aufhalten. Die Ausgeschlossenen stehen vor der Tür und wollen hinein. Kommen sie jedoch von Afrika nach Europa, haben sie die Tür zum Innenraum des Kapitals damit keineswegs betreten, sondern nur erreicht, dass der Raum umgebaut oder die Türen verlegt werden. Eine der Wahrheiten ist es, dass der Innenraum ein Ergebnis der herrschenden Verhältnisse ist.

Der Weltgeist ist keine Wahrheit, sondern ein Ergebnis

Wahrheit im christlichen-jüdischen Sinne ist keine irgendwie geartete Richtigkeit, sondern das Dranbleiben, die Treue zu Gott. Aus dieser Beziehung können sich einzelne Wahrheiten im Sinne von richtigen Wertvorstellungen oder Ansichten über die Welt entwickeln. Die Wahrheit in diesem Sinne ist demnach untrennbar mit der Geschichte verbunden. Es kann keine Treue zu Gott und damit einzelne Wahrheiten geben, ohne dass nicht die Dynamik von Geschichte bedacht wird. Die Erkenntnis von Wahrheiten ist abhängig vom Analysieren der unbewussten Einflüsse oder Muster. Das institutionelle Unbewusste gilt es aufzuarbeiten. Es ist Vorsicht geboten, wenn von Barmherzigkeit oder Mitleid die Rede ist. Oscar Wilde brachte diese Gefahr in den Satz „Mitgefühl und Liebe zu Leidenden ist bequemer als Liebe zum Denken.“ Und die aktuelle gesellschaftliche Situation zwingt dazu, eine der Wahrheiten, nämlich die Auswirkungen des kapitalistischen Systems zu benennen. Die Aufforderungen, jeden Flüchtling aufzunehmen, die Fremden zu integrieren, Verständnis für ihre Traumatisierungen oder andere Kultur zu haben, verdeckt diese Wahrheit. Das Ergebnis z. B. einer „gelungenen“ Integrationspolitik hat zur Folge, dass die Zahl der Ausgeschlossenen größer oder die Härte des Ausgeschlossenseins spürbarer wird. Der Flüchtling, der in die deutsche Gesellschaft voll integriert ist, lebt damit im Weltinnenraum des Kapitals. Das Problem gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, das durch das Wirtschaftssystem entstanden ist, ist damit nicht gelöst, sondern verschärft.

Wahrheiten statt die eine Wahrheit

Gelingt es, innerhalb der Theologie und Philosophie den Wahrheitsbegriff weiterzuentwickeln, dann kann es einzelne Wahrheiten geben, die konkret und real erlebbar sind. Einzelne Wahrheiten können als Ergebnis aufgeklärter gesellschaftlicher Dynamiken verstanden und vertreten werden. Und auch wenn letztendlich der Universalienstreit damit nicht gelöst ist, kann dennoch der Fortschritt zum Mittelalter darin gesehen werden, dass nach Feuerbach, Marx und Freud der Fokus auf das gelegt wird, was im Inneren wirkt und nicht auf das, was als wahr einfach nur gilt. In den aktuellen Diskussionen müsste es nicht mehr um Richtig und Falsch gehen, sondern um die Aufklärung unbewusster Prozesse und den Einfluss darauf. Monokausale Argumentationen, die Suche nach der Wahrheit wären damit obsolet und würden viel Schaden abwenden.

Thomas Holtbernd

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