2016 gilt weiter: Der Terror ist religiös

Im Rückblick auf die Pariser Attentate wäre ein kritischer Blick des Westens auf sich selbst lohnend. Es ist nicht mehr länger möglich, den Kern der Auseinandersetzung zu umgehen, indem man den Islamgelehrten zustimmt: Der Terror hätte nichts mit dem Islam zu tun. Wenn die Attentäter und ihr Entsender, das neue Kalifat, sich auf den Koran berufen, dann muss man die Attentate doch als religiöse Manifestationen ernstnehmen. Es kann dann nicht genügen, mit Waffen zu reagieren. Aber was ist dem Westen seit dem 14. November eingefallen:

Die westlichen Intellektuellen haben keine Gegenstrategie

Damals schrieb das deutsche Leitmedium: Der Westen muss „den Kampf gegen den Terror mit allen Waffen und aller Härte“ führen. „Er muss auch mit den Waffen des Arguments geführt werden, damit die offene Gesellschaft als Vorbild strahlen kann.“ So Rainer Hank in der Sonntags-FAZ vom 15.11.15 als Reaktion auf die Attentate in Paris. Jetzt am Ende des Jahres ist nur von der Härte der Bombardements etwas zu sehen. Das sich als intellektuelles Leitmedium gerierende Blatt ist, nach einigen sehr guten Analysen in den letzten Wochen, zur Kriegsberichterstattung zurückgekehrt. Warum, so kann man im Rückblick fragen, fehlt es dem Westen an überzeugenden Argumenten. Das Strahlen des Westens, heißt es in dem Beitrag weiter: „Das ist nicht naiv. Daran hängt alles. Auch unser Wohlstand, der Ausfluss unserer Freiheitsentscheidungen ist.“ Dann wir mit einem Zitat von Karl Popper gleich die ganze Weltgeschichte rehabilitiert: „In dieser Weise können wir sogar die Weltgeschichte rechtfertigen: sie hat eine solche Rechtfertigung dringend nötig.“ Das stimmt: Der Islam muss endlich diese im Namen Allahs verübten Taten rechtfertigen. Nicht weniger muss der Westen seine Antwort mit Waffen rechtfertigen und damit seine Schwäche in der Argumentation eingestehen. Kaum jemand wird behaupten, die Islamisten ließen sich durch die oben zitierte Freiheitsrhetorik beeindrucken. Deshalb muss man ja Bomben werfen, damit „die offene Gesellschaft als Vorbild strahlen kann“.

Die Satire ist ein stumpfes Schwert

Im Rückblick auf die Auslöschung der Redaktion von Charlie Hebdo muss man dem Chefredakteur grobe Fahrlässigkeit vorwerfen. Seit der Reaktion des Islam im Jahr 2005 auf die Karikaturen der dänischen Zeitung Jylland Posten weiß man, dass es in den westlichen Ländern keine Pressefreiheit mehr gibt, wenn es um den Islam geht. Noch weiter argumentiert: Glaubt der Westen tatsächlich, den Islamisten dadurch argumentativ beizukommen, dass er sich über die Religion lächerlich macht. Die Christen wussten, zumindest in den ersten tausend Jahren ihrer Geschichte, dass man Gott, wird er beleidigt, nicht rächen muss. Aber gerade die Franzosen mit ihren Erfahrungen als Kolonialmacht könnten wissen, dass der Islam eine Beleidigung Gottes nicht zulässt. Auf Karikaturen antwortet der radikale Islam zwar auch nur mit Waffen, aber aus einem Gefühl der Überlegenheit. Hier zeigt sich die Naivität der FAS, mit dem Konzept der Freiheit die „Weltgeschichte rechtfertigen zu können“. Latte Macciato, Elektroautos, Satire und Liberalität sind der Vorstellung eines Gottesstaates unterlegen. Es sind nun einmal „vergängliche Werte“, die religiöse Menschen, die sich auf der Seite „ewiger Werte“ sehen, nicht beeindrucken können. So stilisieren die Islamisten Paris zu dem westlichen Zentrum der Libertinage und Amoralität. Sie könnten dieselben Phänomene zwar auch in ihren Städten finden. Dort sind sie versteckter. Die Institution des Harem wurde vom Westen ja auch nie infrage gestellt und die Stellung der Frau wird von der FAS auch nicht ins Feld geführt, wenn es um die Überlegenheit des Westens geht. Es ist deutlich: Die sog. Offene Gesellschaft muss sich mehr einfallen lassen, um zumindest ein Nachdenken bei den Islamisten zu erreichen. Noch entscheidender ist die Auseinandersetzung mit der Gewalt. Diese stellt den auf seine Waffen vertrauenden Westen vor eine größere Herausforderung. Denn seine Waffen bleiben gegenüber den Grundüberzeugungen der Islamisten stumpf.

Gewalt ist das Thema der Religion

Setzt man voraus, dass nicht Sex, sondern Gewalt die größte Herausforderung für die Gattung Mensch in dem Moment geworden ist, wo Instinkte die Aggression nicht mehr zügeln, dann ist Gewalt ein zentrales Thema der Religion. Der kürzlich verstorbene René Girard hat das an den Gründungsmythen der Religionen über die ganze Welt aufgezeigt. Seine These: Ohne religiöse Riten, die den Ursprungsmord am Sündenbock rekapitulieren, hätten die ersten Menschengruppen nicht überlebt. Weil die Gewalt immer wieder verarbeitet werden muss, wären die ersten Menschengruppen an ihren internen Konflikten zugrunde gegangen, hätte es nicht die rituelle Auseinandersetzung mit der Gewalt gegeben. Das Christentum gibt auf die Gewalt eine eindeutige Antwort, auch wenn die Christen ihre Religion durch Konfessionskriege ruiniert haben. Ihr Gründer fordert Gewaltverzicht. Die Ausgangslage für den Islam ist nicht so eindeutig:

Gewalt als religiöse Grunderfahrung des Islam

Der Islam trägt aus seiner Gründungsphase die Erfahrung militärischer Überlegenheit mit. Das ist keine Besonderheit. Wer einen militärischen Sieg als Fügung Gottes versteht, der kann sicher sein, die Sache Gottes zu vertreten. Für den Islam ist der Sieg des Propheten 630 gegen Mekka, das er nach Jahren Missionstätigkeit 600 verlassen musste, ein entscheidendes Zeichen der Vorsehung. Mit der Eroberung der Staat erwies sich die Mission Mohameds als von Gott gewollt. Anders als das Christentum hatte der Islam nicht die Zeit, sich in einer ihm feindlichen Umwelt als Glaubensschule zu entwickeln und die Menschen in den neuen Glauben einzuführen. Die Ausbreitung des Islam verband sich mit dem Machtanspruch der arabischen Stämme. Voraussetzung war, dass Mohamed die Stämme unter einem neuen, einheitlichen Bekenntnis geeint hatte. Wer in der christlichen Tradition aufgewachsen ist, muss den Islam zu verstehen lernen. Gewalt, auch als Martyriumserfahrung hat im Kontext dieser Religion einen ganz anderen Stellenwert.

Religion konstituiert den islamischen Staat

Ein weiterer, noch schwierigerer Sachverhalt muss von den Vertretern der Aufklärung durchschaut werden. Es ist die viel beschworene Trennung von Staat und Religion. Diese war für das Christentum deshalb schwierig, weil die germanischen Königreiche nach dem Zerfall des römischen Reiches die Legitimation durch die Religion brauchten. Christus, der siegreiche König, legitimierte nicht zuletzt das fränkische Königtum. Der König und später der Kaiser verstanden sich als Stellvertreter dieses messianischen Königs, während der Papst erst einmal nur als Nachfolger des Petrus gesehen wurde. Von den sächsischen Kaisern wurden die Bischöfe nicht nur ernannt, sondern als Stützen ihrer Herrschaft installiert. Deshalb war es bis zu Beginn der cluniazensischen Kirchenreform ungefragt, dass der Kaiser die Bischöfe ernannte. Weil sie für ihn doch zuerst Reichfürsten waren, setzte Gregor VII. dann gegen Heinrich IV. durch, dass die Kirche zumindest ein Mitspracherecht erhielt. Das war der Beginn der Trennung von Kirche und Staat, die im vorausgegangenen römischen Reich für die Kirche kein Problem war.
Für den Islam gibt es eine solche Trennung nicht. Mohamed wurde in Medina der weltliche Herrscher, die Kalifen setzten diese Tradition fort, in Persien ist seit Chomeini ein Mullah der oberste politische Machthaber. Es gibt in islamischen Ländern nur eine aus dem Koran abgeleitete Staatstheorie. Daher sind diejenigen, die eine Rückkehr zu den religiösen Wurzeln wollen, immer auf einen islamischen Staat hin orientiert. Hinzu kommt das Bewusstsein, dass der Koran die beste der staatlichen Ordnungen konzipiert hat und damit den westlichen Staatstheorien überlegen ist.10728944_10152777815323959_224878540_n

Die Schwäche der christlichen Theologie
Man könnte nun erwarten, dass die Christenheit die intellektuellen Ressourcen für eine Auseinandersetzung die durchschlagenden Argumente bereitstellt, die der Islam nicht mit der Behauptung wegwischen kann, die westlichen Staaten seien von Gott abgefallen und daher in ihrer Konzeption irrelevant. Man hört eigentlich eher stimmen, die dafür plädieren, den Islam zu verstehen. Eine Kultur des Dialogs reicht aber nicht, um sich mit dem Gewaltphänomen auseinanderzusetzen. Der Dialog setzt ja Gewaltlosigkeit voraus. Ob die islamische Theologie wirklich der Gewalt abgeschworen hat oder weiterhin diese rechtfertigt, ist schwer auszumachen.
Saudi Arabien hat jahrzehntelang einen Islam gefördert, der nicht auf Dialog und Verständigung aus war. Jetzt setzt sich das Königreich mit der Gewalt auseinander, weil es, schon Bin Laden den Terror gegen das in seinen Augen „verweltlichte“ Königreich richtete. In der Christenheit sieht es nicht weniger realitätsfremd aus.
Welche christlichen Prediger erklären den Gottesdienstbesuchern, dass der Unterschied zum Islam nicht in der Verschleierung oder der Burka, in der Geltung der Scharia oder anderen kulturellen Ausdrucksformen besteht, sondern im Gottesbild. Unter theologischen Gesichtspunkten ist der Islam nichts anderes als eine arianische Form der Gottesferne. Gott ist nicht Mensch geworden, sondern thront in einer fernen Welt. Jesus ist auch nicht am Kreuz gestorben, sondern ist mit Maria Magdalena nach Persien gegangen. Der Himmel ist nicht zuerst Erfahrung der Nähe Gottes. Das sexuelle Begehren bleibt deshalb die höchste Erfahrung  und wird endlich erfüllt. Die verwaschene Form des europäischen Christentums ist offensichtlich nicht mehr in der Lage, den Dialog dort mit dem Islam zu suchen, wo es um die zentralen religiösen Fragen geht.

Thomas v. Aquin schreib eine „Summa contra Gentiles“, eine Summe gegen die Heiden als Handbuch für Missionare bei Juden und Muslimen, um den christlichen Glauben zu erklären und zu verteidigen.
2016 wäre in der Auseinandersetzung mit dem Islam einiges zu tun.

Eckhard Bieger S.J.

4 Gedanken zu “2016 gilt weiter: Der Terror ist religiös

  1. Der IS schadet dem Islam weltweit und beraubt ihn der friedfertigen Absicht der gemaessigten
    Muslime,die eigentlich auch nichts anderes wollen,als der Rest der Weltbevoelkerung,naemlich
    im Frieden leben!
    Es ist an der Zeit,die Gewalt-Suren aus dem Koran zu streichen,denn nur so kann die Echtheit
    der Friedensabsicht demonstriert werden!
    Allah,der Allerbarmer,passt nicht zu den Hass-Suren Mohammed’s,das ist unglaubwuerdig!
    Im Koran steht geschrieben,dass wir,die Asylgeber,unglaeubig sind und deshalb getoetet
    werden muessen,wie soll denn mit solchen Aussagen ein Miteinander funktionieren?
    Alle Menschen haben das Recht zu leben und das geht nur mit gutem Willen und den gilt
    es ueber alle Religionen hinweg taeglich neu zu leben!

  2. Pingback: Gott – Gesetzgeber oder Liebe | hinsehen.net

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