Deutsche Stimmungen: es ist brüchig geworden

Wo stehen wir am Ende des Jahres 2015: Die alten Sicherheiten, dass es immer weiter aufwärts geht, dass wir weiter auf einer sanften Wellnesswelle durchs deutsche Leben gleiten können und bis auf „Kleinigkeiten“ eigentlich alles in Ordnung ist, sind ins Wanken geraten. Die Kriege um uns herum rücken immer mehr in unsere Alltagswelt. Wir erleben die Auswirkungen jetzt hautnah. Von den Terroranschlägen vor der nachbarlichen Haustüre, den Flüchtlingsdramen auf dem Meer und an Land, vor denen wir die Augen nicht mehr schließen können, der Menschenflut, die wir beherbergen müssen und wollen, bleiben wir emotional nicht verschont. Angst und Unsicherheit legen sich in die deutsche Seele. Mit viel Aktivität begegnen wir dieser Unsicherheit und versuchen damit auch unserer Angst Herr zu werden.

Foto: hinsehen.net E.B.

Foto: hinsehen.net E.B.

Angstbewältigung

In der großen Zahl von Ehrenamtlichen wird unsere deutsche Hilfsbereitschaft deutlich. Wir können von unserem Überfluss etwas abgeben und unsere Zeit teilen. Wir sind großzügig und herzlich im Umgang mit den Menschen, die in unser Land strömen. Das bringt uns zwar noch nicht in die Situation, dass es an unsere Substanz geht, aber dennoch spüren wir, dass das nicht ewig durchgehalten werden kann.
Wie soll das weitergehen? Ich beobachte viel Unsicherheit, viele Fragen und registriere ganz oft die Angst, dass das eigene Wohlleben gefährdet werden könnte. Welche Ressourcen haben wir, um mit der Situation fertig zu werden? Die Angst bleibt, solange wir keinen Plan entwickeln, was wir mit den Flüchtlingen vorhaben, wie lange wir sie beherbergen wollen, was unsere Möglichkeiten für sie sind und welche Perspektiven sie in unserem Land haben oder auch nicht haben sollen. Auch braucht es Orientierung darüber, welche Konsequenzen wir setzen, wenn unser Rechtsstaat verletzt wird.
Da es keinen Plan gibt und keine Ziele definiert sind, wohin wir wollen, welche Strategie von unseren Politikern verfolgt wird,  bewegen wir uns wie im luftleeren Raum. Ohne Fundament, auf das man sich rückbinden könnte und Verlässlichkeit böte.

Auch auf die Werte ist kein Verlass mehr

Auf die alten Werte, die bisher bei Entscheidungen meist eine gute Orientierungshilfe geleistet haben, ist kein Verlass mehr, weil sie in unserer Gesellschaft nicht mehr konsensfähig und damit allgemein gültig sind. Es gibt ein großes Spektrum an Vorstellungen, Einstellungen und Meinungen, was wichtig in unserem Leben ist, die oft diametral zueinander stehen und die im Extremfall sogar unsere Demokratie gefährden können. Alle diese Strömungen tragen in der Bevölkerung nicht zu einem Gefühl der Sicherheit bei. Wenn unsere Politiker zu wenig Orientierung geben, müssen sich die Menschen dort festhalten, wo sie sich mit ihren Bedenken ernst genommen fühlen. Wenn es dann jemandem gelingt, diese Unsicherheit für sich zu nutzen, dann haben wir Phänomene wie Pegida. Pegida formuliert die Bedenken, die Unsicherheit, die Angst, bringt sie ins Wort, spricht den Menschen aus der Seele. Sie verspricht auch Änderung, gibt vermeintliche Orientierung. Selbst Menschen, die mit den politischen Zielen von Pegida nicht einverstanden sind, können mitmachen, um wenigstens gegen ihre Angst etwas tun zu können.

Woran sollen sich die Flüchtlinge orientieren?

Unsicherheit überträgt sich. Wenn wir keine Orientierung haben, wohin unser Schiff mit der Flüchtlingsfrage läuft, wie sollen sich dann die Flüchtlinge orientieren können? Woran können sie sich verlässlich halten? Die Menschen, die zu uns ins Land kommen, haben durchweg eine hohe Meinung von Deutschland. Sie fühlen sich nicht nur bei uns sicher, sondern stehen unserer Gesellschaftsordnung auch positiv gegenüber. Wenn sie allerdings feststellen müssen, dass Deutschland außer einer Willkommensgeste keinen Plan hat, wie sie ihre Zukunft aufbauen können, entsteht auch bei ihnen Unruhe, die sich dann manifestiert, wenn sie sich auch noch mit Gegenreaktionen wie Brandstiftung auseinandersetzen müssen.

Die Chance hat keine Chance

Wir hätten eine Chance, wenn wir die Flüchtlingsfrage auch als Chance betrachten könnten. Als Chance, diesen Menschen in einer Art Übergangszeit zu helfen, westliche Werte kennen zu lernen, Erfahrungen mit der Demokratie zu sammeln, einen neuen Umgang mit Frauen zu erleben und durch Ausbildung für den Aufbau im eigenen Land nach dem Krieg fit zu werden. Beide Seiten könnten davon profitieren. Wir können Arbeitsplätze schaffen, die arabische Mentalität besser verstehen lernen, unseren Horizont weiten und dazu beitragen, dass sich durch Bildung und Ausbildung auch ein neuer syrischer Staat gründen kann, in dem die Menschenrechte mehr geachtet werden.

Jutta Mügge

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