2015: Lehrte Not beten?

Das Jahr 2015 bleibt möglicherweise in Erinnerung, weil einige Ereignisse bedrohlich und unverständlich grausam waren. Ein Pilot bringt eine Germanwings-Maschine zum Absturz und reißt viele Menschen mit in den Tod. In den Medien wurde tagelang darüber berichtet. Die Stadt Haltern stand unter Schock. Im Januar hatten Terroristen, die angeblich für den Islam kämpfen, Journalisten von Charlie Hebdo brutal erschossen. Bei einem Erdbeben im Himalaya sterben mehr als 8500 Menschen. Weitere Anschläge folgten im Laufe des Jahres in Tunesien, Frankreich, Kuwait und Syrien. 130 Menschen wurden am 13.11. in Paris getötet. Die Furcht geht um, Menschen haben Angst vor heimtückischen Anschlägen. Und dann kommt die Not hautnah aus den Katastrophenländern als Flüchtlingswelle nach Europa. Eigentlich, so könnte man meinen, lehrt eine solche Not das Beten. Diese alte Weisheit scheint sich jedoch nicht zu bestätigen. Im Gegenteil, Not und Elend werden ohne religiöse oder spirituelle Hilfen bewältigt.

Foto: hinsehen.net E.B.

Foto: hinsehen.net E.B.

Es ist zunächst einmal die Frage, ob die in die Formel ‚Not lehrt beten‘ gebrachte Überzeugung überhaupt jemals gestimmt hat. Die Religionsgeschichte, die Erzählungen der Bibel legen diesen Schluss nicht nahe. Wenn Menschen Angst haben, suchen sie einen Retter. Es werden strenge Maßnahmen ergriffen, um weiteres Unheil abzuwenden. Doch die Menschen entdecken nicht das Beten neu oder werden in ihrem Beten inbrünstiger. Wie schon bei Hiob werden betende Menschen eher belächelt und die Nichtexistenz eines höheren Wesens scheint sich zu bestätigen. Denn warum sollte ein Gott ein solches Leid zulassen? Die Theodizee-Frage bleibt eine Frage und wird weder durch eine fromme Hinkehr noch durch eine Abkehr vom Glauben gelöst. Es scheint zum Menschen zu gehören, dass Not eben nicht das Beten lehrt. Anhand der Ereignisse in 2015 und des Umgangs damit lässt sich möglicherweise eine Entwicklung ablesen, die als eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse verstanden werden muss.

Der öffentliche Diskurs fehlt

Das Jahr 2015, es mag natürlich sein, dass im Rückblick ein Jahr immer so bewertet wird, ist auch dadurch gekennzeichnet, dass große Persönlichkeiten gestorben sind. Figuren wie Richard von Weizsäcker, Günter Grass, Helmut Schmidt, Harry Rowohlt, Hellmuth Karasek, Egon Bahr, Max Kruse u. v. a. sind von der Bühne abgetreten. Sie standen für einen gesellschaftlichen Diskurs, ihre Argumente wurden gehört und sie prägten die Meinungsbildung. Der Tod solcher Persönlichkeiten wird umso schmerzlicher wahrgenommen, wenn man das Gefühl hat, dass ähnliche Träger einer öffentlichen Auseinandersetzung immer weniger zu finden sind. Gleichzeitig wird auch bewusst, dass die Protagonisten der Meinungsbildung ‚weltlicher‘ geworden sind. Prominente Theologen, die polarisieren oder kritisch auf das Weltgeschehen schauen, sind nicht auszumachen. Der Blick in die akademische Theologie ist auch eher beschämend. Themen, die eigentlich auf der Hand liegen, sind nicht Gegenstand theologischer Forschung. Wie in vielen anderen geisteswissenschaftlichen Fakultäten ist das Forschen zu einer selbstreferenziellen Angelegenheit geworden. Theologie hat nicht mehr mit den menschlichen Fragen zu tun, sondern mit einem Vorankommen im Wissenschaftsbetrieb. Die anthropologische Wende hat einen doppelten Salto geschlagen und ist zum Verwaltungsakt geworden. Aus den Hochschulen kamen keine Diskussionsbeiträge, die in der Gesellschaft diskutiert werden könnten. Wenn es Äußerungen gab, dann kamen sie von Kirchenvertretern wie Kardinal Marx oder Kardinal Woelki.

Öffentliche Meinung

Das Internet hat das Fernsehen abgelöst. Diskussionsrunden werden zwar immer noch geschaut, doch Bewegungen entstehen im Internet und Meinungen werden via Twitter, Facebook u. a. geäußert. Bei genauerem Hinsehen erweisen sich diese Bekundungen jedoch nicht als etablierte Meinungsäußerungen, sondern als shitstorm. Ein Gefühl wird angestoßen und eine Meinung gepostet. Eine Meinung als Ergebnis anstrengenden Denkens und Diskutierens kann das nicht genannt werden, was da im Netz passiert. Und wie diese öffentliche Meinung möglicherweise sogar gelenkt wird, das ist auch nicht wirklich klar und überprüfbar. Mittlerweise dürfte es als erwiesen gelten, dass Geheimdienste ganz bewusst Informationen in die sozialen Netzwerke streuen und das Nudging ist zu einem politischen Instrument geworden. Einige Menschen koppeln sich daher ganz bewusst von den Medien ab, manche haben sich bei Facebook abgemeldet, WhatsApp ist keine Alternative und es gibt mehr und mehr Menschen, die bewusst kein Mobiltelefon haben. Die Abschottung von der Welt, die Weltfremdheit wie bei den Wüstenvätern ist zu einem neuen Ideal geworden. Diese Bewegung ist bisher nur als kleine Pflanze auszumachen, es lässt sich daran jedoch erkennen, dass die Wüste als Sinnbild für den Schutz vor äußeren Einflüssen und dem bewussten Öffnen für die inneren Stimmen ein anzustrebender Modus des Umgangs mit der Welt geworden ist.

Keine Themen mehr

Theologische Themen fehlen, eher hysterisch zu nennende Bekundungen von Befindlichkeiten, kaum vorhandenes religiöses Wissen kennzeichnen die gesellschaftliche Situation. Dies kann in der Analyse als ein Ergebnis des Kapitalismus definiert werden, wie es Slavoj Zizek in „Ärger im Paradies“ tut, es kann auf der pragmatischen Ebene als Hinweis darauf verstanden werden, dass Inhalt nach Lebensgestaltung kommt. Wie soll sich ein Mensch eine Meinung bilden, wenn er das diffuse Gefühl hat, dass auf ihn manipulativ eingewirkt wird? Wie soll ein suchender Mensch einen religiösen Weg finden, wenn er das Gefühl nicht loswird, dass die religiösen Angebote wie in einem Supermarkt angepriesen werden und Teil des kapitalistischen Marktes sind? Welches Instrumentarium hat der Mensch erworben, um unterscheiden zu können? Schulen, Universitäten sind darauf ausgerichtet, für den Moment abfragbares Wissen zu erwerben und auf die Arbeitswelt hin präpariert zu werden. Das Bedürfnis, zunächst einmal lebenspraktische Fertigkeiten erlernen zu können, wird konterkariert von Unterrichtszielen wie Teamfähigkeit und Lerntechniken.

Nicht Kulturpessimismus, sondern Perspektivenwechsel

Die momentane gesellschaftliche Situation zu kritisieren, kann leicht in einen Kulturpessimismus abgleiten. Man kann beklagen, dass sich die Werte verschieben, intellektuelle Redlichkeit schwindet oder Religion und Glauben kaum noch eine Rolle für den modernen Menschen spielen. Solche Aspekte zu analysieren, muss Teil eines ehrlichen Bemühens sein, die Welt im Innersten zu verstehen. Doch ebenso wie die wissenschaftlichen Forschungen zum Klimawandel den Wandel nicht aufhalten, muss nach Möglichkeiten geschaut werden, die bereits in statu nascendi vorhanden sind. Der Wechsel in der Perspektive darf nicht nur inhaltlich sein, die Vorgehensweise muss verändert werden. Es geht um das Schaffen und Stärken von Voraussetzungen, welche Handeln ermöglichen. Die Frage lautet weniger, was und wie ich glauben kann, sondern, wie komme ich dahin, dass diese Frage überhaupt einen Sinn macht? Für Menschen, die religiös sozialisiert sind und sich ‚selbstverständlich‘ in spirituellen und religiösen Sphären bewegen, muss es schmerzlich sein, wenn all das zunächst einmal ohne Bedeutung ist. Es scheint verloren zu sein, was die christliche Tradition über Jahrhunderte erhalten und gepflegt hat. Es ist jedoch auch schmerzlich, weil die religiöse Frage grundsätzlich geworden ist: Wie kommst du zur Religion? Diese Frage scheint die im Faust gestellte ‚Wie hältst du es mit der Religion?‘ abgelöst zu haben.

Beten lehrt, die Not zu erkennen

Vielleicht hat Papst Franziskus mit dem Schlagwort Barmherzigkeit für das Heilige Jahr einen ähnlichen Vorstoß gemacht. Und dass er nun auch die regionalen Bischofssynoden stärken will, deutet darauf hin. Es soll Schluss sein mit dem Gefasel über manche Themen, die mit dem Glauben nur peripher zu tun haben. Die Bischöfe sollen sich um die Menschen vor Ort kümmern, sensibel machen für das, was menschlich Not tut. Es kommt nicht darauf an, dass die Kirchen voll sind, wichtig ist, dass die Welt heil wird. Die Klimakatastrophe wird nicht mit Beten abgewendet, sondern mit dem Eingreifen in geliebte Gewohnheiten und Konsummuster. Wer sich zurückzieht und betet, danach wieder auf die Welt schaut, erkennt die Not und ist bestrebt, sich zu ändern. Das Ziel ist dann nicht der Erhalt des eigenen Kirchturms, sondern die banal weltliche Sorge um den Erhalt der Lebensmöglichkeiten für alle. Religion wird anders definiert, der Glauben in seiner gewohnten Form wird abgeschafft und der Blick auf das Menschliche geschärft. Wo dann im Blick auf das Menschliche Vereinigung mit anderen Menschen geschieht, erfüllt sich das Katholische und die äußeren Formen, Riten und Bräuche werden als das gesehen, was sie sind: Ausformungen der Religionen.

Das gab es alles schon

Das Jahr 2015 deutet einen grundlegenden Umbruch an. Kirche, Religionen, Spiritualität werden sich weiter entwickeln und mit Wehmut gilt es, Abschied zu nehmen von alten Zöpfen. Neu ist diese Entwicklung oder Analyse keineswegs. Im Umbruch zur Neuzeit hat bereits Nikolaus von Kues ähnliche Gedanken geäußert. Nicht umsonst gilt er als Wegbereiter des Humanismus und des deutschen Idealismus. Seine Ideen der docta ignorantia und der coincidentia oppositorum könnten eine Hilfe sein, die Welt von heute zu verstehen und pragmatisch die Probleme zu bewältigen. Dabei dürfte nicht unerheblich sein, dass Nikolaus von Kues keine Angst vor Reichtum hatte. Ohne das Geld seines Vaters hätte er, da er nicht adelig war, keine Karriere machen können. Seine ersten philosophischen Gedanken drehten sich um das Geld. Und auch hierin zeigt sich, dass die Fixierung auf die Polaritäten Kapitalismus und Kommunismus das Arbeiten an einer menschlichen Welt eher behindern. Beide sind religionsfeindlich, wobei der Kapitalismus die wohl arglistigere Variante ist, weil die Menschen gar nicht merken, wie Religion verschwindet. Und somit sind die Wüstenväter vielleicht die besten Vorbilder für das 21. Jahrhundert, da gerade aus der Weltfremdheit ein objektiverer Blick auf Welt gelingen kann.

Thomas Holtbernd

 

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