Charlie Hebdo: atheistische Auferstehung

Am 7. Januar hielt Charlie Hebdo mit großer Medienresonanz Rückblick auf den Anschlag ein Jahr zuvor. Der Geist hat dem Terror standgehalten, so konnte die Botschaft verstanden werden. Stimmt sie oder warum werfen französische Flugzeuge weiter Bomben auf die Islamisten? Wie hat die Redaktion den Rückblick gezeichnet: Zwei Motive lassen aufmerken. Gott, der mit einer Kalaschnikow die Menschen jagt. Zum anderen ein versöhnlicher, nämlich eine nach dem Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci arrangierte Tafel mit den Toten, auf dem Platz Christi der ermordete Chefredakteur. Darunter die Zeile in biblischem Sprachduktus: „Wahrlich, ich sage euch, wir werden noch lange gemeinsam lachen“

Biildzitat-Chefredaktuer Charlie Hebdo

Gott mit der Kalaschnikow

Diese Zeichnung sagt doch, dass sich die Redaktion von Gott selbst verfolgt fühlt. So, wie die Abgesandten des IS-Kalifates es behaupten, wiederholt es Charlie Hebdo: Gott hat seine Krieger gesandt, um die Beleidigungen, die ihm von den Zeichnern zugefügt wurden, zu rächen. Wahrscheinlich nur unbewusst übernimmt die Zeitung die Deutung der Attentate von den Islamisten. Dahinter steht, wie aus Äußerungen der Redaktion erkennbar, die Anfrage: Habt ihr nicht die Islamisten zu empfindlich provoziert, so dass ihr euch nicht über deren Reaktion wundert müsst? Solche Stimmen kamen auch aus christlichen Kreisen der USA, wo der Staat sehr viel weniger Einfluss auf die Medien nehmen kann als in Frankreich. Die Replik: Nein, Frankreich ist vom Geist der Freiheit bestimmt. Die Karikatur eines bewaffneten Gottes, die auch die Christen provozieren soll, Gott, den es ja gar nicht gibt, wird zum Urheber der Morde hingestellt. Geht es nicht intelligenter? Aus der Sicht der Atheisten muss es ja Gott sein, der sich rächen will, wenn im Namen Gottes nicht nur Menschen umgebracht, sondern ein kreatives Team ausgelöscht wird. Aber ist der Islam so eindeutig, dass sich die Jihadisten auf den Koran berufen können, wenn sie eine Religion der Gewalt zelebrieren. Dass es Charlie Hebdo an einer wirklichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen religiöser Gewalt mangelt und man zu so simplen Motiven kommt, belegt das zweite Bildmotiv.

Keine kreative Antwort auf den Islamismus

Ein Jahrestag, der unter dem Motto steht: „Wir machen weiter“, braucht in einer gezeichneten Zeitung ein aussagefähiges Bildmotiv. Nun wäre zu erwarten, dass sich die Zeichner aus der Bildwelt des Islam ihre Anregungen holen. Offensichtlich fehlt es da an der notwendigen Beschäftigung, welche Bilder die Muslime und nicht zuletzt die Attentäter prägen. Denn Karikatur soll ja nicht einfach „draufhauen“, sondern entlarven. Entlarvt werden müsste doch das simple Bild, das sich die Islamisten von Gott machen. Aber vielleicht ist es ja das Bild, das die Attentäter bereits in die Köpfe der Zeichner eingebrannt haben. Der Gott mit einer Kalaschnikow zeitigt doch kein anderes Niveau als der gewaltbereite Islam. Zum Vergleich: Hätte man die ermordeten Redaktionsmitglieder in den islamischen Himmel versetzt, wo sie die Attentäter begrüßen, wäre das doch etwas mehr zum Nachdenken. Zudem geht es um die frauenfeindliche Vorstellung von den 70 Jungfrauen.

Frauen, das zeigen die Vorfälle auf dem Kölner Bahnhofsplatz und vergleichbare Verhaltensweisen in Frankreich, sind dafür da, dass sie den Männern zur Verfügung stehen. Was ist mit der zunehmenden Zahl junger Frauen, die von Europa aus aufbrechen, um im Jihad ihr Leben zu lassen. Versäumte Gelegenheiten, nicht nur das Pathos der Freiheit zu artikulieren, sondern die Freiheit durchzubuchstabieren.
Charlie Hebdo geht es zuerst um die Bekämpfung der Religion und dann erst um den Islamismus. Deshalb schaffen sie es nicht, das islamistische Verständnis des Koran auszuhebeln. Das laizistische, die Religion verachtende Frankreich, auf das sie sich so stolz berufen, hat weiterhin nur Bomben, die es auf die Stellungen des islamischen Staates werfen kann. Dass das die Jihadisten beeindrucken könnte, wird wohl auch Charlie Hebdo nicht erwarten. Aus „Wir sind Charlie“ ist im Rückblick auf ein Jahr keine wirkungsvolle Antwort geworden. Im Kapitalismus gibt es offensichtlich nur Geld als Antwort, welches das Wochenblatt von seinen finanziellen Sorgen befreit hat. Geld für getötete Kollegen, kann Charlie Hebdo das auf die Dauer retten? Es geht wohl nicht ohne eine illegitime Anleihe beim Christentum.

Das gestohlene Abendmahlsmotiv

Es geh, so muss man die Redaktion verstehen, nicht nur um das finanzielle Überleben, sondern um die Präsenz der Toten. Würden sie vergessen, wäre ihr Tod völlig sinnlos gewesen. Will man sie nicht, so wie die Attentäter, herabwürdigen, muss man sie im Bewusstsein halten. Aber geht das, ohne dass die Personen noch irgendwie existieren? Bei Musikern wäre das einfacher. Die Noten von Berlioz oder Chopin kann man zum Klingen bringen. Wie aber stellen die Zeichner ihre Toten dar?
Weil ihnen nichts eigenes eingefallen ist, „klauen“ sie den Christen ein zentrales Motiv, ohne zu wissen, dass sie eigentlich einen Altar rekonstruiert haben, an dem der auferstanden Christus mit der Gemeinde Eucharistie feiert. Das Bild ist ja deshalb so komponiert, dass entgegen der ursprünglichen Situation eine Seite des Tisches frei bleibt, eben weil die Gläubigen auf den Altar schauen, der als Antependium diese Abendmahlsdarstellung nahe legt. Die Heiligen, die mit Christus in seinem himmlischen Reich Mahl halten, finden sich seit dem Mittelalter in dem Aufbau über dem Altartisch platziert. Der hier wiedergegebene Bildausschnitt zeigt den getöteten Chefredakteur Stéphane Charbonnier auf dem Platz Christi – das ist eigentlich ein deutliches Plädoyer für die Auferstehung der Ermordeten.

Nicht wenige empfinden das dem Christentum entlehnte Motiv als weitere Zumutung von Charlie Hebdo. Gegen diese verständliche Reaktion ließe sich ins Feld führen, dass die Satirezeitschrift das Abendmahl nicht karikiert noch als religiöse Illusion zeichnet, sondern als Ausdruck ihres Willens, in der Intention der Ermordeten weiterzumachen. Sie gerät damit allerdings in Widerspruch zu ihrem auch gegenüber dem Christentum kultivierten Religionshass. Noch bedenklicher: Das entlehnte Abendmahlsmotiv zeugt von zeichnerischer Einfallslosigkeit und trägt nicht zu einer fundierten Auseinandersetzung mit der gewaltbereiten Richtung des Islam bei. „Ich bin Charlie“ entlarvt sich nach einem Jahr als leerer Schall und rechtfertigt somit die geistlose Antwort des Westens, seine Bomber zu schicken. Aber nicht die Piloten müssen die Auseinandersetzung mit dem Islamismus führen, sondern die Intellektuellen.

Die Empfehlung: Früher aufstehen und den Koran studieren, um den Islamisten ihre mangelnde Kenntnis ihrer Religion dann mit den Darstellungsmitteln der Karikatur „um die Ohren zu hauen“. Dann muss man keine Anleihen bei der christlichen Bildwelt machen noch so vulgär werden wie der jetzige Chefredakteur Gerard Biard: „Unsere Botschaft war ganz einfach: „Wir scheißen auf euch.“ Das ist unsere Botschaft, von „Charlie Hebdo“ und all den Franzosen, die weiter in Restaurants gehen und Konzerte besuchen.“

Eckhard Bieger S.J.

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